Dr. Harald Terpe
Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Die Bilder des gestrandeten Buckelwals vor unserer Küste haben in den letzten Wochen viele Menschen tief bewegt. Dieses Mitgefühl ist ein Signal: Den Menschen im Land ist der Tier- und Umweltschutz nicht egal, im Gegenteil. Es gilt, über das bewegende Einzelschicksal des Tieres hinauszudenken und über Vorsorge und Konsequenzen zu befinden, denn dieser gestrandete Wal mit einem Netz im Maul und alten Bootsverletzungen zeigt uns, wie es weltweit um den Zustand der Meere und Ozeane und ihrer Bewohner bestellt ist. Dazu gehört ganz konkret der Blick auf unsere Ostsee, für die wir hier in diesem Haus, verehrte Kolleginnen und Kollegen, Direktverantwortung mittragen. Die Ostsee ist ein einzigartiger Lebensraum, ein sensibles Brackwasser-Ökosystem mit seinen über die Zeiten angepassten Tier- und Pflanzenarten. Doch dieses Juwel vor unserer Haustür steht massiv unter Druck. Die Ostsee zählt heute traurigerweise zu den am stärksten belasteten Meeren weltweit. Die Liste der Belastung ist lang und sie ist beschämenderweise auch lange bekannt. Wir haben es mit massiver Eutrophierung zu tun. Die Ostsee leidet unter zu hohen Nährstoffeinträgen, die überwiegend aus der Landwirtschaft kommen. Diese führen zur Ausweitung der sogenannten Todeszonen. Das sind riesige Gebiete, in denen aufgrund von Sauerstoffmangel absolut kein Leben mehr möglich ist. Diese Todeszonen haben sich in den letzten hundert Jahren verzehnfacht. Sie umfassen mittlerweile ein Sechstel der gesamten Ostseefläche und fressen sich immer weiter in flache Küstengewässer hinein. Und diese hundert Jahre sind auch ganz interessant, das ist nämlich die Zeit, seitdem wir sozusagen auch mit Chemie unsere Landwirtschaft betreiben. Es betrifft aber auch die Belastung durch den Klimawandel. Gleichzeitig trifft die Erderwärmung durch den Klimawandel unser flaches Küstenmeer besonders hart. In den letzten 30 Jahren hat sich die Ostsee um zwei Grad erwärmt. Das ist die vierfache Geschwindigkeit im Vergleich zu den Weltmeeren. Unser Meer hat buchstäblich Fieber, und dieses Fieber verstärkt die fatalen Effekte der Überdüngung, gefährdet aber eben auch das Überleben zum Beispiel der Heringslaiche in den küstennahen Boddengewässern. Und wir haben es mit historischen Lasten zu tun. Unter der Oberfläche tickt die Gefahr von 100.000 Tonnen Altmunition. Und da wissen wir ja bis heute nicht, was sich daraus also auch für Schadstoffe noch entwickeln können, die diesen Altlasten entweichen. Und letztlich möchte ich auch auf die Überfischung zu sprechen kommen, die jahrzehntelang stattfindet und die das natürliche Gleichgewicht zerstört. Die Belastungsgrenzen für die Ostsee sind vielfach ausgereizt und überschritten. Was das für die Meeresbewohner der Ostsee, unter ihnen die Meeressäugetiere, bedeutet, sehen wir am einzigen heimischen Verwandten des Buckelwals, unserem Schweinswal. Er ist akut vom Aussterben bedroht. Dazu tragen auch in erheblichem Maße die Begleitumstände der Fischerei in Form von Geisternetzen und fehlendem Einschwemmschutz in die Stellnetz- und Reusenfischerei bei. Meeressäuger werden dadurch vielfach Opfer als Beifang oder nehmen Schaden durch Netzreste. Die Population in der zentralen Ostsee östlich von Stralsund umfasst nur noch 500 Tiere. 500, das heißt, wir müssen jetzt handeln, um ihr Überleben zu sichern, ansonsten wird der Schweinswal unter unserer Aufsicht aus der Ostsee verschwinden. Verehrte Kolleginnen und Kollegen, wir brauchen hier eine echte Trendumkehr beim Ostseeschutz. Daher komme ich jetzt zu den wichtigsten Forderungen unseres Antrages, nämlich, (Zuruf von Marc Reinhardt, CDU) echte Schutzgebiete stärken. Es nutzt der Natur rein gar nichts, wenn die Hälfte unserer Gewässer auf den Landkarten grün schraffiert ist, doch weiterhin intensiv gefischt, gebaggert und Lärm verursacht wird. Wir brauchen also Managementpläne, die konsequent umgesetzt werden. Und wir brauchen Nullnutzungszonen in sensiblen Gebieten und ein ganzjähriges Stellnetzverbot in den Schutzgebieten. Wir müssen die Ursachen für die Belastungen bekämpfen. Das bedeutet: weniger Müll, weniger Lärm und deutlich weniger Nährstoffeinträge. Wir können das Meer nicht schützen, wenn wir das Land ignorieren. Jährlich fließen aus Mecklenburg-Vorpommern über 14.000 Tonnen Stickstoff in die Ostsee. Nachdem das Krisenmanagement des Ministers bezüglich des Buckelwals zunächst sehr vernünftig in Zusammenarbeit mit anerkannten Experten angefangen hat, ist es in den letzten zwei Wochen doch etwas aus dem Ruder gelaufen und das Heft des Handelns aus der Hand gegeben worden. Wir brauchen für die Zukunft klare, wissenschaftlich fundierte Leitlinien sowie gestärkte Strukturen. Viel entscheidender als die PR-Bilanz der letzten vier Wochen sind die großen Lücken, die unser Umweltminister nach 20 Jahren, 28 Jahren Amtszeit zu bearbeiten hätte. Wenn unserem Wal-Minister Till Backhaus die Bewohner der Ostsee am Herzen liegen, dann muss sich das endlich im konkreten und umfassenden Handeln zeigen. Ich wies schon auf seine Stellung hin zu Stellnetzen, die man in der „Ostsee-Zeitung“ und in der „Zeit“ nachlesen konnte. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit! (Beifall Jutta Wegner, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
