Pascal Mennen
Entwicklungsmöglichkeiten durch mehr Freiräume - Schulen zukunftsfähig aufstellen, Beteiligte entlasten
Schulzeit und an die eigene Schule. Wir kennen diesen kleinen Stolz auch auf unsere Schule und ihre Besonderheiten, vor allem auch im Vergleich zu anderen Schulen der Stadt. Bei mir hat das mit dem Schulbesuch irgendwie nicht so richtig aufgehört. Ich besuche heute als schulpolitischer Sprecher im Schnitt jede Woche eine niedersächsische Schule, auch zusammen mit meiner Kollegin Frau Nzume. In den vielen Hospitationen und Gesprächen spüre ich überall diesen Stolz auf die eigene Schule. Schulleitungen, Lehrkräfte, Schüler*innen, aber auch Eltern erzählen neben all den Herausforderungen, die es natürlich auch gibt, von den Besonderheiten, vom Engagement und von speziellen Angeboten, die es eben nur an ihrer Schule gibt. Ich finde das total wichtig und es freut mich wirklich bei jedem Besuch, weil es zeigt, dass Schule für alle weit mehr als eine Pflichtaufgabe oder ein karger Lernort ist und wie engagiert insbesondere Schulleitungen und Lehrkräfte sind, auf deren Engagement diese Besonderheiten häufig zurückzuführen sind. Bei meinen Schulbesuchen höre ich aber auch immer wieder einen Satz, der mich nachdenklich stimmt: Wir würden ja gerne. Aber dürfen wir das überhaupt? - Oder mir wird total stolz irgendetwas ganz Besonderes gezeigt, und im gleichen Atemzug kommt die Aussage: Aber sagen Sie es nicht weiter, wir sind uns gar nicht sicher, ob man das so machen darf! Ich finde, genau diese innovativen und guten praktikablen Ideen, die aber immer wieder zu rechtlichen Bedenken führen, schlicht weil sie bisher nicht bedacht wurden oder weil die Regeln für die Schulen und ihre Entwicklung zu eng sind, sollten wir überdenken. Das ist ein Ruf nach Freiräumen, ein Ruf nach Beinfreiheit für alle an Schule Beteiligten, den ich hier immer wieder höre. Genau da wollen, sollen und müssen wir mit diesem Antrag wirklich dringend hin. Es sind die Beteiligten vor Ort, die ihre Schule am besten kennen. Das soziale, das kulturelle, das strukturelle Umfeld ist immer und an jeder Schule wirklich einzigartig. Darum muss jede Schule die Möglichkeit haben, ihren Betrieb an die Realität vor Ort anzupassen. Genau das wollen wir mit diesem Antrag tun. Sehr geehrte Kolleg*innen, jetzt höre ich aus skeptischem Mund schon die Frage: Können die das? - Meine ganz klare Antwort auch nach diesen vielen Gesprächen lautet: Ja, die Schüler*innen und auch die Lehrkräfte vor Ort, das sind die wahren Profis, die spätestens in der Corona-Pandemie ganz klar gezeigt haben, was sie können. Vor allem aufgrund des Engagements von Lehrkräften haben die Digitalisierung und auch die Individualisierung und Förderung einen ordentlichen Schub erfahren. Doch wir wollen keine zusätzlichen Belastungen und keinen zusätzlichen Druck, wie es in der Corona-Pandemie passiert ist, sondern wir wollen hier an der Stelle aktiv unterstützen und dafür einiges an die Hand geben. Um es ganz plastisch zu sagen: Wir geben den Schulen mit diesem Antrag einen gut ausgestatteten Werkzeugkasten an die Hand. Wir könnten im Prinzip auch alle Schulen in Niedersachsen von oben her mit dem gleichen Werkzeug ausstatten und gleichbehandeln, in einem engen rechtlichen Korsett, wie es teilweise jetzt besteht. Das führt aber zu