Heiko Miraß
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Kollege Förster, der hat es erwähnt, ich habe vor fast genau einem Jahr in Gdynia anlässlich des 80. Jahrestages des Versenkens der „Gustloff“, dieses furchtbaren Geschehens, eine Rede gehalten. Ich werde mich jetzt auch in weiten Teilen an diese Rede anlehnen, damit Sie auch wissen, was ich da im Namen der Menschen in Mecklenburg-Vorpommern, im Namen der Landesregierung gesagt habe. Bei dem Versuch, wahrhaftig Geschehenes, furchtbares Geschehenes in Worte zu fassen, sich dem Grauen zu nähern – das war ja auch hier schon der Fall –, haben sich viele Redner in den letzten Jahren ganz sicher von dem Begriff des unvorstellbaren Leids führen lassen. Die allermeisten von uns sind ja inzwischen Nachkriegsgeborene. Man muss mal dazusagen, welch ein Glück, dass bei allem Bemühen um ein Besinnen auf diese Geschehnisse und das Erinnern an die Opfer und die Überlebenden das Ausmaß der Schrecken und des Elends, das Ausmaß der Schrecken und des Elends für uns eben unvorstellbar bleibt und wir von unvorstellbarem Leid wirklich im Wortsinne reden können. Seit 80 Jahren haben wir nie wieder am eigenen Leib oder der eigenen Seele so etwas erfahren müssen. Dass es für sie unvorstellbar bleibt, das hätten sich auch ganz sicher diejenigen gewünscht, die das Glück hatten, den furchtbaren Katastrophen, über die wir heute sprechen, lebendig zu entrinnen, die aber immer wieder vom Erlebten eingeholt wurden, die es sich immer wieder vorstellen mussten, ob sie wollten oder nicht. Wie viele der vermeintlich glücklich der Hölle der Nächte des 30. Januar, des 10. Februar oder 16. April an Bord der „Gustloff“, der „Steuben“ oder der „Goya“ Entkommenen haben ihr Leben lang nicht vergessen können, wie viele wurden gerade nachts heimgesucht, schweißgebadet, schreiend erwacht von den Bildern Ertrinkender, den entsetzlichen Schreien der Mütter, die ihre Kinder nicht vor dem Sturz in die eiskalte Ostsee – in dieser Nacht waren es minus 18 Grad, die gemessen worden sind – retten konnten, dem verzweifelten Hämmern an die unzerstörbaren Panzerglasscheiben des Salons auf der „Gustloff“?! Eine Überlebende des Unglücks berichtete, dass sie ihren Kindern – Herr Förster hat das auch erwähnt – nie das Lied „Alle meine Entchen“ vorsingen konnte, weil sie bei der Liedzeile „Köpfchen unter Wasser, Schwänzchen in die Höhe“ mal wieder an die grauenhaften Bilder der Säuglinge denken musste, bei denen das schwere Köpfchen untergetaucht war und die blaugefrorenen Beinchen in die eiskalte Luft ragten. Eine andere Zeugin dieser Ereignisse machte sich Vorwürfe, sie hätte ihre Schwester und ihre Mutter doch fester halten müssen, wieder eine andere Überlebende berichtete davon, dass sie aus Angst, in die Tiefe gerissen zu werden, Menschen mit den Füßen weggetreten habe. Und meine Heimatinsel Rügen wurde in der Nacht zum 31. Januar 1945 von einem Flottentorpedoboot T 36 angesteuert, an Bord 564 Überlebende. Eine Sassnitzer Schülerin berichtete von den damaligen Ereignissen: Die Menschen lagen zum Teil nackt in Decken, in Kabinen, Aufenthaltsräumen und Gängen, alles war vollgekotzt, und noch Schlimmeres, Kinder, die ihre Mutter nicht finden konnten, schrien, und einige konnten, vom Schock gezeichnet, nicht mehr sprechen. Wir sollten sie anziehen, füttern und die Kabinen säubern, die meisten von uns