Christine Klingohr
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Wir debattieren heute in der Aktuellen Stunde unter dem Titel „Mit Zeit, Mut und Verantwortung – Freiwilliges Engagement ist Schlüssel für festen Zusammenhalt, lebendige Demokratie und ein starkes Mecklenburg-Vorpommern“. Dieser Titel ist kein schmückender Rahmen. Er trifft den Kern dessen, was unser Land zusammenhält. Demokratie in Mecklenburg-Vorpommern beginnt nicht erst hier im Plenarsaal. Sie beginnt im Gerätehaus der Freiwilligen Feuerwehr, sie beginnt auf dem Sportplatz am Mittwochabend. Sie beginnt am Küchentisch der Landfrauen, im Jugendklub, beim Besuchsdienst, dort, wo Menschen füreinander Verantwortung übernehmen. Und dieser Titel ist auch eine Antwort auf alle, die Zweifel säen am Zusammenhalt, an Demokratie, an der Zukunft unseres Landes. Ich sage klar: Mecklenburg-Vorpommern hat Zukunft, weil Menschen Verantwortung übernehmen. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und Die Linke) Zusammenhalt entsteht nicht durch Parolen. Er entsteht dort, wo Menschen einander sehen, einander helfen, einander aushalten und gemeinsam etwas aufbauen. Eine Gesellschaft hält zusammen, wenn sie Gerechtigkeit erlebt, Solidarität praktiziert, Teilhabe ermöglicht, Respekt und Anerkennung lebt und Vertrauen in ihre Institutionen hat. Diese Werte fallen nicht vom Himmel, sie werden gemacht, jeden Tag. Und freiwilliges Engagement ist einer der stärksten Motoren dafür. Und wenn wir ehrlich sind, Ehrenamt ist nicht das Sahnehäubchen unserer Gesellschaft, Ehrenamt ist das Fundament. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, CDU und Die Linke) Ohne all jene, ohne all jene, die nach Feierabend, am Wochenende oder zwischen Familienalltag und Beruf mit anpacken, wäre Mecklenburg-Vorpommern nicht so lebenswert, wie es heute ist. Engagement trägt unser Land in einer Breite, die man gar nicht hoch genug schätzen kann – in Nachbarschaftshilfen und Besuchsdiensten, in der Telefonseelsorge, bei den Tafeln, in der Begleitung von Menschen mit Behinderung, in Elterninitiativen und Jugendarbeit. Es wirkt im Sport als Training, Betreuung, Vorstandsarbeit und in Kulturvereinen, Chören, Theatern, Lesepatenschaften. Es schützt und hilft in Feuerwehr, Wasserrettung, Katastrophenschutz. Und es stärkt Demokratie direkt als Wahlhilfe im Ehrenamt, als ehrenamtlicher Bürgermeister, lieber Günter Tiroux, im Ehrenamt der Kommunalpolitik, in Beiräten, in der Erinnerungsarbeit. Das ist Mecklenburg-Vorpommern – gelebte Wirklichkeit, keine Theorie. Wie wichtig dieser Einsatz ist, wird international gesehen. Die Vereinten Nationen haben 2026 zum Internationalen Jahr der Freiwilligen erklärt. Und der Ehrenamtsmonitor 2025 zeigt, mehr als ein Drittel der Menschen ab 14 Jahren engagiert sich in Mecklenburg-Vorpommern freiwillig. Und gerade deshalb ist unser Auftrag klar, nicht nur Danke sagen – natürlich sagen wir Danke, aber das reicht nicht aus. Wir kümmern uns um Respekt, Rückenwind und Rahmenbedingungen. Denn wer Engagement will, muss Engagement möglich machen. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und Die Linke) Ich spreche hier heute für meine SPD-Landtagsfraktion. Und ich spreche mit großem Respekt vor den Stützen des Ehrenamtes, vor der Ehrenamtsstiftung Mecklenburg-Vorpommern, die durch Beratung, Qualifizierung, Anerkennung und Förderung unterstützt, und vor der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt, die ihren Sitz ebenfalls bei uns im Land hat. Das ist für Mecklenburg-Vorpommern ein Geschenk, weil wir Know-how, Angebote und Zugänge bündeln können – nicht nebeneinander, sondern miteinander. Wertschätzung hat bei uns auch Zahlen. Im Doppelhaushalt 2026/27 stellen wir für die Ehrenamtsstiftung knapp 2 Millionen Euro bereit. Im vergangenen Jahr wurden 713 Förderanträge bewilligt und 365 juristische Beratungen durchgeführt. Das ist nicht Symbolik, das ist Hilfe, die ankommt. Und genau darum geht es uns: Respekt, Rückenwind, Rahmenbedingungen, damit Engagement nicht an Formularen, Unsicherheit oder Überforderung scheitert. Und ich will genauso klar sagen, Mecklenburg-Vorpommern