Gleichschritt, das führt auch zu Trägheit und auch durchaus zu Lustlosigkeit in der Schulentwicklung. Diese Gleichmacherei funktioniert meiner Meinung nach heute auch überhaupt gar nicht mehr vor dem Hintergrund der vielen unterschiedlichen Voraussetzungen der Schulen. Sie müssen flexibler und anpassungsfähiger werden. Das sind wir, ehrlich gesagt, auch den Schülerinnen und Schülern schuldig. Wir leben außerdem in einer Welt, die immer komplexer und differenzierter wird. Das darf nicht bedeuten, dass Lehrpläne, dass Kerncurricula auch immer voller und differenzierter und komplexer werden, sondern das Gegenteil muss der Fall sein, wenn wir junge Menschen wirklich resilient machen wollen, wenn wir sie befähigen wollen für die Herausforderungen der Zukunft, für Berufe, die wir heute vielleicht noch gar nicht kennen. Wir wollen deshalb dafür sorgen, dass die Schulen Raum zur individuellen Entwicklung haben, dass sie beispielsweise jahrgangsübergreifendes Lernen ermöglichen, andere Bewertungsformen zulassen oder den Schüler*innen ein selbstständiges Lernen im eigenen Tempo ermöglichen. Solche Ansätze ‑ das ist vielfach wissenschaftlich belegt ‑ fördern nicht nur die Lernfreude, sondern sind auch effektiver und letztlich auch gesünder für alle Beteiligten. Deshalb fördern wir solche Ansätze mit diesem wichtigen Antrag. Sehr geehrte Kolleg*innen, mit mehr Freiräumen können die Schulen sich ein eigenes Profil geben. Dafür bekommen sie nun mehr Vertrauen und Verantwortung. Hier passt auch mein Zitat von Ministerin Hamburg aus meiner gestrigen Rede: Die Schulen und Schulträger wissen am besten, was passt. Dabei müssen die Schüler*innen im Mittelpunkt stehen. Die mussten während der Pandemie enorm einstecken. Wir sind es ihnen schuldig, dass ihre Schulen zu angenehmen und bedürfnisorientierten Orten werden. Es ist heute nicht mehr erklärbar und auch schlicht nicht mehr umsetzbar, alle Schüler*innen im Gleichschritt bis zur nächsten Klassenarbeit zu tragen. Egal ob hochbegabt, mit Förderbedarf oder im Mittelfeld - im eigenen Tempo zu lernen, ist ein ernst zu nehmender Anspruch, den Kinder und Jugendliche haben. So gelingt es uns letztlich, Kinder wirklich stark zu machen für die Herausforderungen dieser Zeit. Selbstbewusstsein, Empathie, Neugier, aber auch Engagement und Entdeckergeist brauchen Freiräume für die Schulen. Dafür brauchen wir in erster Linie mehr Mut. Freiheit im Denken und Handeln, die Entschlossenheit, Veränderungen anzupacken, und Überzeugungskraft lassen sich an dieser Stelle nicht kaufen. Ich habe eingangs den Stolz auf die eigene Schule angesprochen. Ich hoffe, alle hatten ein Bild im Kopf. Ich habe im vergangenen Sommer 20-jähriges Abitur feiern dürfen und war nach langer Zeit mal wieder an meiner eigenen Schule. Auch die hat sich ordentlich entwickelt: Ein Zusammenschluss mit gemeinsamem Sekretariat mit der örtlichen Musikschule beispielsweise, neu ausprobierte Raumkonzepte und auch eine deutlich inklusivere Haltung, die die Vielfalt der Schüler*innen in sämtlichen Dimensionen mitdenkt, sind nur einige Beispiele. Die Schule ist heute deutlich weiter, als ich sie in Erinnerung hatte. Das ist es, was ich mir auch für all die Schulen wünsche, die Sie zu Beginn meiner Rede im Kopf hatten und wofür wir mit diesem Antrag einen deutlichen Impuls setzen wollen. Vielen Dank.