haben vor Ekel die Flucht ergriffen, geblieben sind nur wenige. Unvorstellbar, wie Menschen mit dieser Last jemals wieder lachen, singen und lieben konnten, Wunden an der Seele, die nie verheilt sind und oft auch unbewusst auf die folgende Generation übertragen wurden. Unvorstellbar, gerade in Gdynia, dem Ort, wo ich vor etwa einem Jahr gemeinsam mit der Stadtpräsidentin und Vertretern der Bundesregierung und der deutschen Minderheit Kränze zum Gedenken ins Wasser der Danziger Bucht geworfen habe. Unvorstellbar, wo 80 Jahre zuvor nach tagelangen Märschen durch den eiskalten Winter so viel tausendfache Hoffnung, war es auch die riesige Zahl derjenigen, die ihr Leben verloren haben. Schon die Vorstellung der kalten, nackten, würgenden Angst und Verzweiflung eines einzelnen Menschen in den Stunden seines Todes ist ja unerträglich. Und dann standen wir an diesem Ort des Glaubens und der Zuversicht und gedachten dieser vieltausendfachen Schicksale, Hunderte Kinder unter ihnen, die noch alles vor sich hatten, lauter ungelebte Leben. Das ist wirklich unvorstellbar gewesen. Lang ist auch die Liste der versenkten Schiffe, besonders in den beiden großen Kriegen. Auch die Bombardierung der „Cap Arcona“ wurde erwähnt mit 7.000 KZ-Häftlingen an Bord, die Versenkung der „Petrella“ mit 2.700 italienischen Kriegsgefangenen oder der „Armenija“ mit 4.000 sowjetischen Verletzten. Die machten besonders betroffen und wütend, denn es traf Menschen, die selbst Opfer, selbst auf der Flucht, Unbeteiligte und jedenfalls in diesem Moment nicht Täter waren. Ob aber Zivilisten oder Soldaten, die Toten und ihre Schicksale, die grauenhaften Erlebnisse der letzten Momente ihres Lebens, die mahnen uns: Das darf nie wieder sein, nicht hier in Deutschland, nicht in Polen, nicht in der Ukraine, nicht im Nahen Osten und auch nicht in einem der vielen vergessenen Kriegsgebiete, in keinem der Folterkeller eines Diktators und in keinem Zwangsarbeitslager eines menschenverachtenden Regimes! Aber schnell gesagt, wie wird es denn „Nie wieder!“? Es fängt ja nicht beim Krieg an, es beginnt dabei, wie wir miteinander reden, wie viel Respekt oder Verachtung, wie viel Großzügigkeit oder Missgunst, wie viel Egoismus oder Mitgefühl, wie viel Bereitschaft zum Verstehen und zum Vergeben in der Welt ist. Und wir alle mögen uns ein Urteil darüber bilden, in welche Richtung sich die Welt in den letzten Jahren entwickelt hat, und jeder mag für sich seine Schlüsse daraus ziehen. Nein, die beiden letzten Kriege, und auch viele davor, waren keine bedauerlichen Betriebsunfälle der Geschichte. Einen Krieg zu erleben, das war nicht die Ausnahme, sondern es war die Regel. Und nein, unsere Ahnen waren auch nicht von einem inzwischen ausgerotteten Virus befallen, das sie in solche Katastrophen gestürzt hat, und die Täter kamen auch nicht vom Mars. Lesen Sie die Tagebücher von Victor Klemperer aus den 30er-Jahren, und Sie sehen, wie schleichend sich die Katastrophe nähert und in den Alltag sickert. Das große Finale wird dann mit Sirenengeheul, mit leise heranzischenden Torpedos und den dröhnenden Motoren der Bomber angekündigt. Die Vorhut aber, das sind hasserfüllte Reden, das ist das Verteilen, das Teilen herabwürdigender Posts in den sozialen Medien, das sind abschätzige Blicke, die Unterscheidung zwischen „denen“ und „uns“. Und es sind Verschwörungstheorien von dunklen