Swantje Schendel
Gemeinsam statt Einsam: Gemeinschaft stärken - landesweite Strategie gegen Einsamkeit entwickeln
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleg*innen! Lieber Herr Holsten, ich kann gut damit leben, wenn wir hauptsächlich mit einer Kritik an Prozessen konfrontiert werden. Daran können wir sicherlich gemeinsam – und nicht einsam – weiterarbeiten. Inhaltlich haben wir wirklich nur wenige Differenzen. Ich möchte gerne noch ein wenig zur Vielseitigkeit von Einsamkeit ausführen. So steht im kürzlich beschlossenen Strategiepapier der Bundesregierung: „Einsamkeit ist so vielseitig wie die Menschen, die sie verspüren, die Ursachen, die sie ausmachen und die individuellen Biografien, die sie formen.“ Weil Einsamkeit so vielfältig ist, gibt es eben auch nicht die eine Lösung oder die eine Maßnahme zur Verbesserung der Prävention oder auch zur Linderung. Einsamkeit – das haben wir schon gehört – ist eine komplexe gesamtgesellschaftliche Herausforderung, die einer umfassenden strategischen Bearbeitung bedarf; darin sind wir uns ja ganz einig. Einen Einsamkeitsbeauftragten – auch das wurde schon deutlich – halten wir nicht für die Lösung. Denn wir sind der Auffassung, wir sollten lieber direkt in Projekte und Infrastrukturen vor Ort investieren. Wir glauben, dass unsere Ressourcen lieber in echte Menschen statt in Posten investiert werden sollten. Denn – auch das können Sie in der Einsamkeitsstrategie des Bundes nachlesen – nach bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen über Einsamkeit senken die Verfügbarkeit und die Erreichbarkeit von öffentlichen Infrastrukturen, von Freizeitgelegenheiten und von Mobilitätsangeboten im Wohnumfeld das Risiko für Einsamkeit. Doch – da haben wir vielleicht einen inhaltlichen Dissens; aber auch dazu verweise ich auf die bisherigen Erkenntnisse – wir dürfen nicht vergessen, dass insbesondere armutsbetroffene Menschen und solche Menschen, die Diskriminierung erfahren, besonders von Einsamkeit gefährdet sind. Genau deshalb müssen wir hier ansetzen. Armut und Diskriminierung schränken nicht nur die Möglichkeiten zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ein, sondern isolieren Menschen auch emotional und sozial. Unsere Antwort darauf muss deswegen klar sein: Wir bekämpfen nicht nur die Symptome, sondern auch die Ursachen von Einsamkeit. Ich glaube, auch da haben wir keinen Dissens. Wir müssen aber schauen, wer wirklich betroffen ist. Der Schlüssel dafür liegt in unseren Kommunen, in unseren Städten und Dörfern. Gerade dort, wo beispielsweise viele armutsbetroffene Menschen leben, muss in öffentliche Infrastruktur investiert werden, muss es barrierearme Mobilitätsangebote und Orte des Zusammenlebens geben. Eine sozialraumorientierte Stadtplanung, die viele Kommunen bereits betreiben, sowie die Förderung von Quartiersarbeit und ehrenamtlichen Strukturen bleiben daher wichtige Maßnahmen, die auch Einsamkeit entgegenwirken. Statt eines Einsamkeitsbeauftragten braucht es aus unserer Sicht eine intersektionale, diskriminierungssensible Strategie. Also: „Gemeinsam statt Einsam“ – das ist das Motto, mit dem wir lokale gemeinschaftliche und inklusive Ansätze fördern und fortentwickeln wollen. Denn die beste Prävention und Intervention gegen Einsamkeit findet vor Ort statt, wo direkte und persönliche Kontakte das soziale Gefüge stärken. Eine gute Strategie unterstützt daher bestehende Initiativen wie die Freiwilligenagenturen, die Selbsthilfekontaktstellen und Senior*innen- und Pflegestützpunkte. Genau das haben wir vor, wie mein Kollege Marten Gäde bereits ausgeführt hat. All dies ist nicht nur deshalb wichtig, weil Corona die Aufmerksamkeit auf das Thema Einsamkeit gelenkt hat. Denn Einsamkeit beeinträchtigt nicht nur die Gesundheit, nicht nur das gesellschaftliche Miteinander, sondern – hier lohnt die Aufmerksamkeit noch einmal – es beeinträchtigt auch die demokratische Teilhabe. Junge Menschen, die sich isoliert fühlen, neigen eher zu autoritären Überzeugungen, glauben eher an Verschwörungstheorien und billigen eher politische Gewalt. Das sollte ein Weckruf an uns alle sein! Denn wer einsam ist, sucht nach Zugehörigkeit und Gemeinschaft. Es ist unsere Aufgabe, diese Gemeinschaft in der Mitte der Gesellschaft zu bieten, Fürsorge und Halt zu geben und das Vertrauen in den Staat zu stärken. „Wir lassen niemanden zurück“ – das ist ein Versprechen, das wir gemeinsam einhalten müssen. Lassen sie uns deshalb auch der Einsamkeit strategisch und gemeinsam entgegenwirken! Haben Sie ein schönes gemeinsames und nicht einsames Wochenende!
