Nadine Julitz
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Was bedeutet internationaler Jugend- und Schüleraustausch? Es geht dabei nicht nur um Reisen, um das Sammeln von Erinnerungen, um Stationen für den Lebenslauf oder das Kennenlernen anderer Länder und Gesellschaften, vielmehr geht es um eine tiefere, nachhaltigere Form der Bildung, die uns als Gesellschaft weiterbringt, die unseren Schülerinnen und Schülern hilft, globale Zusammenhänge zu verstehen und Verantwortung zu übernehmen. Das ist heute wichtiger denn je. Allzu oft sehen wir leider, dass die einfachen Schwarz-Weiß-Antworten auf komplexe Sachverhalte verfangen. In einer zunehmend vernetzten Welt ist es entscheidend, dass Schülerinnen und Schüler nicht nur geografische Grenzen überwinden, sondern auch ihre Perspektiven. Der Austausch über Ländergrenzen hinweg bietet eine einzigartige Gelegenheit, nicht nur neue Sprachen zu lernen, sondern vor allem andere Lebensrealitäten zu erfahren. Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten zu erkennen, stärkt junge Menschen und bietet ihnen eine ganz neue Perspektive auf ihre eigenen Chancen. Der Perspektivwechsel, das Eintauchen in das Leben und Denken einer anderen Gesellschaft fördert nicht nur Verständnis, sondern auch die Bereitschaft, Verantwortung für globale Herausforderungen zu übernehmen. Hier wird der Grundstein für eine Bildung, für nachhaltige Entwicklung gelegt, die zum Beispiel soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte aufgreift. In einem solchen Austausch wächst das Bewusstsein, dass wir gemeinsam Lösungen entwickeln müssen, um die Welt für zukünftige Generationen zu bewahren. Der wahre Wert des Austausches liegt aber nicht nur in der Reise selbst, sondern in der langfristigen Partnerschaft, die entsteht. Der Beginn dieser Partnerschaft ist nicht die Reise, sondern der erste Kontakt, sei es durch altmodische Briefe oder heute vielleicht wieder vermehrt über digitale Kommunikation. Durch Technologien wie Videocalls und Konferenzen können Schülerinnen und Schüler ihre Perspektiven bereits vor der Reise austauschen. Dieser virtuelle Austausch hilft dabei, Vorurteile abzubauen und die Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten besser zu verstehen. Hier wird der erste Perspektivwechsel initiiert, der die Grundlage für den späteren realen Austausch bildet. Doch der Austausch selbst tritt erst dann zutage, wenn die Schülerinnen und Schüler persönlich aufeinandertreffen. Der Austausch wird nicht nur in Worten, sondern in gemeinsamen Erlebnissen und Erfahrungen vertieft. Aber auch hier gilt, der Austausch darf nicht einseitig sein. Es ist wichtig, dass nicht nur Schülerinnen und Schüler aus Deutschland reisen, sondern dass auch die Jugendlichen aus den Partnerländern die Möglichkeiten haben, zu uns zu kommen. Erst durch diesen wechselseitigen Perspektivwechsel entsteht eine Partnerschaft auf Augenhöhe, in der beide Seiten voneinander lernen. Der internationale Austausch stellt Lehrkräfte und Eltern vor Herausforderungen, und es reicht nicht nur aus, ein Netzwerk zur Unterstützung der Schulen zu schaffen. Die Organisation solcher Programme muss durch realistische und nachhaltige Unterstützungsstrukturen entlastet werden. Diese Strukturen müssen nicht nur durch Lehrkräfte und Eltern, sondern auch durch Schüler/-innen selbst initiiert werden. Nur wenn wir hier gemeinsam an einem Strang ziehen und die nötigen Ressourcen bereitstellen, kann der Austausch wirklich eine Bereicherung und keine zusätzliche Belastung darstellen. Ein vorbildliches Beispiel für einen erfolgreichen internationalen Austausch ist die Schulpartnerschaft zwischen dem Richard-Wossidlo-Gymnasium Ribnitz-Damgarten und der Lodwar Girls Primary School in Kenia. Diese Partnerschaft besteht seit 2018 und hat sich seitdem stetig weiterentwickelt. Anfangs beschränkte sich der Austausch auf einen regelmäßigen Briefwechsel zwischen den Schülerinnen und Schülern und Lehrkräften beider Schulen. Dieser Austausch ermöglichte es den Jugendlichen, sich mit den Lebensrealitäten der jeweils anderen Seite auseinanderzusetzen, Vorurteile abzubauen und Gemeinsamkeiten zu entdecken. Ab 2021 wurden dann regelmäßig Videokonferenzen organisiert, die den Austausch intensivierten und eine noch direktere Kommunikation ermöglichten. 2022 bot sich schließlich die Gelegenheit für ein persönliches Kennenlernen. Im August fand die Reise nach Kenia statt, im September folgte der Gegenbesuch der kenianischen Schülerinnen und Schüler in Deutschland. Während beider Reisen nahmen die Schülerinnen und Schüler aktiv am Unterricht der Partnerschulen teil und beschäftigten sich mit Themen wie Partnerschaft, Freundschaft und globaler Verantwortung. Besonders spannend war die gemeinsame Auseinandersetzung mit der Frage, wie jeder Einzelne dazu beitragen kann, die Welt für kommende Generationen zu erhalten. Es wurde diskutiert, wie wir im Kleinen, in unserer eigenen Schule und Gemeinschaft Veränderungen anstoßen können, die globale Wirkung zeigen. Dieses Beispiel zeigt, internationaler Schüleraustausch ist schon jetzt möglich. Und die Ministerin hat weitere Beispiele genannt. Der Rahmen ist also da. Man kann allerdings nicht jeder Schule auferlegen, solch ein großes Engagement flächendeckend zu gewährleisten. Das ist lobenswert, allerdings ist die Bandbreite der Profile unserer Schulen so vielfältig wie das Leben, und das ist auch gut so. Es gibt viele Förderprogramme, auch das wurde genannt, und viele Schulen informieren vorbildlich in Elternabenden oder in der Klasse über Möglichkeiten des Austausches. Der internationale Austausch ist aber mehr als nur eine Gelegenheit zur Reise. Es geht um Perspektivwechsel, um den Aufbau von Verständnis und Freundschaft, um eine gerechtere und nachhaltigere Zukunft. Lassen Sie uns gemeinsam sicherstellen, dass der Austausch auch in Zukunft fester Bestandteil unseres Bildungssystems bleibt! Das alles bedarf aber Ressourcen, menschlich als auch finanziell, und das kann man nicht ausblenden. Das darf natürlich keine Ausrede sein, aber sie ist nun mal real. Aus dem vorliegenden Antrag geht es nicht hervor, wo die finanziellen Ressourcen herkommen. Das wird eben nicht ganz klar. Es gibt einige Fragen in dem Antrag, die zuvor geklärt werden müssen. Die Richtung stimmt, und ich denke, auch zu einem späteren Zeitpunkt wird man über diese Themen weiterhin diskutieren müssen. Wir lehnen den Antrag heute ab. – Vielen Dank! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und Die Linke)