Mächten, denen endlich ein starker Politiker entgegentreten muss. Liebe Kolleginnen und Kollegen, das Böse ist noch in der Welt und es zeigt sich selten ganz offen. Reißen wir ihm deswegen immer wieder die bürgerliche Maske vom Gesicht und zeigen wir in unserem Denken, Reden und Tun, dass es anders geht und dass es besser ist! Die Bereitschaft zum Verständnis, zum Vergeben und zur Versöhnung bei jedem Einzelnen von uns ist dabei entscheidend. Aber auch die gemeinsame Sorge um Gerechtigkeit in der Welt und um anerkannte Regeln und Institutionen zu ihrem Schutz müssen wir zu unseren Themen machen, jeder und jede Einzelne von uns jeden Tag. Unvorstellbares Leid, möge es auch in Zukunft unvorstellbar bleiben, weil es niemand mehr am eigenen Leib und der eigenen Seele erfahren muss – für uns unvorstellbar, die wir hier in diesem Plenarsaal versammelt sind, für die Menschen an unserer schönen Ostsee, in der Ukraine, in Israel, im Gazastreifen, in Mali und im Jemen, im Südsudan und in Myanmar, für jeden und jede auf dieser Welt. Wenn die Menschen in der See vor Stolpmünde uns 81 Jahre nach ihrem Tod dazu bewegen können, in diesem Sinne in die Welt zu wirken, dann ist das das würdigste Gedenken, das wir ihnen widmen können. Die Opfer dieser Geschehnisse haben es verdient, und wir alle haben die Verantwortung, die Ursachen und die Verursacher solcher furchtbaren Ereignisse klar zu benennen und ihren geistigen Erben mit aller Kraft entgegenzutreten. Dafür braucht es Demut, dafür braucht es Verantwortungsbereitschaft und einen Blick auf die historischen Realitäten. Gerade in der AfD Sassnitz finden sich aber an verantwortlichen Stellen, die für genau das Gegenteil stehen, Menschen, die sich vorgenommen haben im Übrigen, in dieses Hohe Haus einzuziehen, die in Richtung der Linken brüllen – und das müssen Sie jetzt aushalten, das tut mir leid –, ich zitiere: „Und dann freue ich mich schon, wenn morgens um 6 bei euch die Polizei klingelt, euch aus dem Bett holt.“ „Und das ist ein Versprechen, werden wir, sobald wir in Regierungsverantwortung kommen, euch in Grund und Boden verbieten, dann frieren wir eure Konten ein. Und das Logo nehmen wir euch auch.“ „Rügen bleibt patriotisches Hoheitsgebiet. Rügen bleibt Deutsch.“ Menschen, die dann in Rechtfertigungsvideos im Anschluss nach diesen Entgleisungen im Shirt der Jungen Alternative oder mit der Aufschrift „It's okay to be white“ auftreten, wenn solche Leute, wenn solche Menschen nun über das würdige Gedenken an die Opfer der „Gustloff“-Insassen sprechen, glaube ich ihnen nicht ein einziges Wort, nicht ein einziges Wort! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, CDU, Die Linke, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der Gruppe der FDP) Und ich frage Sie wirklich ernsthaft – auf diesen Leim gehen wir Ihnen wirklich nicht –: Warum machen Sie so etwas, warum tun Sie so etwas? Ich möchte Ihnen inständig nahelegen, sich nicht instrumentalisieren zu lassen und die Opfer solcher furchtbaren Kriegsgeschehnisse auch nicht zu instrumentalisieren. Zeigen Sie Größe, ziehen Sie diesen Antrag zurück! Das Geschehene können wir nicht ungeschehen machen, für das Kommende tragen wir Verantwortung. – Vielen herzlichen Dank! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, CDU, Die Linke, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der Gruppe der FDP)
