Enrico Schult
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Liebe Bürger vielleicht da draußen am Bildschirm! Für die GRÜNEN ist die Welt nur noch in der Ganztagsschule heil, hell und in Ordnung. Nur dort läuft es, wie man im Antrag lesen kann. Dort ist man leistungsstark, wohnortnah, vielfältig, kind- und chancengerecht sowie inklusiv unterwegs. Lassen Sie mich einen Moment beim Begriff „Ganztagsschule“ bleiben, werte Kollegen! Der hat sich derart verselbstständigt, dass er bereits völlig unhinterfragt abgenickt wird. Jeder sieht darin ausschließlich Chancen und Möglichkeiten, Probleme gar nicht mehr. Die Konnotation wirkt per se positiv. Ganztagsschule, den ganzen Tag Schule, das muss ja gut sein. Ganztagsschule ist ein Segen, Ganztagsschule stellt jenes Minimum dar, das für Kinderglück sichergestellt sein muss. Ohne Ganztagsschule ist eine gute Kindheit und Jugend, so wird der Anschein erweckt, überhaupt nicht mehr möglich. Deshalb hat unsere gute Regierung nicht nur das Gute-Kita-Gesetz auf den Weg gebracht, sondern ebenfalls – wie gut doch! – sogar den Gesetzesanspruch auf Ganztagsschule gewährleistet. Was müssen das doch für Horrorjahre, ach, Horrorjahrzehnte gewesen sein, als mit dem als Erlösung empfundenen Klingeln nach der letzten Stunde Hunderte Kinder schreiend aus dem Schulhaus hinaus ins Freie stürmten, endlich der Zwangsvereinnahmung des Stundenplans und der Lehrer ledig und befreit für all die spannenden Abenteuer des freien Nachmittags, mit dem letzten Klingeln endlich raus, endlich zum Angeln, endlich auf den Bolzplatz, endlich an der eigenen Karre schrauben und damit rumheizen, endlich mit der Freundin an einer lauschigen Badestelle treffen, (allgemeine Heiterkeit – Jens Schulze-Wiehenbrauk, AfD: Ah!) endlich in Ruhe etwas lesen, was nicht zur Pflichtlektüre gehört, endlich nicht mehr Lebensgestaltung nach pädagogischem Konzept, (allgemeine Unruhe) sondern in Verwirklichung eigener Träume und Wünsche! Das ging nur damals und das ging damals auch nicht in der Schule. Aber oh je, was müssen das für trostlose Jahre gewesen sein, als alle raus wollten aus der Schule?! Nun mal im Ernst, mindestens an die Adresse einiger Kollegen hier: Beantworten Sie sich die Frage, wie Sie als Schulkind rein intuitiv darauf reagiert hätten, (Zuruf von Rainer Albrecht, SPD) wenn man Ihnen als Kind oder Jugendlicher gesagt hätte, Andreas, Rainer, Sebastian, Jens, heute, da müsst ihr nicht schon um 13:15 Uhr die Schule verlassen, (Zuruf von Anne Shepley, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) heute könnt ihr endlich ganztags hierbleiben, (Beifall vonseiten der Fraktion der AfD – Thore Stein, AfD: Oh!) wir machen jetzt nämlich Ganztagsschule! Und das Schönste daran ist, das ist nicht nur heute so, nein, das ist ab jetzt jeden Tag so, bis wir euch nach der 10. oder 12. Klasse dann entlassen, sogar per Gesetz. Ihr könnt nicht mehr einfach so um viertel Zwei hier raus und dann euer Ding machen, ihr sollt gar nicht mehr so früh gehen, ihr dürft das nicht mal mehr. Denn was viele nicht wissen, Ganztagsschule ist, dann müssen sie auch dableiben. (Ministerin Simone Oldenburg: Das ist falsch. – Heiterkeit bei Rainer Albrecht, SPD: Leider nein!) Ihr bleibt nun immer bis halb fünf schön in unserem Schulhaus, in das ihr doch hoffentlich jeden Morgen so gerne kommt, (Zuruf von Jutta Wegner, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) weil ihr hier so leistungsstark, so wohnortnah, so vielfältig, kind- und chancengerecht sowie inklusiv ausgebildet werdet. Na, da freut ihr euch doch, oder?! Endlich Ganztagsschule! Ein Traum wurde wahr, Herr Albrecht! (Heiterkeit vonseiten der Fraktion der AfD und Rainer Albrecht, SPD) Ich unterstelle, Andreas, Rainer, Jens, wie sie alle heißen mögen, hätten diese Nachricht deprimiert aufgenommen. Allein das Wort „Ganztagsschule“ wäre ihnen ein Graus gewesen. (Zuruf von Jutta Wegner, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Aber weshalb dieser Wandel, Frau Wegner? Weshalb dieser Wandel, werte Kollegen? Die Welt, die sogenannte gesellschaftliche Wirklichkeit, galt damals noch nicht als so böse, dass man Kinder und Heranwachsende vor ihr schützen musste, indem man sie prompt ganztags in Schulhäusern einpferchte. (Heiterkeit vonseiten der Fraktion der SPD und Anne Shepley, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Aber durchweg nicken das heute alle reflexsicher ab, insbesondere die Bildungspolitiker auch hier unter uns, ja klar, Ganztagsschule ist das Beste, was