Dr. Frank Schmädeke
Moorbodenschutz gemeinsam mit den Menschen in Niedersachsen gestalten: Klima schützen - Wertschöpfung sichern - Akzeptanz bewahren
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine verehrten Kollegen und Kolleginnen! Verehrte Gäste! Es ist für mich jetzt nicht einfach, den Bogen von den Vorkommnissen im Mittelmeer hin zu den Besorgnissen in den Moorregionen zu spannen. Ich will trotzdem mein Bestes tun. Außerdem ist dies der vorletzte Tagesordnungspunkt. Um noch ein wenig Aufmerksamkeit auf das Thema Moor zu ziehen, habe ich meine Rede etwas anders als üblich gestaltet. Ich möchte mit einer kleinen Weisheit beginnen: Das Moor ist nicht nur ein Stück Land. Es ist ein Stück Geschichte, ein Stück Natur, ein Stück Leben. - Dieses Zitat von einem uns allen Bekannten ‑ Hermann Löns ‑ stelle ich meiner heutigen Rede voran. Mit meinen Ausführungen möchte ich Ihnen einen Einblick sowohl in die Absicht unseres Antrages als auch in meine persönlichen Erfahrungen mit dem Moor geben, damit Sie sich am Ende der Beratungen für unseren Antrag aussprechen. Ich will Ihnen sagen: Ich bin ein Überzeugungstäter, wenn es um den Schutz und die Erhaltung des Moores geht. Es ist eine wertvolle Ressource, die nicht nur für die Landwirtschaft, sondern auch für die Umwelt von entscheidender Bedeutung ist. Ich bin stolz, ein Teil der Politik zu sein, die sich für das Moor einsetzt - für das Moor, meine Damen und Herren, und natürlich für die Partizipation der Menschen, die dort zum Teil schon seit Generationen leben, wirken, schuften und wirtschaften. Ich selbst bin ein Kind vom Rande des Moores, emotional verbunden mit der eindrucksvollen und vielfältigen Natur dieser Landschaft, mit den Menschen, die dort leben, und auch mit der Kultur und der Geschichte der Moore vertraut - so vertraut, dass ich heute mehr als nur eine Rede mitgebracht habe. Ich habe auch ein ganzes Stück Verantwortung aus dem Landkreis Nienburg mitgebracht. Darin verpackt ist zum einen so etwas. Ich weiß nicht, ob alle von Ihnen das kennen. Viele werden sagen: Ach, das ist eine Torfsode für den Gartenbau. - Nein, das ist es nicht. Bei dieser Torfsode, die ich mitgebracht habe und hier vorne vorsichtig ablege, handelt es sich um eine getrocknete Brenntorfsode, die mein Opa in den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts gestochen, getrocknet, abgefahren und im Torfschuppen des Hofes für den nächsten Winter eingelagert hat. Diese Sode steckt sonst als Relikt und Mahnung hinter den Dachsparren unseres Torfschuppens. Sie ist eine Erinnerung an die schweißtreibende Arbeit, die darin verborgen ist. Sie erzählt die Geschichte, wie das Moor das Leben der Menschen geprägt hat, und lehrt mich, das Moor zu respektieren und zu schätzen. Ich habe ‑ das ist jetzt kein Stonsdorfer ‑ noch ein Relikt mitgebracht. Viele würden sagen: Das ist Terrakotta. - Nein, das ist ein Relikt aus den 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Ich vermute, die Wenigsten von Ihnen wissen, was das ist: Das ist ‑ ich stelle das jetzt mal hierhin ‑ ein Teil der Bodendrainage, die in schweißtreibender Handarbeit in einer Tiefe von 40 oder 50 cm Reihe an Reihe in einem Drainstrang Richtung Vorfluter verlegt wurde. Strang an Strang folgte der schweißtreibenden Arbeit irgendwann auch das Wasser, welches dem Moor über die Drainung erfolgreich entzogen wurde und teilweise auch heute noch entzogen wird. Warum erzähle ich Ihnen all das? - Ganz einfach, früher hieß es nämlich: Das Wasser muss raus aus dem Moor, damit Lebensmittel produziert werden können. Nur die gemeinsame, großflächige Drainung und Vorflut machte dies möglich. Kleinflächige Ansätze, meine Damen und Herren, waren bei widrigen Rahmenbedingungen zum Scheitern verurteilt und führten zum Leiden der Menschen. Der gemeinsame Erfolg dieser Drainung war eine Generationenaufgabe. Wenn heute die Akteure vor Ort entscheiden, das Wasser muss zurück ins Moor, um einen Beitrag zum Moorerhalt und Klimaschutz zu leisten, dann kann die Drainung, vielleicht sogar diese Drainung ‑ das haben wir in einigen Ansätzen schon probiert ‑ genutzt werden, um den umgekehrten Fluss ‑ zurück vom Vorfluter ins Moor ‑ zu gewährleisten. Auch hier gilt: Kleinflächige Ansätze der Wiedervernässung werden bei widrigen Rahmenbedingungen scheitern. Der gemeinsame Erfolg einer erfolgreichen Wiedervernässung wird ebenfalls eine Generationenaufgabe sein. Wichtig ist: