Simone Oldenburg
Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Lehrerinnen und Lehrer qualifizieren die Schülerinnen und Schüler nicht für den Weg in das Berufsleben. Lehrkräfte legen zu wenig Wert auf Selbstüberwindung, Durchhaltevermögen und Eigeninitiative der Schülerinnen und Schüler. Jugendlichen fehlen elementare Kenntnisse. Sie können nicht ausreichend lesen, schreiben und rechnen. (Zuruf von Enrico Schult, AfD) Jugendliche sind den grundlegenden Anforderungen des Berufsalltags oft nicht gewachsen. Die Schulerziehung führt zu dem fragwürdigen Selbstverständnis, immer so gefördert werden zu wollen, dass man sich Schwierigkeiten nicht mehr kraft eigener Haltung stellen muss. Abschlussprüfungen sind niederschwellig, das Prüfungsverfahren ist nicht qualifiziert und daher scheitern die Jugendlichen leider nicht. (Zuruf von Horst Förster, AfD) Und weil die Jugendlichen leider nicht scheitern, fehlt ihnen diese wertvolle biografische Erfahrung des Scheiterns. (Enrico Schult, AfD: Danke, dass Sie das immer wieder wiederholt haben!) Sehr geehrte Damen und Herren, so weit das Erziehungs- und Bildungsverständnis der AfD-Fraktion. Zusammengefasst bedeutet diese Einschätzung, dass Schülerinnen und Schüler nichts können (Zuruf von Horst Förster, AfD) und dass sie diese Eigenschaft gar mit den Lehrkräften eint. So fatal, so verachtend, (Enrico Schult, AfD: Haben Sie der Rede nicht zugehört?) so oberflächlich und falsch. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und Die Linke – Torsten Koplin, Die Linke: Richtig!) Dieser Antrag basiert auf dem mangelnden Wissen unter anderem über das Entstehen von Prüfungsaufgaben, über bundesweit geltende Vorgaben der Kultusministerkonferenz für den Ersten und den Mittleren Schulabschluss, über die Pilotierung der Prüfungsaufgaben, über die Arbeit der Prüfungskommissionen und über die gleichsam für alle Schulen in der Bundesrepublik geltenden gemeinsamen Festlegungen, die den Prüfungen zugrunde liegen. Gern stelle ich die Vielschichtigkeit schulischer Bildung anhand einiger Standards dar, um den Antragstellern einen kleinen Einblick in die komplexe Welt der Schule, des Unterrichts, der Prüfungen und der Abschlüsse zu ermöglichen. (Zuruf von Horst Förster, AfD) Der Antrag vermittelt den Anschein, dass die AfD glaubt, dass sich irgendjemand in einem stillen Kämmerlein holterdiepolter überlegt, was kann man denn in zwei oder drei Monaten so prüfen. Sehr geehrte Damen und Herren, wie entstehen Prüfungsaufgaben? Welche Rolle spielen dabei die Bildungsstandards, die Kompetenzmodelle sowie die Stundentafeln der einzelnen Fächer und Jahrgangsstufen der verschiedenen Schularten? Welche Bedeutung haben die seit Jahren festgelegten Mindestanforderungen an Schulwissen? Im Jahr 2004/2005 hat die Kultusministerkonferenz erstmals mit den beschlossenen Bildungsstandards die Anforderungen für den Ersten und für den Mittleren Schulabschluss festgelegt. Diese wurden im Jahr 2022 überarbeitet und gelten bundesweit in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch für den Sekundarbereich I als verbindliche Regelstandards. Diese bundesweit geltenden Standards bilden die Grundlage für die Erarbeitung der Rahmenpläne und für die Erstellung der zentralen Abschlussprüfungen. Zu den Bildungsstandards wurden Kompetenzstufenmodelle entwickelt, die verschiedene Niveaustufen aufweisen. Es gibt den Mindeststandard, den Regelstandard plus und den Optimalstandard. Diese Kompetenzstufenmodelle existieren unter anderem für die Fächer Deutsch und Mathematik. Für das Fach Deutsch sind es zum Beispiel die bundeseinheitlichen Kompetenzbereiche Lesen, Zuhören und Orthografie. Das Erreichen dieser Kompetenzstufen ist der Vergleichsmaßstab, der angelegt wird, wenn man die Bildungsstandards überprüft. Und eine besondere Rolle spielen in diesem Prozess die Mindeststandards, die festlegen, welche Kompetenzen alle Schülerinnen und Schüler des jeweiligen Bildungsgangs, wie es der Name schon sagt, mindestens erwerben müssen. Und auf der Grundlage dieser Bildungsstandards werden dann Testaufgaben – in unserem Falle VERA 3 und VERA 8 – entwickelt, um