wird nicht nur von großen Strukturen, wie ich sie eben auch aufgezählt habe, zusammengehalten. Hinter den vielen kleinen Initiativen stehen Menschen, die meist keine Bühne haben, aber jeden Tag dafür sorgen, dass andere nicht alleine bleiben. Ich spreche auch aus eigener Erfahrung und mit großer Freude. Ich darf mich engagieren in meinem Landkreis, zum Beispiel im Heimatverein in Below, in der Volkssolidarität Brüel, in der Rheuma-Liga, bei den Landfrauen Kloster Tempzin, im Antoniter-Verein und im Kreissportbund LUP. Und als Vorsitzende der Tafel in Sternberg sehe ich ganz praktisch, was Zusammenhalt im Alltag bedeutet. Da geht es nicht um Schlagworte, da geht es um ganz konkrete Lebensrealität, darum, ob Menschen genug zu essen haben, darum, ob sie gesehen werden, darum, ob sie in schwierigen Situationen nicht alleinegelassen werden. Und genau deshalb sage ich, dieses Land ist stärker, als die Zweifler behaupten, weil Menschen füreinander einstehen. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und Die Linke) Mecklenburg-Vorpommern ist weit, und ich darf sagen, wir lieben diese Weite. Aber Weite darf nicht bedeuten, dass jemand allein bleibt. Deshalb haben wir die Mobilitätsoffensive nicht nur auf den Weg gebracht, sondern im Land bereits ausgerollt. Unser Wirtschaftsminister Dr. Blank hat gerade gestern in der Pressekonferenz „1.000 Tage Mobilitätsoffensive“ abgebildet. Das heißt, verlässlich zur Arbeit, zur Schule, zum Arzt und auch zum Verein, zur Begegnung. Ja, das ist anspruchsvoll und es gibt Hürden, ganz klar, aber der Kurs stimmt: Mehr Verlässlichkeit, mehr Erreichbarkeit, mehr Teilhabe. Und genau das stärkt auch Engagement, weil Begegnung möglich wird. Damit bin ich bei einer der großen sozialen Fragen unserer Zeit: Einsamkeit. Einsamkeit ist kein Randthema. Sie betrifft ältere Menschen, die den Partner verloren haben, junge, die sich trotz digitaler Kontakte isoliert fühlen, Zugezogene, die keinen Anschluss finden. Und wir wissen, Einsamkeit macht krank, psychisch und körperlich. Wer Einsamkeit bekämpft, stärkt Gesundheit, Lebensqualität und Zusammenhalt zugleich. Und genau hier zeigt sich die Zukunftskraft des Ehrenamtes: Orte schaffen, an denen Menschen dazugehören, nicht erst eingreifen, wenn Menschen allein bleiben, sondern Bindungen schaffen, bevor Isolation besteht. Das ist in Mecklenburg-Vorpommern sehr konkret. Die Landfrauen im Kloster Tempzin, liebe Gisela Hoffmann, gelebte Heimat und gelebte Gemeinschaft. Manchmal ist auch Kaffee und Kuchen miteinander der Moment, in dem jemand merkt, ich gehöre dazu. Und manchmal sagt eine Zahl alles. In einem Ort mit rund 550 Einwohnerinnen und Einwohnern hat mehr als jeder Zehnte bei der Pflanzaktion mit angepackt, generationenübergreifend, Schulter an Schulter. Heimat entsteht nicht durch Worte, sondern durch Menschen, die Verantwortung übernehmen. Vielen Dank dafür! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, CDU, Die Linke und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Oder die Seniortrainerinnen und Seniorentrainer im Landesring der Senioren Mecklenburg-Vorpommern, liebe Helga Bomplitz – Brückenbauer, die Gruppen gründen, Begegnungen organisieren, Nachbarschaften aktivieren. Sie zeigen, Älterwerden heißt nicht, zur Seite treten. Es kann heißen, jetzt erst recht, ich bin wichtig, ich werde gebraucht. Und dann natürlich die „Neulandgewinner“- Projekte, lieber Andreas Willisch, die beginnen einfach mit einem Satz: „Hier fehlt was, also machen wir es“ – Treffpunkte in alten Läden, Dorfküchen, Kulturabende, Reparaturinitiativen, Hilfe beim Ankommen, nicht laut, nicht geschniegelt, aber wirksam, weil es den Alltag leichter macht, weil es Menschen verbindet. Diese Beispiele stehen für viele Tausend kleine Geschichten, die selten in Zeitungen stehen, aber den Alltag in Mecklenburg-Vorpommern tragen. Und deshalb ist es richtig, dass SPD-geführte Landesregierungen nicht nur applaudiert haben, sondern konkrete Politik gemacht haben: – Ehrenamtsstiftung seit 2015, – Ehrenamtskarte und ihre Weiterentwicklung, – Ehrenamtsmessen als Plattform. Und jetzt die neue Engagementstrategie, die