Christian Albrecht
Ja, sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen, unser Bildungssystem steht unter Druck. Der Bedarf an gut ausgebildeten Lehrkräften steigt kontinuierlich, während gleichzeitig die Zahl der Studienabbrüche unverändert hoch bleibt, und die Bewerberzahlen für einige Schularten und Fächer gehen zurück. Laut Landesregierung werden bis 2030 über 2.600 zusätzliche Lehrkräfte benötigt, allein an Regionalen Schulen fehlen rund 1.900. Gleichzeitig liegen die Schwundquoten im Lehramtsstudium bei bis zu 70 Prozent. In summa entsteht ein dauerhaftes strukturelles Versorgungsdefizit. Der Lehrkräftemangel ist dabei nicht gleich verteilt. Besonders schwierig ist es in den MINT-Fächern, Kunst, Musik, Technik im ländlichen Raum und, wie schon bereits gesagt, an Regionalen Schulen. Und auch dort, wo Lehrkräfte ausgebildet werden, bestehen schwerwiegende Probleme. Studierende berichten von überbordender Prüfungslast, mangelnder Verzahnung von Theorie und Praxis, fehlender Orientierung in der Studienorganisation, zu wenig individueller Begleitung, zu hohen Zugangshürden für Berufspraktiker und zu geringer Durchlässigkeit zwischen den Lehramtsformen. Wir müssen also die Qualität und Struktur der Lehrkräftebildung neu regeln und damit sicherstellen, dass wir auch in Zukunft ausreichend qualifizierte, engagierte und pädagogisch professionelle Lehrkräfte gewinnen können. Im Zentrum dieser Reform steht ein neues Modell, die Einführung eines Lehramtes an Gymnasien, Regionalen Schulen und Gesamtschulen. Künftig werden Studiengänge für das Gymnasium und die Regionale Schule also nicht mehr getrennt geführt. Stattdessen entsteht ein gemeinsames Lehramt (Torsten Renz, CDU: Einheitsschule.) für die Sekundarstufen I und II, also für die Klassenstufen 5 bis 12. Diese Entscheidung ist nicht einfach eine verwaltungstechnische Vereinheitlichung, sie ist ein bildungspolitischer Fortschritt, denn sie bedeutet mehr Flexibilität in der Praxis und bessere Voraussetzungen für eine zukunftsfeste Lehrkräfteausbildung in unserem Land. Die Trennung der Studiengänge nach Schulformen war lange Zeit Ausdruck einer Hierarchisierung unseres Bildungssystems. (Heiterkeit bei Daniel Peters, CDU) Das Gymnasium wurde als besonders anspruchsvoll betrachtet. Seine Lehrkräfte wurden noch vor nicht allzu langer Zeit besser bezahlt, (Zuruf von Torsten Renz, CDU) galten als höher qualifiziert, während Lehrkräfte an Regionalen Schulen beziehungsweise damals Realschulen/Hauptschulen, die mit viel Engagement und oft in schwierigen Kontexten eine vor allen Dingen pädagogisch und didaktisch sehr anspruchsvolle Arbeit leisten, mit weniger Anerkennung auskommen mussten. (Daniel Peters, CDU: Das kommt dabei raus, wenn Bildung auf Ideologie trifft.) Diese strukturelle Ungleichbehandlung befördert nicht nur Ungerechtigkeiten im Berufsfeld Schule, sondern trägt auch zu einer gesellschaftlichen Abwertung einiger Schularten bei, die letztlich auch zu einer geringeren Attraktivität auch bei den Lehrkräften führt. Ein gemeinsames Lehramt für die Sekundarstufen sendet hier ein starkes Signal. Jede Schule ist gleich wertvoll. An jeder Schule wird eine fachlich und didaktisch hochprofessionelle Arbeit geleistet und benötigt und jede Lehrkraft verdient die gleiche professionelle Ausbildung, nicht nur die gleiche tarifliche Eingruppierung, und denselben Respekt. Und bevor die CDU wieder Schnappatmung bekommt: Es ist uns wichtig, dabei zu betonen, mit dieser Umstellung wird keineswegs das Gymnasium abgeschafft. Das haben Sie tausendmal behauptet, (Zuruf von Marc Reinhardt, CDU) machen Sie auch heute hier wieder, aber das ist nicht Sinn der Übung. (Zuruf von Torsten Renz, CDU) Es bleibt als Schulform bestehen mit seinen spezifischen Profilen