Das Wissen um die Möglichkeiten der Be- und Entwässerung ist in der Fläche vorhanden. Diese Potenziale und das Wissen um das Machbare vor Ort sind die Grundlage für die zukünftige erfolgreiche Entwicklung unseres Moores, und diese sollten wir nutzen. Meine Damen und Herren, mein eigener landwirtschaftlicher Betrieb in Heemsen liegt zwischen der Weser und dem etwa 5 km entfernten Lichtenmoor. Meine Familie ist dort seit eh und je mit allen Böden vertraut, vom besten Auenlehm über mittelmäßige Geestböden bis hin zu nassen und ertragsschwachen Standorten oder sogar Hochmoorflächen. Meine Familie war damals und ist auch jetzt noch in der glücklichen Lage, nicht nur auf organischen Böden oder sogar Hochmoorflächen wirtschaften zu müssen. Aber in der Vergangenheit waren wir sowie viele andere Betriebe und die Dorfbewohner ‑ für die galt das auch ‑ auf das Moor angewiesen, und zwar nicht nur zur Weidewirtschaft, sondern auch zur Brenntorfgewinnung, einfach um die Familien in warmen Stuben sicher über den Winter bringen zu können. Das gesellschaftliche Interesse am Moor war damals so groß, dass viele Kleinstparzellen eigentumsrechtlich zum Zwecke der Brenntorfgewinnung an alle Einwohner in der Nachbarschaft des Lichtenmoores ‑ das gilt auch für andere Moore ‑ verteilt wurden. So ‑ meine Damen und Herren, das muss man verstehen ‑ erklären sich die vielen und breit gestreuten Eigentumsparzellen, die sich auch heutzutage noch hinter den Dörfern im Moor finden lassen und mit denen wir es zu tun haben. Was hat das Ganze mit unserem Antrag zu tun, werden sich jetzt einige fragen. Ich möchte, dass Sie verstehen, dass Moore keine leeren und gesichtslosen Flächen sind, in die man einfach eingreifen kann. Sie sind die Heimat von Tieren und Pflanzen, von Familien, die mit ihrer Arbeit die Moore über Jahrhunderte so entwickelten, wie es die gesellschaftlichen Notwendigkeiten vorgaben. Es ist darum wichtig und richtig, in die Renaturierung der Moore und in den Moorbodenschutz neben schützenswerter Natur auch die Menschen zu integrieren, denen das Moor Heimat und Lebensgrundlage ist. Sie von SPD und Grünen dürfen auch ruhig klatschen. - Super! Dafür gebe ich Ihnen nachher einen Stonsdorfer aus. Mit unserem Antrag möchten wir erreichen, dass auch die kulturhistorische Leistung der Moorkultivierung in Niedersachsen und die enormen damit verbundenen Lebensleistungen mehrerer Generationen im ländlichen Raum öffentlich anerkannt werden. Wir wollen eine von Akzeptanz der Menschen getragene klimagerechte Umgestaltung der Moore, ebenso wie die Moor-Rekultivierung als langfristige Generationenaufgabe. Bei der Entscheidung über Maßnahmen des Klimaschutzes durch Moorbodenschutz müssen neben der Klimarelevanz und der Umsetzbarkeit von Maßnahmen auch die ökonomischen Folgen und insbesondere die Akzeptanz der Menschen vor Ort berücksichtigt werden. Unsere Forderungen enthalten außerdem ‑ um nur einige Punkte aufzuführen ‑ den Vorschlag, die Kompetenzen der Torfindustrie zum Zweck der Naturmoorgestaltung zu nutzen ‑ Wer soll es denn sonst machen? Woher sollen die Geräte kommen? ‑, die Freiwilligkeit zu wahren, Kompensationszahlungen mitzudenken und sich ganz klar ‑ ich wiederhole: ganz klar ‑ gegen Enteignungen zu stellen. Damit meine ich nicht nur die eigentumsrechtliche Übergabe in die öffentliche Hand. Wird eine Fläche ohne eine solche Übergabe unter Wasser gesetzt, kann der Besitzer diese Fläche nicht mehr betreten, muss aber weiterhin Unterhaltungsgebühren und Grundsteuern zahlen. Das ist, finde ich, grausamer als die sozialistische Enteignung. Daran müssen wir immer denken. Letztlich, meine Damen und Herren, soll durch unseren Antrag auch erreicht werden, dass man für diese umfangreichen, aber notwendigen Maßnahmen Kapazitäten zum Beispiel bei den Flurbereinigungsbehörden und den Wasserverbänden ‑ ich erzählte gestern schon davon ‑ schafft. Herr Finanzminister ‑ er ist nicht da ‑, dafür brauchen wir natürlich Geld. Ich danke Ihnen für die Gelegenheit, heute zu sprechen, und hoffe, dass ich mit diesem Einblick anderer Art in meine persönliche Erfahrung erfolgreich darum geworben habe, dass Sie sich nach den nun folgenden Diskussionen für unseren Antrag aussprechen. Lassen Sie uns gemeinsam ‑ ich wiederhole: gemeinsam ‑ das Moor schützen, erhalten und wiederherstellen! Lassen Sie uns gemeinsam das Moor als lebendigen Ort erhalten! Jetzt bitte ich um aller Beifall. Danke.
