Sabine Enseleit
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Stellen Sie sich vor, Sie bekommen einen Anruf von Ihrer Tochter. Sie weint, sie klingt panisch: „Mama, bitte! Ich brauche sofort Hilfe, ich hatte einen Unfall!“ Dann schaltet sich plötzlich eine Männerstimme ein, ruhig und bestimmt: „Guten Tag, hier spricht die Staatsanwaltschaft. Ihre Tochter hat einen schweren Unfall verursacht. Um eine Untersuchungshaft zu vermeiden, ist eine Kaution nötig, sofort.“ Natürlich handeln Sie, was bleibt Ihnen auch anderes übrig. Die Stimme klingt wie Ihre Tochter, der Mann am Telefon wirkt seriös. Also heben Sie Geld ab, übergeben es einem angeblichen Boten oder überweisen es auf ein genanntes Konto. Und erst später stellt sich heraus, nichts davon war echt. Die Stimme war künstlich erzeugt aus wenigen Sekunden Audiomaterial, von einer KI gefüttert und perfekt inszeniert. Solche Schockanrufe sind kein neues Phänomen, doch heute erleben wir eine neue Qualität dieser Täuschung. Künstliche Intelligenz imitiert Stimmen täuschend echt. Die Täter brauchen nur wenige Sekunden Tonmaterial und der Betrug wirkt vollkommen real. Doch es gibt noch verstörendere KI-Betrugsmaschen. Ein harmloses Foto Ihrer Tochter, aufgenommen am Strand oder auf einer Party, ein unbeschwerter Moment, gepostet auf Instagram, TikTok oder Snapchat, ein Bild, wie es Millionen Jugendliche tagtäglich teilen – doch mit wenigen Klicks wird daraus ein täuschend echtes Nacktbild, erzeugt von einem digitalen Entblößungsprogramm, ohne das Wissen Ihrer Tochter, ohne ihr Zutun und ohne jede Möglichkeit, es rückgängig zu machen. Ein beliebiges Bild wird vom Instagram-Profil genommen, mit einem Deepnude-Programm bearbeitet und schließlich in der Klassengruppe verbreitet. Diese Beispiele sind längst keine Einzelfälle mehr, sondern bittere Realität. Nicht immer geht es den Tätern dabei um Geld. Die Täter setzen auf Scham, auf Angst, auf diese lähmende Hilflosigkeit, die solche Bilder auslösen. Manchmal geht es nur um Macht, um Kontrolle oder um eine grausame Art von Spaß. Für die Betroffenen ist das kein harmloser Streich, für sie ist es ein Angriff auf ihre Intimsphäre, auf ihre Sicherheit, auf ihre Würde. Und es trifft vor allem Mädchen, die plötzlich zum Gespött und gemobbt werden, was bis zum Suizid führen kann. Meine Damen und Herren, was wir aktuell mit KI erleben, ist ein tiefgreifender Wandel, nicht nur technisch, sondern auch gesellschaftlich. Generative KI lässt die Grenzen zwischen echten und künstlich erzeugten Bildern, Stimmen und Videos zunehmend verschwimmen. Maßstäbe wie Beweissicherheit, Quellenkritik und die Unterscheidung zwischen wahr und manipuliert geraten ins Wanken. Deepnude- und Faceswap-Technologien sind keine Spezialwerkzeuge mehr, sie sind längst Bestandteil alltäglicher Apps, die Millionen Menschen nutzen. Soziale Netzwerke und Messengerdienste verstärken diese Dynamik zusätzlich. Ihre Empfehlungsalgorithmen begünstigen gerade jene Inhalte, die besonders spektakulär, empörend oder emotional sind. Und auch die technische Nachbildung menschlicher Stimmen gehört mittlerweile zur Standardfunktion vieler KI-Anwendungen. Wenige Sekunden Tonmaterial genügen, um realistische Stimmmuster zu erzeugen. Künstliche Intelligenz perfektioniert die Täuschung, beschleunigt die Vorbereitung und erhöht die emotionale Wucht der Angriffe. Die Methoden sind vielfältig, die Mittel technisch raffiniert, das Ziel immer dasselbe: Menschen unter Druck setzen, bloßstellen und finanziell schädigen beziehungsweise ihre Entscheidungen zu manipulieren. Wo sich früher ein Täter auf seine Schauspielkunst verlassen musste – „Wie, Oma, du erkennst mich nicht?!