Elke-Annette Schmidt
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Wir beschäftigen uns heute noch einmal vertiefend mit einem Thema, (allgemeine Unruhe – Glocke der Präsidentin) mit einem Thema, das in den letzten Jahren nicht nur in unserem Land zunehmend an Bedeutung gewonnen hat und doch oft im Stillen bleibt: Einsamkeit im Alter. Einsamkeit ist kein Randphänomen und sie betrifft nicht nur wenige. Sie kann jeden von uns treffen, auch Jugendliche, eigentlich Menschen jeden Alters. Das war, um es vorwegzunehmen, keine neue Erkenntnis. Corona hat uns das sehr deutlich vor Augen geführt. (Zuruf von Thomas de Jesus Fernandes, AfD) Die Gefahr der Vereinsamung betrifft uns alle insgesamt in der Gesellschaft. Wie wir zunächst mit älteren Menschen, dann aber auch mit dem Thema insgesamt umgehen, sagt viel darüber aus, welcher Zusammenhalt uns wichtig ist. In Mecklenburg-Vorpommern haben wir deshalb einen Runden Tisch gegen Einsamkeit im Alter ins Leben gerufen. Ausgangspunkt war, dass das Thema in die Koalitionsvereinbarung zwischen SPD und Die Linke eingebracht wurde. Mit dem Beschluss des Antrages „Für ein gutes Leben im Alter“ haben wir im September 2022 unseren Willen untersetzt, der Vereinsamung im Alter in Mecklenburg-Vorpommern auf die Spur zu kommen und ihr auch etwas entgegenzusetzen. In fünf Arbeitsgruppen haben sich unter Federführung des Sozialministeriums mehr als 60 Akteurinnen und Akteure eingebracht, die Situation und Entwicklung analysiert und Handlungsempfehlungen erarbeitet, wie man Einsamkeit im Alter verhindern kann. Vertreterinnen und Vertreter aus Wohlfahrt, Kommunen, Politik, Wissenschaft und der Zivilgesellschaft haben daran mitgewirkt. Und auch genau das war ein Grund für uns, diesen Bericht heute hier auch noch mal zu debattieren, um damit auch ein Stück Wertschätzung dieser Arbeit dieser Akteurinnen und Akteure entgegenzubringen und auch dem Sozialministerium noch einmal die Möglichkeit zu geben, ihre Arbeit zu reflektieren, weil auch dort eine sehr umfassende und engagierte Arbeit geleistet wurde. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, Die Linke und Anne Shepley, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Der Abschlussbericht, den dieser Runde Tisch als Ergebnis der Arbeit seiner Arbeitsgruppen vorgelegt hat, zeigt, Einsamkeit entsteht nicht einfach, sie wächst dort, wo soziale Kontakte wegbrechen und es keine Orte mehr gibt, an denen Menschen sich begegnen. Und sie wächst dort, wo der Zugang zu Mobilität, gesellschaftlicher Teilhabe oder Unterstützung eingeschränkt ist. Darum ist der Aufbau von Gemeinschaft und sozialer Nähe der zentrale Schlüssel, um Vereinsamung entgegenzuwirken. Und ein wesentlicher Ansatzpunkt dabei ist die Schaffung von Begegnungsorten. Wir brauchen Orte, an denen Menschen sich treffen können, ohne konsumieren zu müssen: Seniorentreffs, Gemeinschaftsgärten, Mehrgenerationenhäuser oder Gemeindezentren, Orte, die sichtbar, erreichbar und offen sind. Und gerade im ländlichen Raum, wo Wege weit und Verkehrsanbindungen schwach sind, sind solche Treffpunkte unverzichtbar. Damit Menschen diese Treffpunkte aber überhaupt erreichen können, spielt auch die Beschaffenheit des Wohnumfeldes eine große Rolle. Barrierefreie Wohnungen, gut erreichbare Einkaufsmöglichkeiten, Bänke und sichere Wege im Wohngebiet, all das trägt dazu bei, dass ältere Menschen mobil bleiben und am Leben teilnehmen können. Alternativen wie Seniorengemeinschaften, Wohngemeinschaften oder Mehrgenerationenwohnen ermöglichen soziale Nähe im Alltag. Und hier verschränkt sich unser Runder Tisch auch mit dem, was wir bei den seniorenpolitischen