Christian Albrecht
Ja, sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, wir sprechen heute über eine Technologie, die man jahrzehntelang für Science-Fiction gehalten hat, für etwas, das vielleicht irgendwann in ferner Zukunft mal kommt, in hundert Jahren oder mehr. Die Realität schließt langsam aber sicher zur Fiktion auf. Wir reden über die kontrollierte Kernfusion. Und ich sage gleich zu Beginn ganz deutlich, wir als Linksfraktion wollen die Förderung von Fusionsforschung in Mecklenburg-Vorpommern, weil sie nicht nur ein Beitrag zur Energiewende ist, nicht nur ein Signal für den Klimaschutz, sondern auch eine echte Chance für regionale Entwicklung, gute Arbeit, wissenschaftliche Exzellenz hier bei uns im Land. Wenn wir über Kernfusion sprechen, dann müssen wir zuerst nach Greifswald blicken. Dort steht seit 2015 der „Wendelstein 7-X“, das größte und modernste Stellarator-Experiment der Welt – eine Anlage, die über viele Jahre hinweg mit Unterstützung des Bundes, des Landes und der Europäischen Union gebaut wurde. „Wendelstein 7-X“ ist kein Kraftwerk, zumindest noch nicht. Das Ziel dieses Experiments ist es, ein dauerhaftes, stabiles Fusionsplasma zu – na, jetzt ist meine Rede weg, ja, zu generieren, ich mache einmal die Ansicht anders –, genau, zu erzeugen, nicht nur für Sekunden, sondern für Minuten, ja sogar bis zu einer halben Stunde bei Temperaturen von über 100 Millionen Grad mehr als in der Sonne. Dort wird erprobt, was eines Tages dazu führen könnte, dass ein einziger Liter Wasser genug Brennstoff liefert, um den Strombedarf eines Haushalts für Monate zu decken, und dann zwar ohne schädliche CO -Emissionen, ohne 2 das Risiko eines GAUs und ohne langlebigen radioaktiven Abfall. Fusion ist damit nicht nur ein Beitrag zum Klimaschutz, sondern auch ein Instrument zur Rohstoffsouveränität – kein Gas aus Russland, kein Öl aus Krisenregionen, kein Streit um Pipelines, sondern Wasser, Lithium – das nach meinem Wissen häufigste Metall, das es so gibt auf der Erde – und Wissenschaft. Und das reicht dann auch schon, zumindest dann, wenn es fertig ist. Die internationale Bedeutung dieser Forschung ist unbestritten. Es gibt Kooperationsprojekte mit Forschungszentren in Japan, Südkorea, den USA, Frankreich. Doktorand/-innen aus aller Welt kommen nach Greifswald. Und allein die Existenz dieses Instituts wirkt sich positiv auf den Fachkräftezuzug, auf das Wohnumfeld, auf lokale Zuliefererfirmen und auf den Wissenschaftsstandort Mecklenburg-Vorpommern insgesamt aus. So, aber – und das ist das Neue – in der Fusionsforschung gibt es nicht nur den einen Weg. Neben der sogenannten Magnetfusion, wie sie in Greifswald betrieben wird, gibt es auch den zweiten großen Technologiepfad, die Laserfusion. Und genau hier eröffnet sich für Mecklenburg-Vorpommern eine neue Chance. Gemeinsam mit dem Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf, mit dem Land Sachsen, der Universität Rostock wollen wir ein neues Helmholtz-Institut für Hochenergiedichtephysik, kurz HEDI, in Rostock aufbauen. Laserfusion, die lange als nur theoretisch denkbar galt, wurde in den USA im Jahr 2022 Realität. Da ist es erstmals gelungen, mehr Energie durch Fusion zu gewinnen, als in Form von Lasern reingesteckt werden musste. Das ist ein riesiger Meilenstein. Und jetzt ein Institut in Rostock, das genau an dieser Technologie arbeitet, mit modernsten Lasern, mit theoretischer Modellierung, mit internationaler Kooperation, ein Institut, das herausragende Pionierarbeit in der Forschung leistet, mitten in Mecklenburg-Vorpommern, das wäre doch was! Es gibt konkrete Pläne, politische Absichtserklärungen – das ist ja auch alles schon genannt worden –, erste Vorarbeiten, aktive Forschergruppen an der Uni Rostock. Das Potenzial ist da. Was fehlt, ist jetzt halt eine strukturelle Verstetigung. Und was hieße das ganz konkret, wenn das käme? Wenn HEDI nach Rostock kommt, entstehen dort 150 bis 200 qualifizierte Arbeitsplätze – nicht irgendwann, sondern innerhalb weniger Jahre. Wir reden über gute Jobs für Physiker/-innen, Ingenieur/- innen, Programmierer/-innen, auch für technische Fachkräfte, IT-Spezialist/-innen und Verwaltungsangestellte. Das wiederum macht den Standort attraktiv, zieht junge Studierende an, Menschen, die dann hoffentlich auch nach ihrem Studium bleiben. Und wir reden über Folgeinvestitionen in Maschinenbau, in Optik, in Lasertechnik und Softwareentwicklung. Natürlich wissen wir, solche Projekte kosten Geld. „Wendelstein“ hat über 1,2 Milliarden Euro gekostet und auch HEDI wird ohne Bundesmittel nicht realisierbar sein. (Zuruf von Katy Hoffmeister, CDU) Deshalb fordern wir ganz klar: Der Bund muss sich an der Finanzierung beteiligen, die im Wesentlichen absichern, etwa im Rahmen des Programms „Fusion 2040“, das die Bundesregierung im Jahr 24 aufgelegt hat. Und auch die EU muss einbezogen werden mit Förderprogrammen. Klar ist, die Fusionsenergie wird nicht heute und morgen unser Netz versorgen. Also wer die Hoffnung hat, dass wir dann ohne Windenergie auskommen, den muss man enttäuschen. Aber es ist klar, jetzt werden die Grundlagen gelegt für Dinge, die dann in 10, 20 oder 30 Jahren dann kommen mögen. Mecklenburg-Vorpommern hat das Potenzial, ein Doppelzentrum für Fusionsforschung zu werden in Greifswald und Rostock. Und wenn uns das gelänge, wenn wir das irgendwann zur Marktreife bringen, dann wird das unsere Art der Energieversorgung und des Wirtschaftens so grundlegend ändern, das können wir uns heute noch gar nicht ausmalen. Man könnte riesige Energiemengen zu einem Bruchteil der Preise heute für eine Kilowattstunde erzeugen. Und ich glaube, dann sind wir auf dem Weg zum Weltraumkommunismus à la „Star Trek“ einen guten Schritt vorangekommen. (Zuruf von Marc Reinhardt, CDU) Ich bitte um Zustimmung. – Vielen Dank! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE)
