Christian Albrecht
Ja, sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen, „Suchtgefahr in Spielen eindämmen – Klare Regeln für Lootboxen“, das fordert unser gemeinsamer Antrag. Und meine Vermutung, die ich hatte, hat ja Frau Präsidentin gerade schon bestätigt, dass ein Großteil der Leute hier im Raum mit der Begrifflichkeit wahrscheinlich gar nichts anfangen kann und entsprechend auch nicht direkt klar ist, warum es wichtig ist, hier regulatorisch ranzugehen. Deswegen hole ich mal an der Stelle ein bisschen weiter aus. (Vizepräsidentin Elke-Annette Schmidt übernimmt den Vorsitz.) Lange als Hobby für kleine Kinder und Jugendliche – meist Jungs – angesehen, ist Gaming ja mittlerweile voll in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Etwas über die Hälfte der Bevölkerung spielt wenigstens gelegentlich, und ich bin mir sicher, dass auch der eine oder andere von Ihnen hier „Candy Crush“ oder was Ähnliches (Sebastian Ehlers, CDU: Maximal Tetris.) auf dem Handy hat. Bei den Menschen unter 20 reden wir sogar von einem Anteil von um die 90 Prozent. Und genau deswegen, weil Spiele in nahezu jedem Kinder- und Jugendzimmer präsent sind und sehr präsent teilweise, müssen wir auch genau hinschauen, was da so passiert. Und zur Gamesbranche kann man sagen, dass die seit den 80er-Jahren kontinuierlich wächst, hat vor einigen Jahren die Filmindustrie – Hollywood und wie sie alle heißen – in den Umsätzen schon deutlich überholt. Und allein in Deutschland hat die Branche im Jahr 2023 etwa 10 Milliarden Euro Umsatz erzielt, Tendenz weiter steigend. Na ja, und wie werden denn diese Umsätze generiert? Früher war das so, da hat man für 50/60 Euro sein Spiel gekauft und dann war es im Wesentlichen gut. Im PC-Bereich gab es mal noch ein Add-on, also was spezielle Inhalte dann gibt, aber dann war das, was aus einem Spiel herauszuholen ist, im Wesentlichen ausgereizt und man musste das nächste entwickeln. (Thomas de Jesus Fernandes, AfD: Gibt ja auch noch Battlepass und so.) Genau, dazu kommen wir ja jetzt. Dann irgendwann kamen die Mikrotransaktionen, und die sind vom Umfang deutlich kleiner. Da reden wir über einzelne Gegenstände, Outfits, meistens kosmetische Sachen, auch Vorteile in Spielen, und die gibt es dann für ein paar Euros zu kaufen. Die Büchse der Pandora hat damals „Oblivion“ geöffnet, dort konnte man erstmalig für 1,99 eine Rüstung für sein getreues Pferd kaufen. Und seitdem hat die Branche eigentlich nie wieder zurückgeschaut, sondern damit Mikrotransaktionen eigentlich immer und immer weiter aufgesattelt. (Zuruf von Thomas de Jesus Fernandes, AfD) Mittlerweile sind wir an dem Punkt, wo 50 Prozent des Umsatzes der Branche nur auf solche Mikrotransaktionen entfallen. Im PC-Bereich reden wir über 70 Prozent, im Handy-Bereich – da sind Free-to-play-Modelle eigentlich die Norm – sogar über 100 Prozent. Und jetzt könnte man sagen, ja, wo ist denn das Problem, das ist ja, also du musst ja keine Mikrotransaktionen tätigen, und die allermeisten Spiele funktionieren auch ohne, dass man das tut, zumindest die guten. Aber so einfach ist es dann doch nicht. Und da sind wir dann eben genau bei den Lootboxen, die ja eine bestimmte Form dieser Mikrotransaktionen darstellen. Und Lootboxen und andere sogenannte Gachamechaniken sind insofern besonders, dass sie eben ein Element des Glücksspiels beinhalten. Denn für echtes Geld – ein paar Euro, 4/5 Euro – kaufe ich da eben nicht den konkreten Gegenstand, so wie gerade eine Rüstung für mein Pferd, 2 Euro, kaufe ich, dann habe ich das, sondern ich kaufe eben eine Box. Und was da drin ist, weiß ich vorher nicht. Im Prinzip kaufe ich also ein Los, und ob ich gewonnen habe und bekomme, was ich möchte, sehe ich dann im Nachgang. Wie hoch die