Enrico Schult
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Liebe Bürger! Es wird Sie nicht verwundern, dass ich die Euphorie der Ministerin nicht teile hier. Auch wir als AfD-Fraktion sehen in diesem Gesetzentwurf einige gute Ansätze, gleichwohl einige schwerwiegende Fehler. Die möchten wir sozusagen auch dezidiert ansprechen hier. Und deshalb sage ich das schon vorneweg, dass wir diesem Gesetzentwurf so nicht zustimmen können. Akuter Lehrerbedarf auch in Mecklenburg-Vorpommern – wir sehen es an den vielen ausfallenden Stunden in unseren Schulen, auch wenn man da oftmals die Augen verschließen möchte. Aber es ist so, dass viele Unterrichtsstunden gar nicht mehr gegeben werden können. Deshalb sehen wir auch die Notwendigkeit, die Lehrerbildung – oder neuerdings heißt es ja „Lehrkräftebildung“ – zu verändern, der Not gehorchend, dass es eben nach wie vor einen enormen Lehrermangel gibt. Völlig klar, dass Sie in diesem Sinne dringend handeln müssen. Von 2023 bis 2030 fehlen uns 2.600 grundständig ausgebildete Lehrer, werte Kollegen. Aber dieser Gesetzentwurf bleibt hinter dem Erforderlichen zurück. Er stärkt nicht das Lehramt, sondern reduziert Inhalte, und das lehnen wir als AfD-Fraktion ab. Wir haben kritisch das zu beargwöhnen, was gut klingt, aber nicht gut ist, werte Kollegen. Zunächst zum Guten: Erstens. Die Praxisphasen zu verbessern, ist so notwendig wie richtig. Interessant dafür eine Rückschau: Nach der Wiedervereinigung war es den Kultusbürokraten nicht zu vermitteln, weshalb der DDR-Diplomlehrer ohne ein Zweites Staatsexamen auskam. Er galt den neuen Funktionären pauschal und durchaus in diskriminierender Absicht als minderqualifiziert. Das ist falsch, werte Kollegen. Aber die Ostlehrer hatten das Zweite Staatsexamen tatsächlich nicht nötig, weil sie als Studenten bereits seit dem zweiten Semester in schulpraktischen Übungen vor Schulklassen gestanden hatten, dabei begleitet von den Methodikern und Didaktikern, und zwar der Universitäten oder Pädagogischen Hochschulen. Heißt übrigens, ein so aufgeblähtes Institut wie das IQ M-V war gleichfalls nicht nötig, denn alles, was mit dem Studium und den darin laufenden Praktika zusammenhängt, wurde in Regie der Universität oder der Hochschule erledigt. Kurz, früh einsetzende schulpraktische Übungen, dafür ein möglichst verkürztes Referendariat, für das auch absolvierte Praxisteile abgerechnet werden können, das ist richtig so, wie Sie das in Ihrem Gesetzentwurf hier auch darlegen. Zweitens. Dass Sie für das Studium selbst eine bessere Begleitung für die Studieneingangsphase nötig zu haben glauben, hat seinen Grund darin, dass das sogenannte Gymnasium immer weniger Studierfähigkeit auszubilden vermag und dass zum Zweiten offenbar nicht die besten Abiturienten Lehrer werden wollen, sondern dass eher solche antreten, die dann eben an die Hand genommen werden müssen, werte Kollegen. Übrigens offenbart das einen prinzipiellen Mangel: Weil das Milieu an den Schulen, namentlich das an den Regionalschulen, schwieriger wird – Stichworte „Gewalt“, „Drogen“, „Migration“, „fehllaufende Inklusion“ –, wollen allzu wenige den Lehrerberuf ergreifen. Und das erklärt eben auch den Lehrermangel, den wir konstatieren müssen. Drittens. Die Trennung der fachwissenschaftlichen Lehrveranstaltungen in den MINT-Fächern begrüßen wir – führte die Ministerin gerade an –, begrüßen wir als AfD-Fraktion ebenfalls ausdrücklich. Viertens allerdings, die Reduzierung der Prüfungslast, weist in eine bedenkliche Richtung. Wir erkennen eben diese Tendenz, dass Sie Schwierigkeiten von der Kita bis zum Studium stets mit der Reduzierung von Anforderungen begegnen wollen. Die Schul- und Hochschulgeschichte der letzten vier Jahre ist gekennzeichnet vom Ausdünnen der Inhalte, vom Absinken der Anforderungen, von