Stefanie Drese
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Die dunkle Zeit hat begonnen. Zu keinem anderen Zeitpunkt im Jahr wird die Einsamkeit so deutlich wie jetzt, wenn mit der Dunkelheit die Stille Einzug hält, die Tage kürzer werden und uns auch das Wetter zu einem sozialen Rückzug zwingt. Und mit den Abenden und den Weihnachtsfeiertagen wird das Gefühl der Einsamkeit oftmals besonders schmerzlich deutlich und die Sehnsucht nach tiefen sozialen Beziehungen. Anders als die Jahreszeiten ist Einsamkeit meist kein vorübergehendes Problem. Einsamkeit ist auch nicht nur ein subjektives Gefühl, sondern nicht gewollte Einsamkeit macht krank, etwa, wenn man sich so weit zurückzieht, dass man Angebote für ein geselliges Zusammentreffen gar nicht mehr annehmen mag und kann. Einsamkeit ist aber nicht nur ein Problem des Einzelnen, sondern betrifft uns alle, wenn Betroffene so stark dadurch belastet sind, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt nachlässt und dadurch zum Beispiel auch das Vertrauen in unsere Gesellschaftsordnung. Aus all diesen Gründen wollen wir in Mecklenburg-Vorpommern Betroffene nicht alleinlassen und haben als Landesregierung bereits vor vier Jahren die nachhaltige Beschäftigung mit dem Thema „Einsamkeit im Alter“ im Koalitionsvertrag 2021 festgeschrieben. Wir waren damit absoluter Vorreiter. Noch bevor die Bundesregierung das Kompetenznetz Einsamkeit ins Leben rief, stand für uns in Mecklenburg-Vorpommern fest, dass wir uns des Themas annehmen und mit dem Schwerpunkt Einsamkeit im Alter unsere Seniorenpolitik in diesem Bereich strategisch stärken wollen. Der Landtagsbeschluss „Für ein gutes Leben im Alter“ aus dem Herbst 2022 bekräftigt diese Intention nochmals, und so startete vor zweieinhalb Jahren als eines der ersten Bundesländer hier bei uns die Arbeit am Runden Tisch gegen Einsamkeit im Alter. Bei diesem haben sich nicht nur die zuständigen Ressorts der Landesregierung, sondern auch die Zivilgesellschaft, die Wirtschaft, die Wissenschaft, unsere Seniorenverbände, die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege, die Wohnungsgesellschaften und die kommunale Ebene beteiligt. In dieser Zeit haben sich alle Akteure intensiv mit verschiedenen Aspekten auseinandergesetzt, die mir bereits im Vorfeld besonders wichtig waren. Dazu gehörte etwa die Frage nach dem Wohnen im Alter und nach passenden Wohnformen, die Rolle der Digitalisierung und des Ehrenamts, die Gestaltung des Übergangs in die nachberufliche Phase und natürlich auch die Frage der seelischen Gesundheit und der Prävention. Oder vereinfacht ausgedrückt: Was bringt uns zusammen und wie sorgen wir dafür, dass Partizipation auch im Alter möglich bleibt? Denn genau das ist es doch, was Betroffenen nach dem Rückzug in die Stille verloren geht. Ältere Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, lange im Sportverein, Chor oder in der Kirche engagiert waren, ihre Enkel aufwachsen sahen, diese Menschen standen mit beiden Beinen fest im Leben und im sozialen Trubel. Wenn dann aber im höheren Lebensalter der Partner oder die Partnerin verstirbt, gesundheitliche Beeinträchtigungen auftreten oder man weniger mobil wird, wenn die Kinder weit weg leben, dann fehlen auf einmal Kontakte, Gespräche und Geselligkeit. Gerade unser Bundesland ist dabei besonders betroffen mit seiner geringeren Bevölkerungsdichte und langen Wegen und einer der höchsten Altersstrukturen in der Bundesrepublik. Immerhin