Gewinnchance dabei ist, ist in aller Regel nicht transparent – für den guten Kram einstelliger Prozentbereich, manchmal sogar nur im Promillebereich. Und der ganze Prozess des Öffnens ist dann auch audiovisuell so gestrickt, dass der unser Belohnungszentrum im Hirn direkt anspricht. Und wenn dann tatsächlich mal was Gutes droppt, ne, wenn dann der super seltene, gewünschte legendäre Gegenstand dann kommt, dann löst das den Dopaminrausch aus, das spricht das Belohnungszentrum an, und dann sagt man, ja geil, ich hatte Glück, und am besten gleich noch eine hinterher! Und die Spiele versuchen dann mal mehr, mal weniger penetrant, mich als Spieler dazu zu bewegen, genau für diesen Bereich dann Geld auszugeben, so, Mensch, es wird ein bisschen zu schwer, du müsstest jetzt lange spielen, nimm doch eine Abkürzung, kauf doch eine Lootbox, guck mal, was da drin ist, und dann wirst du stärker und besser. Und genau da wird es dann eben problematisch. Viele Spiele sind dann so, dass sie am Anfang mir noch quasi umsonst eine solche Lootbox anbieten, sagen, hier kannst du mal reingucken, ne, das ist ja schön, es gibt eine Abkürzung zum Erfolg. Und dann wird es im weiteren Verlauf verknappt, ich komme an Hürden und dann muss ich Echtgeld reininvestieren, um dann bestimmte Ziele erreichen zu können. Im Prinzip werde ich angefixt als Spieler. Das ist wie der Dealer, der ja auch ganz oft so seine erste Probe umsonst erst mal weggibt. Und das will man nicht. Und ja, dazu werden die Leute dann eben angeregt (Thomas de Jesus Fernandes, AfD: Marihuana habt ihr doch erst freigegeben. Das beißt sich jetzt auch.) im weiteren Verlauf, ihren Suchtdruck … Ja, Sie können dann auch nachher reden. Quatschen Sie doch nicht die ganze Zeit immer von der Seite rein, wirklich! (Thomas de Jesus Fernandes, AfD: Ich habe doch gerade erst angefangen.) So, bestes Beispiel für mich ist in diesem Bereich FIFA Ultimate Team. Kennen vielleicht die einen oder anderen von Ihnen. Mein Kollege Henning Foerster hat gesagt, sein Sohn ist da auch hinterher. (Heiterkeit bei Henning Foerster, DIE LINKE: Pst!) Ja, Entschuldigung, ich bin hier Geheimnisträger. Das ist aber auch so, das ist im Prinzip ein Modus bei FIFA, (Zuruf von Thomas de Jesus Fernandes, AfD) wo ich mir meine Traumfußballmannschaft zusammenstellen kann. Aber auch da kaufe ich nicht, wen ich möchte, sondern ich kaufe eine Lootbox, ein Pack, mache das auf und gucke, ob was drin ist, was ich möchte. Und da gibt es sogar im YouTube-Bereich also Sachen, da legt man die Ohren mit Schwung an. Also es gibt YouTuber, die ihren ganzen Content darauf ausrichten und Hunderttausende Klicks erzielen, indem sie dann einfach sich hinsetzen, für teilweise Hunderte Euro solche Packs kaufen, die dann nacheinander aufreißen und gucken, was da drin ist. Und das schauen sich Menschen an. (Heiterkeit vonseiten der Fraktion der AfD und Anne Shepley, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Das ist im Prinzip, als würde ich in die Spielothek gehen, jemand am Merkur Disc 2000, gucken, wie der Risiko drückt, und mich dann mitfreuen, (Zuruf von Ann Christin von Allwörden, CDU) wenn der irgendwann einen Gewinn erzielt. Und auch das ist perfide, weil es ganz oft bei den Zuschauern, (Zuruf von Martin Schmidt, AfD) meistens Kinder, ja auslöst, wenn was Gutes kommt, oh, der hatte jetzt Glück, der hat den Messi bekommen, geil, geil, geil, ich möchte jetzt auch. Also auch das ist wieder darauf ausgerichtet, (Heiterkeit und Zuruf von Thomas de Jesus Fernandes, AfD) mich anzuregen, Geld dafür auszugeben. Und ich bin mir auch sehr sicher, dass es da YouTuber gibt, die dann mit den Publishern entsprechende, Verträge haben, Sponsorings, um genau das zu machen. Denn diese Videos sind auch immer so