der Inflationierung der Benotung und Zensierung und von der Vereinfachung von Prüfungen. Das müssen wir nur mal so zur Kenntnis nehmen. Prinzipiell kann es nicht richtig sein, Anforderungen immer kurzschlüssig als Last zu begreifen. Wird es mal schwierig oder auch nur anspruchsvoll, jammern Schüler und Studenten. Aber, werte Kollegen, das haben sie schon immer getan. So ist nun mal die Bildungspolitik, und da kommt man ihnen dann bereitwillig entgegen, so nach dem Muster, du hast also Probleme, dann räumen wir sie dir mal flott aus dem Weg, gern auch auf dem Wege von Fächerabwahl und von Noten und von Nachteilsausgleichen. Wer Bedarfe anmeldet, dem muss man helfen, so die Devise. Dem könnte man aber auch helfen und nachhaltiger besser helfen, meinen wir, wenn man ihn befähigt, Anforderungen kraft Leistung zu bestehen. (Thore Stein, AfD: Was?!) Aber dazu müsste man sie erst mal annehmen. Und dazu müsste man die Erfahrung gemacht haben, (Zuruf von Thore Stein, AfD) wenn ich mich anstrenge, wenn ich etwas investiere, wenn ich fleißig bin, lerne und übe, und zwar selbstständig, dann kann ich solche Herausforderungen auch selbstständig bestehen, ohne dass ich immer, (Zuruf von Thomas de Jesus Fernandes, AfD) oder ohne, dass mir immer entgegengekommen werden muss. (Beifall vonseiten der Fraktion der AfD) Die Zugangswege für beruflich Qualifizierte zu einem Masterstudium für das Lehramt, Position 5, begrüßen wir auch ausdrücklich und halten wir für absolut richtig, werte Kollegen. Sechstens. Bildungswissenschaften und Didaktiken stärken – richtig, klingt aber auch gefälliger und positiver, als es tatsächlich ist, denn das Fachliche ist das Substanzielle. Ohne inhaltlich versiert zu sein, ohne profunde Kenntnisse der dem Fachunterricht zugrundeliegenden Wissenschaft nützt auch alle Didaktik und Methodik nichts. Übrigens können auch nur durch richtig gute Fachleute richtig interessante Angebote im Unterricht gemacht werden, weil die sich auskennen und über ein Spektrum verfügen. Ein einfaches Beispiel: Nur, wer einen umfassenden literaturgeschichtlichen Kanon kennt, wird die richtigen und die interessantesten, die altersgerechten und spannendsten Lesestoffe auswählen können. Und wer sich umfassend in der allgemeinen und deutschen Geschichte auskennt, wird einen richtig guten Geschichtsunterricht anbieten können. Primat bleibt also, Fachlichkeit ist notwendig, Fachlichkeit ist wichtig. Und deshalb lehnen wir es ab, dass Sie diese Fachlichkeit reduzieren wollen, auch wenn Sie die KMK-Vorgaben damit einhalten. Es braucht gut ausgebildete Lehrer, es braucht Lehrerpersönlichkeiten, die die Schüler quasi auch motivieren können, sich über das Erforderliche hinaus motivieren zu können und nachzulesen und sich, ja, informieren zu wollen. Punkt 7, das schulstufenbezogene Lehramt oder besser gesagt der Einheitslehrer – sollte man ja nun nicht sagen, (Torsten Renz, CDU: Doch.) aber in der Tat, so sehe ich das auch, (Zuruf von Torsten Renz, CDU) wenngleich die Inszenierung der CDU damals dann doch etwas peinlich daherkam mit dem Einheitsbildungsbrei und der Kochschürze des Fraktionsvorsitzenden. Gut, wir lehnen allerdings diesen Passus im Gesetz ebenfalls rigoros ab. Und das ist auch die Achillesferse dieses Gesetzentwurfes, weshalb meine Fraktion hier auch nicht zustimmen kann. Das gilt gerade als sehr praktisch und verbraucherfreundlich, trägt aber nicht zuletzt einem allgemeinen Niveau- und Substanzverlust Rechnung, der durch den Schritt, einen Einheitslehrer auszubilden, positiv umgebucht wird, (Zuruf von Torsten Renz, CDU) werte Kollegen. (Zuruf von Julian Barlen, SPD) Da zeigt sich eben auch die Tendenz zur Einheitsschule. Und diese Befürchtung, die tragen wir oder die sehen wir auch als AfD-Fraktion. Sie führen gern, als Beispiel für