anhand des integrierten Kompetenzstufenmodells in den einzelnen Bereichen und Fächern zu überprüfen, inwieweit die angestrebten Kompetenzen erreicht werden. Die Ergebnisse dieser Überprüfungen geben regelmäßig Rückmeldungen über Stärken und Schwächen des Schulsystems, hier im IQB-Bildungstrend, sowie in den einzelnen Klassen und Schulen durch die VERA-Testung. Und weil diese Testungen seit dem PISA-Schock immer wieder durchgeführt werden und auch Schwächen im Wissen der Kinder und Jugendlichen in den unterschiedlichen Fächern und Jahrgängen offenbaren, arbeiten alle Bundesländer an der Verbesserung des Unterrichts, an der Entwicklung des Schulklimas und der Lernsituation, aber auch an Veränderungen der Arbeitssituation der Lehrkräfte. So haben wir in den vergangenen Jahren in Mecklenburg-Vorpommern folgende Veränderungen auf den Weg gebracht: – die Stärkung der basalen Kompetenzen in der Grundschule durch eine zusätzliche Deutsch- und eine zusätzliche Mathematikstunde, – die Unterstützung für den Bereich der Mathematik durch die Implementierung von QuaMath, – durch die zusätzliche Unterrichtsstunde für den Grundkurs Klasse 11 in Mathematik, – durch die Neuausrichtung der Abiturprüfungen im Fach Mathematik, – aber auch die Überarbeitung der Stundentafeln und damit die Einführung von bis zu elf Stunden zusätzlichem Unterricht in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch haben wir auf den Weg gebracht, – genau wie eine bessere Förderung durch den Einsatz flexibler Stunden und die Neuausrichtung des produktiven Lernens hin zur praxisorientierten Berufsreife – und auch das neue BO-Konzept. Auch das Startchancen-Programm des Bundes ermöglicht 70 Schulen in Mecklenburg-Vorpommern eine besondere Unterstützung und Ausstattung, um von ihnen aus alle Schulen im gesamten Land in der Schul- und Unterrichtsentwicklung voranzubringen. Darüber hinaus unterstützen über 1.200 zusätzliche pädagogische Fachkräfte die Schülerinnen und Schüler. Dadurch haben wir allein in den vergangenen zwei Jahren erreicht, dass die Anzahl der Jugendlichen mit einem Abschluss der Mittleren Reife gestiegen ist, sich die Ergebnisse der Abiturprüfungen im Fach Mathematik um drei Punkte erhöht haben, circa 500 Jugendliche den Abschluss der Berufsreife durch zusätzliche Angebote der flexiblen Schulausgangsphase erreicht haben, die ansonsten gescheitert wären. Wir haben es geschafft, den ersten Platz in der Chancengerechtigkeit zu erringen, und sind damit das Land mit der geringsten Bildungsarmut. Sehr geehrte Damen und Herren, ich wollte nur einmal kurz darauf hinweisen, dass es falsch ist zu behaupten, dass es kein qualifiziertes Prüfungsverfahren gibt, dass es falsch ist zu behaupten, dass es keine Mindestanforderungen für den Erwerb von Wissen in den einzelnen Fächern und Schularten gibt, und dass es auch falsch ist, dass nichts unternommen wird, um die Kenntnisse auch im Lesen, Schreiben und Rechnen der Schülerinnen und Schüler zu erhöhen. Es ist auch falsch zu behaupten, die profunde fachliche Bildung werde einer Ideologisierung geopfert. Und es ist auch falsch zu behaupten, dass unsere Kinder und Jugendlichen weder über Durchhaltevermögen noch über Leistungsorientierung verfügen. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und Die Linke – Torsten Koplin, Die Linke: Hört, hört!) Was hingegen falsch ist – und das sei mir als Deutschlehrerin einmal erlaubt zu sagen –, ist die Verwendung des Dativs in Punkt 6 Ihres Antrages. (Beifall und Heiterkeit vonseiten der Fraktionen der SPD und Die Linke – Michael Noetzel, Die Linke: Bravo!) Sehr geehrte Damen und Herren, ich möchte allen Lehrkräften, den unterstützenden pädagogischen Fachkräften, den Erzieherinnen und Erziehern und den Alltagshilfen für ihre aufopferungsvolle Arbeit danken. Auch den Schülerinnen und Schülern danke ich, dass sie sich oft mit großer Anstrengungsbereitschaft auf ihre Schulabschlüsse vorbereiten. Herzlichen Dank all jenen, die sich immer wieder und immer wieder der großen Verantwortung von Bildung stellen! – Herzlichen Dank! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und Die Linke)