und Anforderungen. Was abgeschafft wird, ist die institutionell verankerte Hierarchisierung der Lehrämter. Stattdessen setzen wir auf eine gleichwertige Ausbildung mit differenzierten, aber flexiblen Einsatzprofilen. (Zuruf von Daniel Peters, CDU) Die neue Struktur ermöglicht also mehr Flexibilität bei der Einstellung und beim Einsatz von Lehrkräften. Besonders in ländlichen Regionen mit kleinen oder kombinierten Schulen, wo sowohl Klassen der Sekundarstufe I als auch gymnasiale Oberstufe unterrichtet werden, kann die Schulverwaltung künftig viel besser auf die tatsächlichen Bedarfe reagieren. Und wer einmal als Lehrkraft an einer Regionalen Schule gearbeitet hat, kann dann zum Gymnasium wechseln oder umgekehrt. Diese Mobilität ist angesichts des dramatischen Lehrkräftemangels – vor allen Dingen in bestimmten Bereichen –, der auch Mecklenburg-Vorpommern trifft, nicht nur hilfreich, sondern dringend geboten. Gleichzeitig profitieren auch die Schülerinnen und Schüler von diesen Lehrkräften, die für beide Sekundarstufen qualifiziert sind. Die Lehrkräfte können, ja, besser begleiten. Sie verstehen die Übergänge, etwa von der Orientierungsstufe in die 7. Klasse, besser, sie können Lernbiografien besser einschätzen, pädagogisch sinnvoll unterstützen und Übergänge gestalten. Die Vereinheitlichung der Lehramtsstudiengänge trägt außerdem der Realität an unseren Schulen Rechnung. Die Unterschiede zwischen den Schularten, die es vielleicht mal irgendwann in preußischen Zeiten so ganz massiv gegeben hat, werden ja zunehmend geringer. Schulklassen werden an allen Schulformen heterogener und auch die Schulstrukturveränderungen – etwa durch die Etablierung von Schulzentren, durch Kooperation im ländlichen Raum oder durch besondere pädagogische Konzepte, die es ja zunehmend auch gibt, (Torsten Renz, CDU: Neue Hiobsbotschaften.) oder Gesamt- und Ganztagsschulen wird es halt ein bisschen diverser, und dieses alte System kann dem nicht mehr Rechnung tragen. Warum also sollten wir in der Ausbildung weiter an dieser starren Einteilung festhalten, wenn die Realität das zunehmend nivelliert? Auch aus hochschulpolitischer Sicht gibt es gute Gründe für die Reform. Die allermeisten Studierenden kennen aus ihrer eigenen Schullaufbahn nur das Gymnasium. Daher ist es auch für viele in ihrer Entscheidung, welches Lehramt man studieren will, natürlich die erste Wahl. Berührungspunkte mit Regionalschulen gibt es dann in diesen Bildungsbiografien kaum. (Zuruf von Marc Reinhardt, CDU) Es gibt aber auch im Studium ja keine Möglichkeit – außerhalb von einem Praktikum –, damit mal in Berührung zu kommen und etwaige Vorbehalte abzubauen. Trotzdem muss eben sehr früh diese Entscheidung, diese grundlegende Entscheidung „Gymnasium oder Regionalschule?“ getroffen werden, und da bleibt man in aller Regel dann auch. Die Regionalschulen haben hier meist das Nachsehen. Ein gemeinsames Lehramt nimmt diesen Druck der frühen Entscheidung und bietet mehr Orientierung. Erst lernt man alles kennen, kann sich dann entsprechend auch spezialisieren, entscheidet dann später auf einer viel breiteren Grundlage, für welche Schulart man sich dann letztendlich in seinem Schuldienst dann auch entscheiden und wo man unterrichten möchte. Studienabbrüche aufgrund falscher Studiengangswahl könnten so reduziert werden. Das Lehramt für Regionalschulen hat mehr Chancen, auch für sich zu werben. Eine mangelnde Attraktivität dieses neuen Lehramts, das ja als Sorge auch in der Anhörung immer so in den Raum gelegt worden ist, lässt sich aus den anderen Bundesländern, die das implementiert haben, bisher so nicht nachweisen. Also da ist ja der Run auf Lehramtsstudiengänge nach wie vor hoch. (Der Abgeordnete Enrico Schult bittet um das Wort für eine Anfrage.)