ist mehr als jeder vierte Einwohner schon heute älter als 65 Jahre. Hinzu kommt, in Mecklenburg-Vorpommern leben besonders viele Menschen alleinstehend in einem Haushalt ohne Ehe- oder Lebenspartner oder Kinder. Dafür gilt es, Lösungen zu finden. (Vizepräsidentin Beate Schlupp übernimmt den Vorsitz.) Und deshalb bin ich ausgesprochen froh über das Engagement aller Engagierten, die den Runden Tisch gegen Einsamkeit mitgetragen, die ihn mitgestaltet haben. Und ich bin froh über die Ergebnisse, denn der Runde Tisch hat ja schon im Juni dieses Jahres seinen Abschlussbericht vorgelegt. Liebe Kolleginnen und Kollegen, was bringt uns nun also zusammen? Für die Antwort auf diese Frage ist mir eines ganz wichtig zu betonen: Die Altersspanne der Gruppe der Seniorinnen und Senioren umfasst heute bis zu drei Jahrzehnte. Menschen im Alter von 65 brauchen andere Angebote als Menschen über 90, und wissenschaftliche Befunde legen nahe, besonders auf die Menschen im hohen Lebensalter zu schauen. In der späten Lebensphase sinkt bei vielen Menschen die subjektiv empfundene Gesundheit, Verlusterfahrungen häufen sich, die Pflege- und Unterstützungsbedürftigkeit nimmt stark zu. In dieser Altersphase sind Frauen mehr als doppelt so häufig von Einsamkeit betroffen wie Männer, und jeder dritte Mensch in einem Pflegeheim beschreibt sich als einsam. Während bei den Jüngeren unter den Älteren also der Fokus auf einem gelingenden Übergang in die sogenannte nachberufliche Phase liegt, in der der soziale Kreis der Arbeitswelt ersetzt werden muss, zum Beispiel durch eine ehrenamtliche Tätigkeit, sind es bei den älteren Älteren eher Angebote wie „dritte Orte“, die hier eine wichtige Rolle spielen, also Begegnungsorte wie Seniorentreffs oder Seniorenbüros, Gemeinschaftsgärten, Parkanlagen mit Bänken, Mehrgenerationenspielplätze, Plauderkassen und Plauderbänke oder Bibliotheken, die allen offen stehen, die soziale Kontakte und den Austausch in niedrigschwelliger und ungezwungener Atmosphäre ermöglichen. Im besten Fall liegen diese außerdem fußläufig, also in besagter Pantoffelnähe, denn mit dem Alter nimmt der Bewegungsradius oftmals ab. Das zeigen auch die mehr als 100 Maßnahmenempfehlungen, die innerhalb von fünf Arbeitsgruppen erarbeitet wurden. Dass das gelungen ist, liegt auch daran, dass in den Arbeitsgruppen äußerst konstruktiv mitgewirkt, diskutiert, Beispiele guter Praxis in unserem Land aufgespürt und sich untereinander vernetzt wurde. Immerhin betraten wir in dieser Aufgabe thematisches Neuland. Besonders anerkennen möchte ich an dieser Stelle die Mitarbeit der beteiligten Seniorinnen und Senioren gerade aus den Kreisseniorenbeiräten, die oft lange Wege in Kauf nahmen, um mit den Stimmen der Älteren diese Diskussion zu bereichern. So konnten wir am Runden Tisch mit der relevanten Generation und nicht über sie sprechen. Das war mir ganz besonders wichtig. Entsprechend vielschichtig fallen die Vorschläge aus. Vom Quartiersmanagement über eine angepasste Sozialraumplanung bis hin zu baulichen Anforderungen zur Beseitigung von Mobilitätsbeschränkungen reicht die Bandbreite allein in der Arbeitsgruppe Wohnen. Auch die Gestaltung von Wohngebieten spielte hier eine Rolle, denn monofunktionale Stadtviertel wie beispielsweise reine Wohngebiete können Einsamkeit begünstigen. In der Arbeitsgruppe Digitalisierung spielte hingegen auch die Förderung des Internetzugangs eine Rolle, etwa wie mit dem Projekt „Freifunk fördern“, das die Ehrenamtsstiftung von 2021 bis 2024 mit Mitteln des Strategiefonds umgesetzt hat. (Zuruf von Sebastian Ehlers, CDU) In der Zeit gelang es, zehn Freifunkmasten im überwiegend ländlichen Raum umzusetzen. Aber auch Medienbildungsangebote und praxisnahe Handlungsempfehlungen für Kommunen fanden Berücksichtigung, damit im Alter auch der Griff zum Smartphone oder Tablet bei dem Kontakt mit den Liebsten helfen kann. Beim Übergang in die Nachberuflichkeit hingegen spielten insbesondere der Gewinn und die Ansprache von Ehrenamtlichen und unsere MitMachZentralen eine Rolle. Bei der psychischen Gesundheit ließen sich viele Vorschläge erfolgreich mit den Gesundheitszielen des Landes und der Landeskonzeption psychische Gesundheit verknüpfen. Vielleicht wird es schon deutlich, auf Einsamkeit wird es nicht die eine Antwort geben. Stattdessen ist es ein Zusammenspiel aus ganz vielen verschiedenen Komponenten und Akteuren, die wir über ihre fachlichen Grenzen hinweg brauchen: Ärztinnen und Ärzte, Apotheken, Kirchgemeinden, Nachbarschaftstreffs, Mehrgenerationenhäuser, Begegnungszentren, Seniorenbüros, MitMachZentralen, Quartiersmanager, Wohnungsgesellschaften, Pastorinnen und Pastoren, Vereine und Bürgermeisterinnen und Bürgermeister. Die Liste ließe sich noch unendlich fortschreiben. Es braucht faktisch jede und jeden Einzelnen von uns, es braucht eine Gemeinschaft, und wir sollten auch selbst frühzeitig präventiv beginnen, uns Aktivitäten zu schaffen, die uns zufrieden stimmen, gesund erhalten, Sinn stiften. Wir benötigen zudem ein Gespür für unsere Mitmenschen, damit aus dem Füreinander ein Miteinander wird. Den Rahmen dafür, meine sehr geehrten Damen und Herren, bildet der nun vorliegende Abschlussbericht des Runden Tisches gegen Einsamkeit im Alter. Ich hoffe, dass die erarbeiteten Maßnahmen und die vielen involvierten Multiplikatoren dafür sorgen, das Thema auch weiter aus der dunklen Ecke herauszuholen, dafür zu sensibilisieren und beizutragen, dass wir als Gesellschaft Voraussetzungen schaffen, mit denen niemand ungewollt allein sein muss, sondern weiß, wo er oder sie ungezwungen Anschluss finden kann. Viele dieser Ideen lassen sich vor Ort, in den Kommunen, Ämtern und Gemeinden umsetzen. Und dabei gilt es auch, die hohe Engagementbereitschaft unserer Seniorinnen und Senioren zu nutzen. Hier möchte ich ganz deutlich nicht lediglich von Teilhabe, sondern ganz bewusst von „Teilgabe“ der Älteren sprechen, denn Ältere wollen weiterhin lernen, gerade über ihre berufliche Lebensphase hinaus. Und wenn Sie mir als letzten Satz noch einen Ausblick über den Runden Tisch hinaus erlauben, dann würde ich gern noch eine weitere Erkenntnis der Arbeitsgruppen anbringen, nämlich, dass wir heute hier zwar viel über unsere Bürgerinnen und Bürger der Altersgruppe 65 plus gesprochen haben, aber sich während der Erarbeitung auch immer wieder herauskristallisiert hat, dass Einsamkeit kein Phänomen einer bestimmten Altersgruppe ist. Auch und gerade junge Menschen sind betroffen. Sie flüchten oft zum Beispiel in digitale Welten. Der Runde Tisch gegen die Einsamkeit im Alter soll daher nicht das Ende für das Thema Einsamkeit sein, sondern ein Vorbild, um auch andere Bevölkerungsgruppen in den Blick zu nehmen. Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn der Landtag an diesem ehrgeizigen Thema dranbleibt. – Vielen Dank! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und Die Linke)
