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Jutta Wegner

GRÜNE 20.03.2026 Sitzungen 8/129

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Kolleginnen und Kollegen! Wenn wir heute ... (Vizepräsidentin Beate Schlupp betätigt versehentlich den Knopf für den Gong und spricht bei abgeschaltetem Mikrofon. – allgemeine Heiterkeit – Präsidentin Birgit Hesse übernimmt den Vorsitz.) Wenn wir heute nicht zum ersten Mal und wahrscheinlich auch nicht zum letzten Mal über Ganztag sprechen, dann sprechen wir nicht über Randstunden. Wir sprechen über die Zukunft unserer Kinder. Wir sprechen über Bildungsgerechtigkeit, über Teilhabe, über Chancen. (Beifall vonseiten der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Und wir sprechen über die Frage, wie sieht gute Schule im 21. Jahrhundert aus. Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung kommt. Das ist ein Meilenstein. Aber ein Rechtsanspruch ist nur ein Anfang, er ist ein Rahmen, kein Inhalt. Die entscheidende Frage lautet doch, füllen wir diesen Rahmen mit Qualität, mit einer Vision von guter Schule oder verwalten wir nur Stunden. Wir GRÜNE sagen klar: Ganztag ist mehr als Betreuung, Ganztag ist Bildung, Ganztag ist Beziehung, Ganztag ist Lebensraum. Eine gute ganztägige Schule ist kein Ort, an dem Kinder untergebracht werden. Sie ist ein Ort, an dem Kinder wachsen, wachsen an Aufgaben, wachsen in Gemeinschaft und an Gemeinschaft, wachsen an sich selbst. Eine gute Schule erkennt, dass Lernen Zeit braucht, dass Konzentration Pausen braucht, dass Leistung Ermutigung braucht. Eine gute Schule verbindet Kopf, Herz und Hand. Unterricht, Bewegung, Kreativität, freies Spiel, gemeinsames Essen, Hausaufgaben, die begleitet werden, statt abends am Küchentisch zu Hause für Streit zu sorgen, das ist unsere Vision. Und diese Vision ist kein Luxus, sie ist eine Frage der sozialen Gerechtigkeit, denn wir wissen, nicht jedes Kind startet mit den gleichen Chancen. Manche Kinder haben zu Hause Unterstützung, ruhige Zimmer, Zeit, Förderangebote, andere nicht. Ganztag kann diese Unterschiede abfedern. Er kann Räume öffnen, er kann Talente sichtbar machen, er kann Selbstvertrauen stärken, aber nur, wenn er gut gemacht ist. Deshalb bringen wir heute unseren Antrag „Starker Ganztag für Mecklenburg-Vorpommern“ ein, weil wir wollen, dass dieser Ganztag ein Gewinn wird für alle Kinder, nicht nur für einige. Wir sagen erstens, ein guter Ganztag – und auch das ist für Sie nicht neu – braucht verbindliche Qualitätsstandards. Guter Ganztag darf nicht vom Wohnort abhängen, nicht vom Engagement Einzelner und nicht vom Zufall. Wir haben viele Hoffnungen am Runden Tisch „Ganztag“ geweckt. Jetzt bummeln wir am kleinen Runden Tisch, und alles bleibt, wie es ist. (Beifall vonseiten der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Es braucht klare Leitplanken: – Was heißt „gute pädagogische Qualität“? – Wie viel Bewegung gehört dazu? – Wie sieht gesunde Verpflegung aus? – Wie sichern wir Kinderschutz? – Wie stärken wir Selbstwirksamkeit? Qualitätskriterien bringen Verlässlichkeit. Zweitens, ein guter Ganztag braucht klare Verantwortung. Schule und Hort arbeiten partnerschaftlich zusammen, auf Augenhöhe, mit Respekt für ihre jeweiligen Kompetenzen. Aber die pädagogische Struktur muss, Steuerung muss klar sein. Kinder brauchen Orientierung, Eltern brauchen Klarheit, Fachkräfte brauchen abgestimmte Strukturen und nicht nur das Begleitheft. Unklare Zuständigkeiten helfen niemandem, klare Verantwortung hilft allen. Drittens, ein guter Ganztag ist inklusiv, von Anfang an. Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf dürfen nicht an den Rand gedrängt werden. Sie brauchen Angebote, die nah an der Schule sind, gut abgestimmt, personell abgesichert. Inklusion ist ein Maßstab für Qualität, das habe ich gestern schon gesagt. Meine Damen und Herren, Ganztag ist eine historische Chance – eine Chance, Schule neu zu denken, weg von der Vormittagsschule des letzten Jahrhunderts hin zu einem Lern- und Lebensort, der sich am Kind orientiert, ein Kind, an dem Lehrkräfte, Erzieher/-innen, Sozialpädagog/-innen gemeinsam arbeiten, ein Ort, an dem Kinder entdecken dürfen, statt nur zu funktionieren, ein Ort, an dem wir nicht nur Stoff vermitteln, sondern Fähigkeiten fürs Leben: Teamarbeit, Empathie, Selbstständigkeit, Demokratie. Wer Bildungsgerechtigkeit ernst meint, muss Ganztag groß denken, nicht als Pflichtaufgabe, sondern als Zukunftsprojekt. Ja, das kostet Geld, das kostet Kraft. Und es braucht Abstimmung mit den Kommunen. Aber wissen Sie, was es uns kostet, wenn wir es nicht tun? Verpasste Chancen, frustrierte Kinder, überlastete Familien und ein Bildungssystem, das Unterschiede zementiert, statt sie auszugleichen. Wir haben in Mecklenburg-Vorpommern engagierte Schulen, motivierte Horte, großartige Fachkräfte. Sie alle sind bereit. Jetzt braucht es politischen Mut: Mut, Qualitätsstandards auch festzuschreiben, Mut, Verantwortung klar zu regeln, Mut, Inklusionen verbindlich zu machen. Unser Antrag ist wieder eine Einladung, eine Einladung, Ganztag nicht kleinzurechnen, sondern groß zu denken, nicht nur zu fragen, wie erfüllen wir den Anspruch, sondern zu fragen, wie schaffen wir die beste Schule für unsere Kinder. Denn am Ende geht es nicht um Paragrafen, nicht um Zuständigkeitsdebatten, nicht um Verwaltungslogik, es geht um ein einfaches Versprechen: Jedes Kind in Mecklenburg-Vorpommern soll die gleichen Chancen haben, egal, wo es aufwächst, egal, was die Eltern verdienen, egal, welche Unterstützung es braucht. Das ist unser Anspruch, das ist unsere Vision. Dafür bringen wir diesen Antrag ein. – Vielen Dank! (Beifall vonseiten der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

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