nicht am Reißbrett entstanden ist, sondern gemeinsam mit denen, die Engagement täglich leben. Wir haben als Parlament mit unserem Koalitionsantrag vom 21. September 2022 „Für ein gutes Leben im Alter“ die Erarbeitung der Strategie auf den Weg gebracht. Und am 13. Januar 2026 hat das Kabinett die neue Engagementstrategie beschlossen. Das ist die klare Ansage: Ehrenamt soll nicht vom guten Willen allein leben, sondern von verlässlichen Bedingungen, die im Alltag tragen. Für die Strategie wurden rund 35 Vereine und Organisationen aus unterschiedlichen Bereichen befragt. Die Bestandsaufnahme ist ehrlich: Generationenwechsel, Nachwuchsgewinnung, Öffentlichkeitsarbeit, Finanzierung, Mitgliederbindung und die Frage, wer hat noch Zeit und wie organisieren wir das Matching. Ein Ziel ist, dass Menschen, die sich engagieren wollen, sich schneller und unkomplizierter mit Initiativen und Vereinen vernetzen können, die Engagierte benötigen. Und daraus folgen Handlungsempfehlungen, die praktisch sind: Zuhören, Auswerten, Umsetzen. Meine Damen und Herren, lassen Sie mich über die Freiwilligen Feuerwehren sprechen! Sie sind Herzschlag und Sicherheit, und im Ernstfall die Ersten vor Ort. Wer in seiner Freizeit bereit ist, Risiken einzugehen, hat Anspruch auf beste Ausstattung und echte Anerkennung. Beides ist keine freundliche Zugabe, beides ist staatliche Verantwortung. Darum stehen neben dem 50-Millionen-Euro-Programm für neue Feuerwehrfahrzeuge weitere 95 Millionen Euro für Feuerwehrgerätehäuser und zusätzliche 5 Millionen Euro bereit. Lieber Herr Minister Christian Pegel, für den Fokus danke, genau auf diese Aufgabe! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und Die Linke) Genauso wichtig sind unsere Sportvereine – Gesundheitsförderer, Integrationsmotor und Demokratieschule. Hier lernen Kinder und Jugendliche Fairness, Regeln, Teamgeist. Hier finden Menschen Anschluss, unabhängig von Herkunft, Einkommen und Alter. Darum haben wir Sportförderung erhöht, Förderbescheide übergeben und das Sportfördergesetz überarbeitet, weil Sport gesellschaftlich wirkt und verbindet. Meine Damen und Herren, Engagement ist nicht unerschöpflich. Ehrenamtliche Zeit ist kostbar. Sie steht in Konkurrenz zur Arbeitsbelastung, Pflegeverantwortung, Kinderbetreuung, Pendelzeiten. Darum ist unser politischer Auftrag: Respekt, Rückenwind, Rahmenbedingungen, weniger Bürokratie, verständliche Verfahren, Unterstützung und Anerkennung, die ankommt, etwa über die Ehrenamtskarte und über Maßnahmen wie die Anhebung der Übungsleiterpauschale. Und wir denken weiter: Engagement und Gesundheit gehören zusammen. Mit unserer Präventionsstrategie, im Haushalt 26/27 mit 4 Millionen Euro untersetzt, stärken wir Lebenswelten, Dritte Orte, Teilhabe, Gemeinschaft, denn Gesundheit entsteht nicht nur medizinisch, sondern sozial. Danke, Herr Finanzminister, für das nötige Vertrauen in diese so wichtige Aufgabe! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und Die Linke) Ehrenamt ist nicht zusätzlich, Ehrenamt ist Teil der Lösung, gerade beim Thema „Einsamkeit“, beim „Guten Leben im Alter“, beim „Leben auf dem Land“. Darum bleibt unser Anspruch, wir würdigen Engagement nicht nur, wir sichern es ab mit Förderung, Beratung, Anerkennung, pragmatischen Verfahren, mit starken Partnern wie Ehrenamtsstiftung MV und DSEE. Und zum Schluss ganz bewusst gegen alle Zweifler: Wer behauptet, unser Land sei nur noch gespalten, hat nicht hingeschaut. Wer sagt, Demokratie sei schwach, soll sehen, was in Vereinen, Kommunen, Beiräten und bei Wahlhelfern täglich geleistet wird. Wer meint, es gehe nur noch „ich zuerst“, der soll mitgehen zur Tafel, zum Besuchsdienst, zur Jugendgruppe, zur Freiwilligen Feuerwehr. Solange Menschen füreinander einstehen, ist Mecklenburg-Vorpommern stärker als jede Spaltung. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und Die Linke) Mecklenburg-Vorpommern hat Zukunft, wenn wir zusammenhalten, und Zusammenhalten beginnt da, wo einer dem anderen die Hand reicht. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, Die Linke und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
