Sophie Ramdor
Einsamkeit und soziale Isolation als gesamtgesellschaftliche Aufgabe anerkennen und Lösungskonzepte sowie Präventionskonzepte erarbeiten!
Sophie Ramdor (CDU): Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Heute möchte ich ein Thema einbringen, das immer mehr Menschen betrifft, aber oft nicht ausreichend beachtet wird: Einsamkeit. Auf der Umfrageplattform „#ndrfragt“ gaben im Februar über 60 % der Teilnehmer aus Niedersachsen an, Erfahrung mit dem Gefühl der Einsamkeit gemacht haben, unabhängig davon, ob sie in einer Beziehung leben, Familie haben oder andere Menschen und Freunde treffen. Einsamkeit ist eine emotionale Erfahrung, die durch das Fehlen von sozialen Kontakten und die Wahrnehmung von Isolation entsteht. Sie betrifft Menschen jeden Alters, jeder sozialen Schicht und jeder Kultur. In unserer modernen Gesellschaft, in der viele Menschen sich auf die digitalen Medien und Technologien verlassen, um mit anderen in Kontakt zu bleiben, wird Einsamkeit zum immer größeren Problem. In dem Antrag geht es um eine immer stärkere Distanzierung in sozialen Beziehungen, veränderte familiäre Bedingungen und fehlende Kontakte. Die Distanzierung zeichnet sich auch dadurch aus, dass die Bereitschaft gibt, sich ehrenamtlich in Vereinen, Kirchen und Parteien zu engagieren, immer weiter abnimmt. Es geht um ältere Menschen, die es immer schwerer haben, außerhalb ihrer Wohnung mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, aber auch um junge Menschen, deren soziale Gebilde und Beziehungen immer instabiler und schnelllebiger werden. Dies alles sind Phänomene, die in den nächsten Jahren und Jahrzehnten immer stärker auftreten werden, nicht wieder verschwinden und infolgedessen auch neue Lösungen notwendig machen. Einsamkeit kann schwerwiegende Auswirkungen auf die körperliche und geistige Gesundheit haben. Sie kann zu Depressionen, Angstzuständen, Schlafstörungen, einem immer schwächer werdenden Immunsystem und gar zu einem früheren Tod führen. Darüber hinaus kann Einsamkeit zu einem Teufelskreis werden, da sich isolierte Menschen oft zurückziehen, soziale Interaktion vermeiden und sich die Einsamkeit dadurch verfestigt. Eine Studie aus den USA und Frankreich mit über 12 000 Teilnehmern zeigt, dass Einsamkeit beispielsweise mit einem 40 % höheren Risiko einhergeht, im Laufe des Lebens an einer Alzheimer-Erkrankung zu erkranken. Bereits vor der Corona-Pandemie gaben schon 26,6 % der Befragten in Deutschland an, sich mehrmals pro Woche oder sogar täglich einsam zu fühlen. Meine sehr geehrten Damen und Herren, diese eklatanten Auswirkungen auf die Gesundheit, das Empfinden der Bevölkerung dürfen wir nicht länger nur am Rande betrachten. Es braucht eine Antwort aus der Politik, um diese Herausforderung anzugehen. (Beifall bei der CDU) Viele von Einsamkeit und sozialer Isolation betroffene Menschen reden ihre Situation klein oder leugnen sie ganz, weil sie sich schämen oder nicht hilfsbedürftig erscheinen möchten. Im November 2022 hat das Bundesfamilienministerium eine Sensibilisierungskampagne zum Thema Einsamkeit gestartet. Es wird Zeit, dass wir auch in Niedersachsen dieses Thema auf die Tagesordnung setzen und die Zusammenhänge zwischen Einsamkeit und anderen Merkmalen wie Bildung, Alter oder Herkunft erforschen, um den Menschen zu helfen und Lösungen anzubieten. Um dieses Thema auf Landesebene dauerhaft und nachhaltig zu etablieren, bringen wir diesen Entschließungsantrag in den Niedersächsischen Landtag ein und fordern, dass das Thema Einsamkeit zur Chefsache gemacht wird. (Beifall bei der CDU) Dies tun wir, indem der Ministerpräsident bei der Staatskanzlei eine oder einen Landesbeauftragten gegen Einsamkeit und für gesellschaftlichen Zusammenhalt einrichtet und somit eine ganzheitliche Betrachtung des Themas und ein ressortübergreifendes Arbeiten sicherstellt. Die oder der Landesbeauftragte soll das Thema zudem in der Öffentlichkeit nachhaltig stärken, dafür sensibilisieren und Ängste abbauen. England hat diese Problematik bereits 2018 erkannt und ein Einsamkeitsministerium gegründet. Wir können es uns nicht mehr