wir unseren Kindern bieten können – ein Satz, der in den 70ern, 80ern und 90ern überhaupt nicht verstanden worden wäre, (Zurufe von Rainer Albrecht, SPD, und Sandy van Baal, fraktionslos) den man für völlig verpeilt gehalten hätte damals. (Zuruf von Rainer Albrecht, SPD) Plötzlich aber gilt die Ganztagsschule nicht nur als Notwendigkeit, sondern sogar als Grund zur Freude, als Ort einer verdammt tollen Kindheit. Da fragt man sich, was ist nur mit der Welt, mit der Gesellschaft geschehen, (Anne Shepley, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Die hat sich verändert, die Welt.) wenn die Schule ihr Heil darin sieht, (Anne Shepley, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Die hat sich verändert, die Welt.) die Kinder den ganzen Tag festzuhalten, um sie bloß nicht ins Freie, bloß nicht nach draußen in die Welt zu entlassen, (Unruhe vonseiten der Fraktion der SPD – Zuruf von Anne Shepley, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) bloß nicht dorthin, wo man sich früher selbst bewies und zu bewähren lernte. (Zuruf von Rainer Albrecht, SPD) Diesen Wandel, diese Verkehrung, ja, diese verkehrte Welt sollte man eingangs gründlich bedenken, bevor man sich dazu aufwirft, aufs Neue das Hohelied auf die Ganztagsschule, die vermeintlich beste aller möglichen Welten für das Kind, zu singen. Im Antrag der GRÜNEN heißt es: „Die gute Grundschule von morgen ist eine Ganztagsschule ...“ So dekretieren es die GRÜNEN im Antrag. Und dort heißt es ebenfalls noch: „motivierende Lerngelegenheiten über den ganzen Tag initiieren“. Das ist das, was Sie sich vorstellen an den Schulen. Solch einen Tunnelblick haben Sie sich schon fast oder haben Sie sich schon angewöhnt. Wenn der Ganztag nicht funktioniert, dann droht, wie Sie finden, schlimmes Ungemach. Dafür kreieren Sie auch so ein klasse Wort. Wenn nämlich der Ganztag nicht flächendeckend durchgesetzt wird, das hatte Frau Wegner ja auch gesagt, nicht alle Kinder also in der Schule gehalten werden können, dann – oh Graus! –, dann, ich zitiere, fallen auch in M-V Familien in eine Betreuungslücke. (Thore Stein, AfD: Was?! – Jutta Wegner, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Das habe ich so nicht gesagt.) Und ich möchte mal aus einem Leserbrief zitieren, Frau Wegner, den ich treffend fand und wo ich sagte, den muss ich Ihnen heute unbedingt, einen Ausschnitt daraus, einfach mal zitieren, aus der FAZ: „Wer aufmerksam die Berichte über den Zustand der Unterrichtsversorgung an unseren Schulen liest, dem kann nur davor grauen, den Kindern dort auch noch die richtige gesellschaftspolitische Haltung“ (Zuruf von Jutta Wegner, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) „in Fragen unterschiedlicher politischer Gefühlswelten beibringen lassen zu wollen. Das kann nichts werden. Insbesondere, wenn man glaubt, die Kleinen damit der Einflussnahme und Richtungsweisung durch die Eltern entziehen zu können.“ Wir als AfD stehen für Elternverantwortung und die Ausprägung der eigenen Persönlichkeit. Deshalb sehen wir den einseitigen Fetisch der GRÜNEN für die Ganztagsschule kritisch, werte Kollegen. Lasst die Kinder ihre Erfahrungen machen, traut ihnen was zu! Der Staat darf sich nicht zum ersten Erziehungsberechtigten aufschwingen, auch wenn er es gut meint mit dieser Ganztagsschule. (Beifall vonseiten der Fraktion der AfD) Das Erziehungsrecht liegt bei den Eltern. Deshalb braucht es … (Rainer Albrecht, SPD: Aber wenn die arbeiten?) Herr Albrecht, nutzen Sie die Kurzintervention! Deshalb braucht es diesen Antrag der GRÜNEN nicht. Und wir waren ja beim Runden Tisch ganztags dabei, Frau Wegner, und ich verstehe ja auch … (Zuruf von Jutta Wegner, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Ja, ich war dabei. Sie saßen ja nicht weit weg von mir. (Thore Stein, AfD: Auch sogar ganztags, nicht halbtags.) Und ich verstehe ja auch nicht, wie Sie immer wieder neue Expertengremien und Expertenrunden, immer wieder hier stehen und unablässig dieses fordern. Denken Sie bitte tatsächlich mal aus der Perspektive, denken Sie vielleicht an Ihre Kindheit, wie Sie groß geworden sind, und dann sind wir vielleicht auf dem gleichen Weg! (Zuruf von Rainer Albrecht, SPD) Es braucht nicht den Staat, es braucht nicht die Schulen, die überall hineinwirken, das selbstständige Ausbilden oder das Ausbilden der Persönlichkeit, ich glaube, da sind unsere Kinder auch auf dem richtigen Weg. – Vielen Dank, dass Sie mir zugehört haben, werte Kollegen! (Beifall vonseiten der Fraktion der AfD)