Gesamtkonzepten gemacht haben, hier das Modellprojekt in der Mecklenburgischen Seenplatte, denn es geht hier auch um Sozialplanung und Planung der Begegnungsräume. Aber auch die weitere Bereitstellung zum Beispiel des Seniorentickets hat sich in den Beratungen als wichtiges Mittel erwiesen, um Mobilität zu ermöglichen, ebenso wie der weitere Ausbau des Rufbussystems, der ja von den Seniorenbeiräten als sehr hilfreich im Alltag bewertet wird. (Thomas de Jesus Fernandes, AfD: Na, besser als gar nichts ist wohl eher die Meinung.) Und hier müssen wir auch die Unterstützung weiter ermöglichen. Besondere Bedeutung, um Gelegenheiten zur Begegnung zu schaffen, haben die sogenannten „dritten Orte“, also Orte in Pantoffelnähe, wie man so schön sagt, die man leicht zu Fuß erreichen kann und die sinnstiftende Betätigung in der Gemeinschaft oder auch einfach nur Austausch ermöglichen. Und diese Räume gibt es vielerorten schon, sie müssen aber mit Angeboten gefüllt und weiter erschlossen werden. Und auch hier zeigt sich die Verschränkung zu den kommunalen Konzepten und Handlungserfordernissen solcher seniorenpolitischer Gesamtkonzepte. Doch Räume allein reichen nicht, Menschen brauchen Menschen. Und deshalb kommt dem Ehrenamt eine besondere Bedeutung zu. Hier gilt es, sorgende Gemeinschaften und oftmals auch Mut zur Nähe zu stärken. Ehrenamtliche begleiten ältere Menschen zu Arztterminen, besuchen sie regelmäßig, hören zu, leisten kleine Hilfen im Alltag oder bringen Menschen einfach zusammen. Sie führen Gespräche, sie geben Zeit und manchmal sind sie diejenigen, die Einsamkeit zuerst bemerken und ihr entgegenwirken können. Sie organisieren gemeinsam Mahlzeiten, Sportgruppen oder kulturelle Angebote, sie unterstützen bei der Nutzung digitaler Medien, damit auch Kontakte über Distanz hinweg gepflegt werden können. Und sie tragen dazu bei, Einsamkeit in der Gesellschaft überhaupt sichtbar zu machen. Damit dieses Engagement wirken kann, braucht es Anerkennung, Struktur und Unterstützung, denn Ehrenamt entsteht nicht von selbst, es wächst, wenn wir ihm Raum geben. Den MitMachZentralen im Land als Koordinierungsstellen und Ehrenamtspool für Nachbarschaftshilfe kommt hierbei eine besondere Bedeutung zu. Und die Engagementstrategie, die begleitend zum Runden Tisch erarbeitet wird, greift auch diese Erkenntnisse auf. Ein weiterer Baustein ist die digitale Teilhabe. Viele ältere Menschen möchten digitale Geräte nutzen, um mit Familie und Freunden in Kontakt zu bleiben. Doch dazu benötigen sie nicht nur Geräte, sondern auch Anleitung, Geduld und Begleitung. Digitale Teilhabe ist kein technisches Extra, sie ist heute ein sozialer Anschlussweg. Besonders im ländlichen Raum kommt außerdem der aufsuchenden Arbeit eine große Bedeutung zu. Wenn Menschen nicht mehr mobil sind, dann müssen wir zu ihnen kommen, durch Gemeindeschwestern, Bürgerbesuchsdienste oder mobile Beratung. Einsamkeit ist kein Tabu. Sie anzusprechen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Mitgefühl und Verantwortung. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, Die Linke und Anne Shepley, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Öffentlichkeitsarbeit und Sensibilisierung helfen dabei, Berührungsängste abzubauen und Beteiligung zu fördern. 65 Maßnahmen sind in der Anlage zum Bericht bereitgestellt, sind dort zu lesen, und es wird ein Begleitgremium geben, das die Umsetzung dieser Maßnahmen auch weiterhin begleitet. Ich glaube, das ist ein guter Schritt für ein wichtiges Thema. – Vielen Dank! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, Die Linke und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