“ –, werden heute die Stimmen der Enkel realitätstreu imitiert. Was früher Stunden oder Tage brauchte, entsteht heute in Sekunden. Dessen müssen wir uns bewusst sein, um nicht selbst Opfer dieser raffinierten und perfiden Angriffe zu werden, egal ob Schockanruf, Deepnude- Sextortion, Anlagebetrug oder Wahlmanipulation. Und wir müssen auch feststellen: Die technische Entwicklung ist den Schutzmechanismen längst voraus. Wenn sich laut einer Bitkom-Umfrage nur 26 Prozent der befragten Internetnutzer zutrauen, Falschinformationen im Netz zu erkennen, und 52 Prozent sagen, dass sie schon einmal auf Deepfakes hereingefallen sind, dann muss uns das als Politik und Gesellschaft aufhorchen lassen, und wir müssen dem etwas entgegensetzen. Auch in unserem Land häufen sich diese Fälle, zwei habe ich exemplarisch in den Antrag mit aufgenommen. Deswegen haben wir als CDU-Fraktion Ihnen heute diesen Antrag mit sieben konkreten Forderungen vorgelegt mit dem Ziel, die Medienkompetenz und die Kompetenzen im Umgang mit Künstlicher Intelligenz in der Bevölkerung zu stärken. Besonders viele Hinweise habe ich hierzu von Kindern und Jugendlichen erhalten, die sich mehr Informationen zum verantwortungsvollen Umgang mit den sozialen Medien und insbesondere mit KI wünschen. Entsprechende Angebote und Projekte sollten niedrigschwellig in Schulen beziehungsweise Jugendzentren angeboten werden, um den Wünschen und Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden. Hierbei dürfen wir allerdings nicht außer Acht lassen, dass in den Schulen unsere Wissenschaftler, Entwickler und Unternehmer von morgen sitzen. Neben dem Schutz vor Deepfakes ist es also auch notwendig, Experimentierräume zu schaffen, in denen die Kinder und Jugendlichen mit Künstlicher Intelligenz und deren vielfältigen Möglichkeiten in Berührung kommen und sich ausprobieren können. Sehr geehrte Damen und Herren, ein besonderes Augenmerk muss aber auch auf die ältere Generation gelegt werden. Laut der oben genannten Bitkom-Studie bewerten die 16- bis 29-jährigen Internetnutzer ihre eigene Medienkompetenz mit der Schulnote 2,5, während sich die über 75-jährigen nur eine 4,1 geben. Um dieser mangelnden Medienkompetenz bei Senioren zu begegnen, müssen zum Beispiel die erfolgreichen SilverSurfer-Kurse weiter ausgebaut werden, Projekte in Pflegeeinrichtungen initiiert oder in Zusammenarbeit mit den Kommunen Kurse an den Volkshochschulen angeboten werden. Nur mit einer groß angelegten Kampagne über alle Generationen können wir den Chancen und Risiken von Künstlicher Intelligenz begegnen. Warum also kein landesweiter KI-Aktionstag mit Veranstaltungen im ganzen Land, ähnlich dem bundesweiten Digitaltag? Mecklenburg-Vorpommern sollte beim Thema KI vorangehen, unser Antrag bietet dazu einen wichtigen Impuls. Ich bitte Sie, nehmen Sie die Bedrohung durch den Missbrauch Künstlicher Intelligenz ernst, erkennen Sie die Dringlichkeit und senden Sie mit der Annahme dieses Antrages ein klares Signal! Lassen Sie uns gemeinsam dafür sorgen, dass wir die Chancen von KI sehen und nutzen! KI ist ein Werkzeug, das Fortschritt ermöglicht in der medizinischen Versorgung, in Bildung, Wirtschaft und Verwaltung. Gleichzeitig müssen wir dafür sorgen, dass die negativen Folgen von KI eingeschränkt werden, damit sich die Technik zum Wohl der Menschen einsetzt, nicht gegen sie. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit! (Beifall vonseiten der Fraktion der CDU)