dieses Sekundarstufenlehramt führen Sie gern das Beispiel Hamburg an, aber in Hamburg führt mittlerweile schon jede Schule zum Abitur. Das muss man auch wissen. Das heißt, auch mit einem herkömmlichen oder traditionellen Abitur kann das nichts mehr zu tun haben. Es muss sich um ein Abitur light, also um ein Abi statt um eine Reifeprüfung handeln. Das wollen wir nicht, wir wollen das klassische Abitur und wir wollen den gut ausgebildeten Abiturienten, der nicht nur die Studierberechtigung hat, sondern auch die Studierbefähigung mitbringt, werte Kollegen. (Beifall vonseiten der Fraktion der AfD) Die Anhörung im Ausschuss wies auch auf noch andere Schwierigkeiten hin, etwa darauf, dass mit dem schulstufenbezogenen Lehramt hierzulande ein Berufsbild ausgebildet wird, das es so in anderen Bundesländern gar nicht gibt, außer in Hamburg, wie ich eben sagte – Nachteil für jene dann, die in Rostock und Greifswald studieren, aber in einem anderen Bundesland eingesetzt werden sollen. Achtens. Die Gesamtstudienzeit verkürzen – volle Zustimmung, sehen wir als AfD ähnlich. Neuntens. Den Ausbau der Studienplatzkapazitäten, namentlich an der Universität Greifswald, finden wir ebenfalls richtig. Es wird sich allerdings fragen oder Sie müssen sich fragen lassen, ob Sie genügend Interessenten dafür gewinnen können und ob diese Studenten tatsächlich dann auch das Lehramtsstudium beenden. Fazit, werte Kollegen, grundsätzlich enthält der Gesetzentwurf einige richtige Ansätze. Was wir als AfD aber konsequent ablehnen, ist die Reduzierung der Anforderungen, die in diesen Gesetzentwurf eingeflossen sind. Wir sprechen uns wie die Experten im Bildungsausschuss dezidiert gegen die Einführung eines Sekundärstufenlehramtes aus. (Julian Barlen, SPD: Sekundar!) Dass bisher deutlich mehr Lehramtsstudenten auf dem Gymnasium unterrichten wollen – und ich habe mal die aktuellen Zahlen rausgesucht, 2024 haben sich 90 Lehramtsstudenten für die Regionalschule entschieden und 200, knapp 200, für das Gymnasium, 184 für das Gymnasium entschieden –, das ist eine eindeutige Tendenz. Und das hat nichts damit zu tun, dass sie den Unterricht in der Regionalschule nicht kennen, wie Sie das immer darlegen hier, sondern dass das Unterrichten an der Regionalschule für sie einfach schwieriger oder von ihnen als schwieriger empfunden wird. Migration, Inklusion, große Klassen belasten die Regionalschulen. Die Eltern der Schüler und mittlerweile auch die Lehrer stimmen mit den Füßen ab und steuern direkt das Gymnasium an, das muss man einfach so feststellen. Dieses Problem werden Sie mit dem Sekundarstufenlehramt, mit dem Einheitslehrer nicht ändern. Sie müssen die Regionalschulen stärken, damit Schüler, aber auch Lehrer künftig auch Lust auf die Regionalschule haben. Dafür haben wir als AfD-Fraktion bereits mehrere Gesetzentwürfe eingebracht. Aber – und ich sage es ganz deutlich an dieser Stelle – wir halten weiterhin an unserer Forderung nach einer Gründung einer Pädagogischen Hochschule in unserem Land fest, um dem Lehrermangel dauerhaft zu begegnen, werte Kollegen. Im Fußball sagt man immer, Geld schießt keine Tore. Heute können wir konstatieren bei diesem Gesetzentwurf, die Ministerin sagte, 50 Millionen Euro werden ausgegeben, nur, Geld schafft keine neuen Lehrer, könnte man in diesem Zusammenhang auch erwähnen. Dieser Gesetzentwurf wird den Lehrermangel nicht nachhaltig beheben, werte Kollegen. Er reduziert wichtige Anforderungen, enthält allerdings auch gute Ansätze. Das soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden. Aber aufgrund der gravierenden Mängel, insbesondere in der Absenkung der Anforderungen und des Niveaus, lehnt meine Fraktion diesen Gesetzentwurf ab. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! (Beifall vonseiten der Fraktion der AfD)
