Nadine Julitz
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Ich hatte eigentlich nicht vor, heute zu der Debatte hier zu sprechen, aber ich finde es wirklich schlimm, was wir uns hier anhören. Wir reden immer mal wieder über Opferschutz. Ich habe einmal durchgezählt, hier im Raum sitzen statistisch gesehen fünf Frauen, die bereits Opfer strafrechtlich sexueller Gewalt geworden sind. (Sandy van Baal, fraktionslos: Ich bin eine davon.) Ich bin auch eine davon. Ich habe mich immer für eine selbstbewusste Frau gehalten und ich hätte nie gedacht, dass ich in so einer Situation nicht kämpfen oder mich nicht wehren würde. Aber genau das ist passiert. Und die Kollegin hat es gesagt, dieser Freeze-Zustand, ich bin erstarrt, minutenlang, viel zu lange. Ich habe es zur Anzeige gebracht. Und was mir dann immer wieder begegnet ist, ist die Frage: Warum haben Sie sich nicht früher gewehrt? Warum haben Sie das so lange zugelassen? (Elke-Annette Schmidt, Die Linke: Das ist der Punkt, genau!) Solche Fragen geben Betroffenen das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Und ich habe lange darüber nachgedacht, was ich falsch gemacht habe, warum ich das nicht, warum ich mich nicht gewehrt habe, warum ich nicht laut war, und habe mich gefragt, das hast du doch mal anders gelernt, das hast du, das war doch immer klar, was man macht, wenn das passiert. Dieser Freeze-Zustand ist keine Ausnahme, es ist eine ganz häufige Reaktion, eine ganz reale Reaktion auf Angst und Überforderung. Und genau deshalb müssen wir sauber argumentieren. Wenn Sie in dieser Debatte mit diesen unpassenden und verharmlosenden Beispielen arbeiten, etwa mit, wie man mit romantischen Situationen nach einem Streit reagieren könnte, (Steffi Pulz-Debler, Die Linke: Richtig!) dann fehlen mir die Worte. Behaupten Sie nicht, Sie wüssten, wovon Sie sprechen, wenn solche Erfahrungen dabei ausgeblendet werden! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, CDU, Die Linke, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der Gruppe der FDP)
