Jutta Wegner
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Wir sprechen heute auf Antrag der CDU zum Thema „Bildungsnotstand beenden“. Und lassen Sie mich eins klar sagen – und es ist ja auch von allen Redner/-innen bislang gesagt worden –, die Tatsache, dass Mecklenburg-Vorpommern seit Jahren eine der höchsten Schulabbrecherquoten hat, darf uns nicht ruhen lassen. Viel zu viele Jugendliche verlassen die Schule ohne Abschluss und damit ohne echte Chance auf ein selbstbestimmtes Leben. Das ist kein Zufall, das ist politisches Versagen, das wir hier und heute nicht länger beschönigen dürfen. Es ist aber auch nicht neu, sondern ein gewachsenes Problem. Deshalb dürfen wir die Verantwortung nicht allein bei den Schüler/-innen abladen. Und auch der Migrationshintergrund einiger Schüler/-innen erklärt die hohe Zahl der Schulabbrecher/-innen nicht allein. Da machen Sie es sich zu einfach, Frau Oldenburg! Andere Bundesländer, wie zum Beispiel Hessen, zeigen, dass es auch anders geht. Dort schaffen trotz deutlich mehr Jugendlichen mit Migrationshintergrund viel mehr ihren Schulabschluss. (Zuruf von Michael Noetzel, Die Linke) Das Problem liegt nicht bei den jungen Menschen. Das Problem liegt in unserem Bildungssystem, bei den politischen Entscheidungen, die wir in den vergangenen Jahren verschleppt haben. Unser Bildungssystem braucht mutige Reformen, wenn wir mehr Kinder erfolgreich durch die Schule bringen wollen. (Beifall vonseiten der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Wir GRÜNE wollen längeres gemeinsames Lernen in Schulclustern, bündeln wir Schulstandorte in geografischer Nähe, lassen sie zusammenarbeiten wie eine Gemeinschaftsschule. Warum? Weil Bildung nicht isoliert funktioniert. Kinder profitieren von stabilen sozialen Beziehungen und von Lehrer/-innen, die sie länger begleiten. Kurze Wechsel und frühe Selektion führen dagegen nachweislich zu Schulabbrüchen. Wir fordern einen verbindlichen Plan zur Umsetzung der Inklusion nach der UN-Behindertenrechtskonvention und eine Ressourcenausstattung, die den Anforderungen der Inklusion gerecht wird. Wir müssen die Voraussetzungen schaffen, um Kinder mit und ohne Förderbedarf gemeinsam zu unterrichten. Inklusion darf kein Lippenbekenntnis bleiben. Viele Studien zeigen, dass inklusive Klassen nicht nur die Leistungen von Kindern mit Förderbedarf verbessern, sondern auch das Sozialverhalten und die Teamfähigkeit aller Schüler/-innen stärken. Qualifizierungsoffensive für Schulleitungen und Lehrkräfte und mehr Sonderpädagogik im Lehramtsstudium – viele Lehrkräfte sind hoch engagiert, aber überfordert. Wir brauchen Fortbildungen, klare Leitlinien und mehr Expertenwissen direkt aus dem Studium, um heterogene Klassen, wie wir sie heute nun mal haben, zu begleiten, neue Lernkultur, die Teamarbeit stärkt und binnendifferenzierten Unterricht ermöglicht. Unterricht darf kein Frontalunterrichtsmodell bleiben. Schüler/-innen lernen unterschiedlich. Kinder lernen in Gruppen besser. Wir müssen Lehrkräfte befähigen, flexibel auf alle Lernenden einzugehen. Multiprofessionelle Teams an allen Schulen, und ich bin froh, dass sie jetzt alle übernommen haben – Lehrkräfte, Sonderpädagog/-innen, Sozialarbeiter/-innen und Psycholog/-innen –, nur gemeinsam können wir komplexe Herausforderungen meistern. Schule darf kein Einzelkämpfer-/innensystem sein. Rhythmisierter Ganztag – Lernen braucht Pausen, Kreativität braucht Freiraum. Ein sinnvoll geplanter Ganztag verhindert Überforderung, steigert Konzentration und beugt Schulabbruch vor. Diese Maßnahmen sind kein Luxus. Sie sind überlebensnotwendig, wenn wir den Bildungsnotstand beenden wollen. Wir müssen nicht bei den Kindern suchen, wir müssen bei uns als Erwachsene, als Politiker/-innen anfangen. Wir haben die Verantwortung und wir müssen sie endlich wahrnehmen, denn klar ist, die Kinder und Jugendlichen sind nicht das Problem, sie sind der Grund, warum wir handeln müssen. – Vielen Dank! (Beifall vonseiten der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
