Julia Willie Hamburg
Mehrsprachig aufzuwachsen ist ein Schatz - Potenzial der Sprachvielfalt in Schulen nutzen!
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Vielleicht lassen Sie mich für diejenigen, die interessiert von draußen der Debatte folgen, einmal sagen: Das Instrument heißt „Aktuelle Stunde", weil aktuelle Themen besprochen werden sollen. Wenn ein Erlass veröffentlicht wird, ist das aktuell, und die Frage, wie das an Schulen gelebt wird, ebenso. Das hier zu diskutieren, ist sehr lohnend. Wir haben auch gerade gehört, wie unterschiedlich hier Schwerpunktsetzungen sein können. Insofern ist es gut, dass das Parlament auch über solche Themen diskutiert. Ich bin der Grünen-Fraktion sehr dankbar, dass hier auch vermeintlich kleine Themen, die aber wichtig sind für viele Menschen in diesem Land, aufgerufen und wertgeschätzt werden. Herzlichen Dank dafür. Mehrsprachigkeit ist tatsächlich ein großer Schatz. Sie ermöglicht Teilhabe an der Gesellschaft. Sie wertzuschätzen, sagt auch: Wir sehen dich oder Sie mit all den Potenzialen, die vorhanden sind. - Am Ende ist sie auch die Grundlage dafür, dass ein Deutscherlernen und eine Sprachförderung in diesem Bereich gelingt. Herr Rykena, ich frage mich, wie sich die Schülerinnen und Schüler fühlen, die heute hier sind und von Ihnen hören, dass sie mit ihrer Mehrsprachigkeit keinen Platz an Schulen haben sollen, und dann ihre Kolleginnen und Kollegen begeistert dazu klatschen. Ich glaube, dass das wirklich absolut respektlos ist und sich in der Form überhaupt nicht gehört. Und ich glaube, dass wir uns auch manchmal nicht verstehen, Herr Rykena, obwohl wir beide Deutsch sprechen. Auch das soll vorkommen. Auch Studien zu lesen, fällt Ihnen offensichtlich selbst in deutscher Sprache nicht leicht. Denn diese sagen, wenn ein Kind seine Familiensprache, seine Erstsprache, beherrscht, lernt es besser Deutsch und weitere Sprachen. Genau deshalb gehört die Förderung von Mehrsprachigkeit auch in die Schulen. Ich bin wirklich sehr dankbar für die vielen Kolleginnen und Kollegen Lehrkräfte, die verschiedene Sprachen sprechen und dadurch auch für Teilhabe von Schülerinnen und Schülern in Schulen sorgen. Mein Cousin beispielsweise spricht sieben Sprachen, und er ist Arzt. Das ist unglaublich praktisch und hilfreich, und ich beneide ihn dafür. Ich würde auch gerne sieben Sprachen sprechen, mir ist es aber leider nicht vergönnt. Und es ist auch völlig egal, mit welcher Sprache Menschen herkommen. Für den diplomatischen Dienst, als Arzt, als Lehrkraft, in der ganzen Gesellschaft, selbst als Verkäuferin oder Verkäufer kann Mehrsprachigkeit hilfreich sein. Wir wären doch falsch gewickelt, wenn wir solche Potenziale verschenken und nicht fördern würden! Denn das ist einfach in die Wiege gelegt. Wie großartig ist das denn, liebe Kolleginnen und Kollegen? Es ist völlig fatal, zu behaupten, wir ordnen dem alles andere unter. Mehrsprachigkeit ist ein Baustein, Sprachförderung und Deutschförderung ist ein anderer. Gerne gehe ich auf Ihre Fragen ein, Frau Ramdor. Schülerinnen und Schüler sollen keine Note erhalten, bis sie B1 erreichen, weil es Schülerinnen und Schüler gibt, die das überdurchschnittlich schnell können, und einige brauchen eben auch ein bisschen länger als zwei Jahre. Es hat sich in der Praxis einfach überhaupt nicht bewährt, hier eine starre Zeit vorzusehen, sondern es bewährt sich, das am Sprachstand zu orientieren. Sie können doch auch ein Kind nicht drei Jahre in der vierten Klasse lassen, weil es kein B1 erreicht hat oder nicht Deutsch kann. Wie absurd ist das denn bitte auch? Natürlich geht damit einher und auch das möchte ich deutlich betonen, dass Deutschförderung stattfindet. Solange ein Kind A1 oder A2 hat, stehen ihm 15 Stunden Sprachförderung in der Woche zu, liebe Kolleginnen und Kollegen. Das ist Sprachförderung, wie sie leibt und lebt, und das ist an der Stelle auch richtig so. Natürlich darf das aber nicht darüber hinwegtäuschen das möchte ich deutlich betonen, dass wir einen erheblichen Fachkräftemangel und auch eine sehr unzureichende Ausstattung mancher Schulen mit Sprachlehrerinnen und ‑lehrern haben. Es ist überhaupt keine Frage, dass wir uns hier noch deutlich verbessern müssen. Deswegen bin ich den Fraktionen auch sehr dankbar, dass sie jetzt zusätzliche Qualifizierungsmittel über die politische Liste einstellen, weil wir mehr DaZ-Förderung und ‑Unterstützung für Lehrkräfte brauchen. Hier sind Fortbildungen genau die richtige Antwort. Das Beispiel, das Sie beschrieben haben, mit den 100 Schülern, für die die Sprachförderung weggefallen ist, ist kein Problem des Erlasses, sondern es ist eine Frage der Nutzung von Bildungs- und Teilhabemitteln. Auch das werden Sie wahrscheinlich wahrgenommen haben. Da arbeiten wir zusammen mit dem Sozialministerium sehr intensiv an einer schnellen Lösung. Denn sie wurden zum Teil nicht rechtmäßig genutzt. Deswegen wurde dem widersprochen - und auch nicht vom Kultusministerium, sondern weil die Rechtslage des Bildungs- und Teilhabepaketes so ist, wie sie ist. Auch dazu erarbeiten das Kultusministerium und das Sozialministerium gerade eine schnelle Lösung, weil die Ressource in die Schulen gehört. Sie muss den Kindern zugutekommen, und deswegen setzen wir hier sehr viel Energie rein. Zur Frage der Mehrsprachigkeit wurde heute eine Menge gesagt. Wir haben das sehr intensiv gemeinsam mit den Verbänden besprochen, weil es sie betrifft, was wir hier tun. Es gibt den Wunsch nach einer Frage. Frau Ramdor, natürlich gerne. Es geht auch ohne mich. Frau Ramdor, bitteschön!
