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Jutta Wegner

GRÜNE 15.05.2025 Sitzungen 8/106

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Kolleginnen und Kollegen! Wir haben im vergangenen Herbst den Runden Tisch „Ganztag“ abgeschlossen und wissen nun zumindest aus dem Bildungsministerium, dass die Horte die ganztägige Betreuung übernehmen sollen. Ganztägige Betreuung darf sich aber nicht allein darauf beschränken, dass die Kinder an einem Ort untergebracht sind. Ein gut strukturierter Ganztag und ein tatsächlich kindzentrierter Tagesablauf zeichnen sich dadurch aus, dass sich Phasen des selbstbestimmten Lernens, des Unterrichts und der Freizeit ausgewogen aufeinander abstimmen. Davon sind wir aktuell in Mecklenburg-Vorpommern aber noch weit entfernt. (Beifall vonseiten der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Ganztag wird derzeit noch in den alten Kategorien „vormittags Schule/nachmittags Hort“ gedacht. Dies kritisiert unter anderem auch die GEW. Der Ganztag darf auch aus gewerkschaftlicher Sicht nicht dazu genutzt werden, Unterrichtsausfälle durch den Hort zu kompensieren oder Haushaltslöcher zu stopfen, denn dann treffen nicht nur landesweit alle Kinder auf unterschiedliche Voraussetzungen, sondern wir verpassen auch eine große Chance, die der Ganztagsrechtsanspruch ab dem nächsten Jahr mit sich bringt. Eine gute, ganztägig funktionierende Kooperation von Schulen und Horten darf nicht auf die Spielräume von Busunternehmen, betriebswirtschaftliche Kalkulationen der Horte und möglichst geringe Kosten für das Bildungsministerium ausgerichtet sein. Ein guter, ganztägig strukturierter Schulalltag richtet sich im Grunde allein nach den Bedarfen der Kinder. Das bedeutet, dass sich Schule, Horte und außerschulische Bildungspartner den Bedarfen der Schüler/-innen und ihrer Lern- und Lebenswelt anpassen müssen, nicht umgekehrt. Das gilt sowohl räumlich als auch pädagogisch. Gutes Lehren und Lernen benötigt angemessene Raum- und Zeitressourcen, in denen Lehrkräfte und Erzieher/-innen ganztägig und auf Augenhöhe in multiprofessionellen Teams zusammenarbeiten. (Hannes Damm, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Genau so.) Mecklenburg-Vorpommern hat einen hohen Anteil an freien Schulen. Haben Sie sich mal gefragt, warum das so sein könnte? Meine Vermutung ist, dass sich Eltern eine andere Schule wünschen, eine Schule, die sich stärker an den Bedürfnissen der Kinder orientiert und oft auch mit anderen pädagogischen Konzepten arbeitet. Denn Eltern, die sich für eine freie Schule entscheiden, zahlen auch das Schulgeld dafür. (Rainer Albrecht, SPD: Ja.) Doch ist es fair? Warum heben wir nicht die öffentlichen Schulen auf das Niveau freier Schulen? Mit dem Schulgeld wird ja nur die Differenz finanziert, die nicht aus Landesmitteln – also man bekommt ja keine 100 Prozent Förderung für eine freie Schule –, die nicht aus Landesmitteln finanziert wird. Warum ermöglichen wir nicht allen Kindern gute Lern- und Entwicklungsräume? Wäre das nicht gerecht? Gute Schule für alle, nicht nur an freien Schulen? Gerade bei dem Wertekanon einer rot-roten Landesregierung müsste doch hier das „Ja“ nun aus allen Richtungen zu hören sein. Vor knapp anderthalb Jahren haben wir hier gemeinsam einen Antrag verabschiedet, der eine gemeinsame ganzheitliche Strategie sowie eine erste Priorisierung von Maßnahmen zur Umsetzung des Rechtsanspruchs auf ganztägige Betreuung vorsah. Der Runde Tisch ist abgeschlossen. Aber wo ist die Strategie, meine Damen und Herren? Wir haben beim Runden Tisch „Ganztag“ ausschließlich über Strukturen debattiert. Qualitätsstandards, die allen Kindern gleiche Bildungschancen ermöglichen, sind bis dato außen vor geblieben. Genau darauf zielt unser Antrag. Wie kann eine gesundheitsförderliche Vollversorgung im Ganztag gelingen? Wir wissen doch, dass es insbesondere im ländlichen Raum Kinder gibt, die erst gegen halb drei im Hort ein Mittagessen bekommen. Liebe Kolleg/-innen, wir müssen uns bei derartiger Vernachlässigung der Grundbedürfnisse der Kinder nicht wundern, dass es immer mehr auffällige und unkonzentrierte Schüler/-innen gibt. Wie können Sport und Bewegung gestaltet werden? Welche Rolle spielen Hausaufgaben? Wie kann ein gut rhythmisierter Ganztag im personellen und finanziellen Zusammenspiel aus Horten, Schulen und außerschulischen Bildungspartnern ausgestaltet werden? Wie gestalten sich Übergänge zwischen der Kita, den Schulen und dem Hort? Und wie stellen wir den Kinderschutz in der Zusammenarbeit mit außerschulischen Bildungspartnern sicher? Diese Fragen gilt es doch zu klären, und wir schlagen dafür ein pädagogisches Expert/-innen-Gremium aus Kolleg/-innen der Kindertagesstätten, Schulen, Horte und Wissenschaft vor, das diese Qualitätsstandards bis Ende Oktober dieses Jahres klärt und eine Strategie erarbeitet. Es ist dann ihre Aufgabe, diese Qualitätsstandards bis spätestens Ende Januar 2026 zu überarbeiten, damit eine Umsetzung in die schulische Praxis mit dem Greifen des Rechtsanspruchs ab dem 01.08.2026 überhaupt noch ermöglicht werden kann. Diese Forderung erheben im Grunde nicht nur wir, sondern auch der Kita-Landeselternrat, der Landeselternrat und der Landesschüler/-innenrat. Ich freue mich auf Ihre Gedanken und die Debatte. Lassen Sie die Hoffnungen, die am Runden Tisch „Ganztag“ auf eine gute Schule für alle entstanden sind, nicht im Orkus verschwinden! Lassen Sie uns arbeiten, dass es uns hier im Land gelingt! – Vielen Dank! Ich freue mich auf die Debatte. (Beifall vonseiten der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Sandy van Baal, fraktionslos)

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