leisten, dieses Thema nur am Rande zu betrachten. Dem Beispiel Niedersachsens können und sollten dann andere Bundesländer und auch die Bundesregierung folgen, damit Einsamkeitsbekämpfung den Stellenwert in der politischen Debatte erhält, den sie verdient. (Beifall bei der CDU) Mit unserem Vorschlag wären wir in Niedersachsen bei diesem wichtigen Thema zudem Vorreiter in ganz Deutschland. Außerdem muss die Landesregierung gemeinsam mit den Kommunen und Organisationen der Freien Wohlfahrtspflege einen Landesaktionsplan zur Prävention und Bekämpfung von Einsamkeit und sozialer Isolation erarbeiten. Es ist unsere Pflicht, die Menschen buchstäblich nicht mit der Einsamkeit allein zu lassen. In diesem Zuge soll auch geprüft werden, wie das Thema zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe in Niedersachsen werden kann, die in allen Bereichen des öffentlichen Handelns Berücksichtigung findet. Um sicherzustellen, dass das Thema Einsamkeit und soziale Isolation dabei dauerhaft, ressortübergreifend in das Handeln der Landesregierung einfließt, soll die oder der Landesbeauftragte dabei federführend innerhalb ihres oder seines Aufgabenbereichs sein. Über eine regelmäßige Evaluation bestehender und zukünftiger Präventions- und Interventionsmaßnahmen soll sie oder er darüber hinaus eine regelmäßige Übersicht über die Erfolge bei der Bekämpfung der Einsamkeit liefern. Wir wollen, dass die Politik wirklich wirkt, und dazu gehört eine ehrliche Bestandsaufnahme der Maßnahmen. Die Datenlage zur Einsamkeit in Niedersachsen und Deutschland speist sich bisher vor allem aus dem Sozio-oekonomischen Panel. Konkrete Daten zu Krankheitsfolgen und den speziellen Auswirkungen der Einsamkeit über verschiedene Generationen liegen aktuell nicht umfassend vor. Das ist ein Versäumnis, welches wir schnellstens beseitigen müssen. Um genau diese Daten zu erhalten und noch genauere Einblicke in die Forschung und wissenschaftliche Fortschritte in diesem Bereich zu erhalten und zu fördern, soll daher ein Forschungspreis von der Landesregierung ausgelobt werden, um Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei der Beschäftigung mit dem Thema Einsamkeit und soziale Isolation zu helfen und noch stärkere Anreize zu setzen, um dieses Thema in der Forschung voranzubringen. Auch sollen die Themenfelder Einsamkeit und soziale Isolation in den betreffenden Studienfächern wie Medizin und soziale Arbeit verankert werden. Die Grundlage für die notwendige Aufmerksamkeit für diese gesellschaftlichen Themen legen wir damit frühzeitig in der Ausbildung. Und nicht zu vergessen: der Wohnungsmarkt. Wir wollen, dass geprüft wird, inwieweit gemeinschaftlich-solidarische Wohnformen gefördert werden können, um Einsamkeit vorzubeugen. Es geht um mehr soziale Kontakte, die Chance, gegenseitige Unterstützung wieder stärker zu fördern, und darum, Generationen miteinander zu vernetzen. Denn ein entsprechendes soziales Umfeld schützt vor Isolation, vor Suchtproblematiken und einem Auseinanderdriften der Gesellschaft. Sehr geehrte Damen und Herren, Einsamkeit ist kein parteipolitisches Thema. Es ist eines, das unsere Gesellschaft betrifft. Daher werbe ich hier für unseren Antrag und für eine offene und konstruktive Debatte im Ausschuss. Lassen Sie uns uns gemeinsam dieser Herausforderung stellen, dem Thema die notwendige Öffentlichkeit geben und Lösungsvorschläge präsentieren! Wir müssen uns als Gesellschaft der Einsamkeit stellen und Maßnahmen ergreifen, um sie zu bekämpfen. In einer Zeit, in der die Welt immer schnelllebiger und unvorhersehbarer geworden ist, ist es wichtiger denn je, dass wir uns auf unsere Gemeinschaft besinnen und uns umeinander kümmern. Wir sollten uns bewusst sein, dass jeder von uns von Zeit zu Zeit Einsamkeit erfahren kann, dass wir alle eine Verantwortung haben, einander zu unterstützen. Dafür stellen wir von der CDU-Fraktion jetzt die richtigen Weichen. Ich freue mich auf diese wichtige und notwendige Debatte zur Einsamkeit und eine hoffentlich schnelle Umsetzung durch die Landesregierung. Vielen Dank. (Beifall bei der CDU und Zustimmung bei den GRÜNEN)
