Alfred Dannenberg
Stillstand in der niedersächsischen Wolfspolitik: Wann kommt die Landesregierung endlich ins Handeln?
(Rednerwechsel) Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! 9.49 Uhr - jetzt gerade begeben sich meine Verlobte und unser kleiner Sohn auf ihren Vormittagsspaziergang. Wir wohnen nicht mitten in der Stadt, wo die meisten Grünen-Wähler herkommen, sondern auf dem Land - auf einem Bauernhof, 3 km von der nächsten Ortschaft entfernt, umgeben von Wald, Feldern und Wiesen, im Heidekreis. Durch den Wolf gab es hier allein seit Beginn dieses Jahres 26 tote und 14 verletzte Weidetiere. Was in meiner Gegend noch so alles passiert ist: Wolf greift Großpferd in Offenstall an. Wolf erscheint mitten am Tag auf einem belebten Ponyhof. Wölfe rennen mit der Fahrradfahrerin um die Wette. Wölfe nähern sich zwei kleinen Jungen beim Schlittenfahren, zeigen keine Scheu, weichen nicht zurück. Das alles sind Ereignisse allein des vergangenen halben Jahres. 9.50 Uhr - meine Herzdame und unser Lütter sind jetzt gerade draußen unterwegs. Sehr geehrter Herr Umweltminister Meyer, sehr geehrter Herr Ministerpräsident Weil, was soll ich meinen Lieben zu Hause denn nun erzählen? Einfach so tun, als wär nichts, und unbesorgt sein? Oder im Haus bleiben? Oder soll ich mein Kind, das draußen spielen möchte, jetzt einzäunen? Wir brauchen endlich eine praktikable Problemlösung, keinen Gesprächskreis, kein Verstecken hinter vermeintlichen Zuständigkeiten anderer. Sie sind die Verantwortlichen für das, was hier in Niedersachsen passiert. Sagen Sie nicht, wir von der Opposition hätten Sie nicht gewarnt! Seit November erfolgten von der AfD zwei Dringliche Anfragen sowie eine Frage an den Ministerpräsidenten im Plenum, außerdem sechs schriftliche Anfragen. Von der CDU ‑ schöne Grüße an die Brandmauer! ‑ einen Entschließungsantrag und ebenfalls sechs schriftliche Anfragen. Liebe Kollegen von der CDU, schön, dass wir hier an einem Strang ziehen. Das Thema ist viel zu wichtig für parteipolitischen Kindergarten. Noch schöner wäre es gewesen, wenn Sie Ihren Einfluss als Regierungspartei bis letzten Herbst genutzt hätten, hier schon mal weiterzukommen. Und noch, noch schöner wäre, wenn in dieser objektiv bedrohlichen Lage auch SPD und Grüne mitzögen. Die kommunale Ebene macht uns das nämlich gerade vor. Sagt Ihnen die Uelzener Erklärung zum Wolf etwas? Eine Resolution, fachlich sehr gut formuliert, zur Forderung eines aktiven Wolfsmanagements, am 25. April im Uelzener Kreistag einstimmig beschlossen - von allen Parteien: SPD, CDU, AfD, FDP, Unabhängige Wählergemeinschaften und sogar den Grünen. Diese Uelzener Erklärung zum Wolf ‑ googeln Sie das mal! ‑ muss also ziemlich gut und absolut mehrheitsfähig sein. An die SPD und an die Grünen: Ihr Stillstand hier auf Landesebene führt dazu, dass Sie von Ihren eigenen Parteifreunden in Uelzen rechts überholt worden sind. Und in den Landkreisen Celle, Lüneburg, Rotenburg, Landkreis Heidekreis werden gerade Resolutionen mit exakt dem gleichen Text eingebracht - von den verschiedensten Parteien und Gruppierungen. Die machen es Ihnen vor. Auch in anderen Landkreisen Niedersachsens sorgt man sich wegen des Wolfes. Vor zehn Tagen in Aurich: große Demo gegen den Wolf. Das ist von meinem Zuhause weit weg, aber ich war dabei. Sehr geehrter Herr Siebels ‑ er ist jetzt gerade nicht zu sehen ‑, für Sie wäre das ein Heimspiel gewesen. Warum stellen Sie sich als Parlamentarischer Geschäftsführer der Regierungspartei SPD nicht den Sorgen der Menschen vor Ort? Waren Ihnen 3.000 Teilnehmer nicht genug? Und von den Grünen war auch keiner da. Die Landesregierung taucht beim Thema Wolf komplett ab. Wollen Sie warten, bis einem Menschen etwas zustößt? Das könnte nur eine Frage der Zeit sein. Und dann? Wird es dann heißen: „Das war ein Einzelfall. Das Opfer hat sich falsch verhalten.“? Diese verhöhnenden Worthülsen kenne ich irgendwoher. Furchtbar! Stichwort: „furchtbar“: Das hier ist die Rissliste des Landes Niedersachsen - alle gemeldeten Risse seit 2008. 3.364 tote, 669 verletzte und 280 verschollene Tiere. 46 Seiten grausames Tierleid! Bei lebendigem Leibe angefressen oder aufgefressen! Ist das noch nicht genug? Ich empfehle diese Rissliste jedem Mitglied der naturfernen Bionade-Bourgeoisie zur Lektüre. Ich lege sie auf meinen Platz. Und hören Sie mir bitte auf mit Zaunbau! Es gibt keinen Zaun, den ein hungriger Wolf nicht zu überwinden vermag. Diese Liste ist voll von Opfern hinter vermeintlich wolfsabweisenden Zäunen. Schon schlimm genug, dass Sie die ganze Landschaft mit Windrädern verschandeln wollen. Zerschneiden Sie sie nicht auch noch mit immer hochgerüsteteren Zäunen! Biotopvernetzung ade! Und das nur für diese eine Art, Canis Lupus? Der zudem längst einen stabilen Erhaltungszustand aufweist - von den immensen Kosten ganz zu schweigen. Man muss ja schon fast lachen, wenn es nicht so traurig wäre: Laut Medienberichten vom Montag scheinen Sie ja nicht mal mehr das Geld zur Auszahlung der bereits bewilligten Anträge auf Zuschüsse zum Zaunbau zu haben. Und kommen Sie mir auch nicht mit diesen riesigen speziellen Herdenschutzhunden. Die sind gemeingefährlich, und denen sind auch schon Menschen zum Opfer gefallen. Gerade vor ein paar Wochen rief mich ein Schäfer aus dem Landkreis Celle an. Er hat aufgegeben. Er wollte das mit den Schutzhunden nicht mehr machen. Das Risiko wollte er nicht eingehen. Wie so viele andere Tierhalter in unserer Kulturlandschaft hat er aufgegeben. Das kann nicht sein. Die Wolfspolitik dieser Landesregierung scheitert komplett. Herr Weil! Herr Meyer! Kommen Sie aus der Deckung! Übernehmen Sie endlich Verantwortung! Veranlassen Sie ein sofortiges aktives Wolfsmanagement!