angelegt, dass natürlich der Hauptgewinn kommt. Der gibt nicht 100 Euro aus und hat Pech, sondern am Ende kommt immer was Tolles, um dann eben zu suggerieren, du kannst da gewinnen. Und das sind so Praktiken, die sind aus meiner Sicht problematisch. Auch hier könnte man sagen, muss man ja nicht machen, ne. Und etwa die Hälfte der Gamer nutzt solche Mikrotransaktionen und auch Lootboxen überhaupt nicht, ein Drittel gibt einen überschaubaren Betrag pro Jahr dann aus, aber je nach Spiel bleiben ungefähr 10 bis 15 Prozent der Spieler übrig, die sogenannten Whales oder Wale. Das sind Leute, die buttern dann richtig rein, da reden wir über Hunderte, teilweise Tausende Euro, die pro Jahr in teilweise billige Mobile-Games reingesteckt werden, weil die Leute dann eben so diesen Suchtdruck entwickelt haben. Und diese 10 bis 15 Prozent der Spielerbasis generieren dann für das jeweilige Spiel über 50 Prozent des Umsatzes. Und die Publisher und Entwickler, die wissen das, stricken auch wieder das ganze Prozedere, das Drumherum genau so, dass diese 10 bis 15 Prozent maximal angesprochen werden und dass die immer schön reingeben. So, und das ist auch mittlerweile so, (Zuruf von Thomas de Jesus Fernandes, AfD) dass gar nicht mehr ein Spiel entwickelt wird, und dann sagt man, wie können wir dazu Monetarisierung machen, sondern bestimmte Publisher haben das Monetarisierungsmodell am Anfang der Entwicklung, sagen, wir wollen ein Spiel, wo wir Lootboxen verkaufen können, das ist so und so aufgezogen, und dann wird etwas da herumgestrickt. Und das zeigt ja auch, wie da ja die Prioritäten liegen. Und im Prinzip werden die Spieler dazu angeregt, für de facto Glücksspiel Geld auszugeben. Trauriger Nebeneffekt auch für Leute, die da eigentlich immun sind, so wie ich auch, die müssen sich dann mit schlechten Spielen, seelenlosen Cashgrabs, Pay-to-win-Modellen – die ja eigentlich dem inhärenten Wettbewerbsgedanken, der ja Spielen so anheim ist, komplett zuwiderlaufen –, und den penetranten Versuchen, mich als Spieler zum Geldausgeben zu bewegen, herumschlagen. Aber gerade Kinder werden hier teilweise ganz gezielt ans Glücksspiel herangeführt. Und jetzt müssen wir feststellen, da gibt es halt eine Regelungslücke, so, und da müssen wir ran. Wir sagen, Glücksspielmechaniken in Spielen müssen auch wie Glücksspiel behandelt und kontrolliert werden. Es ist ja irrwitzig, im echten Leben habe ich ein Abstandsgebot, eine Spielothek, eine Spielbank, kann ich nicht neben eine Schule setzen, da müssen ja so und so viele Meter dazwischen sein. (Thomas Krüger, SPD: Das ist auch gut so.) Automatencasino, ne, komme ich U18 auch nicht rein, völlig zu Recht. Aber wenn ich den Einarmigen Banditen in ein Videospiel einbaue, komme ich damit unkontrolliert in jedes Kinderzimmer. Da müssen wir an der Stelle ran. (Zuruf von Thomas de Jesus Fernandes, AfD) Und andere Länder machen uns das vor, zum Beispiel Belgien, Niederlande, Österreich, die haben da schon was gemacht, und entsprechend – jetzt habe ich noch eine halbe Minute – kommen wir dann eben dazu, dass wir den Bund auffordern wollen, eben hier auch zu Regelungen zu kommen, zu sagen, Glücksspielmechaniken sind wie Glücksspiel zu behandeln, wir müssen hier regulieren. Da haben natürlich die Publisher – ich habe die Zahlen ja genannt – keinen Bock drauf, aber das muss man machen im Interesse des Jugendschutzes für unsere Kinder und auch für die übrigen Gamer, die sich ja auch mit dem Kram auseinandersetzen müssen, da keine Lust zu haben. Entsprechend, ja, werbe ich jetzt schon mal für unseren Antrag und freue mich ansonsten auf die Debatte. Und nachher bin ich ja noch mal dran und kann vielleicht ein bisschen nachlegen. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE)
