landtag-mv.de ↗

Barbara Becker-Hornickel

FDP 10.04.2025 Sitzungen 8/103

Meine sehr geehrte Präsidentin! Meine Damen und Herren Abgeordnete! Stellen Sie sich vor, dass wir im Jahr 1995 sind und gemeinsam im Matheunterricht. Eine Mitschülerin wird im Unterricht dabei erwischt, wie sie heimlich unter dem Tisch eine SMS tippt auf einem klobigen Nokia 21/10. Der Mathelehrer schüttelt den Kopf, nimmt ihr das Gerät weg und sagt, das hat in der Schule nichts zu suchen! 30 Jahre später sitzen wir hier und führen eine ähnliche Debatte, (Zurufe von Julian Barlen, SPD, und Patrick Dahlemann, SPD) es sind 25, nur, dass die Geräte schlauer geworden sind. Lassen Sie uns der Realität ins Auge schauen! Smartphones sind nicht mehr wegzudenken. Schon im Kinderwagen werden Kinder mit digitalen Medien konfrontiert, zum Beispiel durch die Smartphones ihrer Eltern, die als ständige Begleiter dienen. Digitale Geräte sind schon im frühen Alter allgegenwärtig und werden als selbstverständlicher Teil des Alltags genutzt. Wir als FDP sagen ganz klar, erst in der Schule über digitale Medien zu sprechen, ist zu spät. Bereits im Kitaalter begegnen Kinder Smartphones, Tablets und Co. Wir dürfen die Verantwortung für den Umgang damit nicht auf später verschieben. Aber wir sind beim Thema Schule, sie muss Teil der Lösung sein. Denn eines ist klar: Schulen haben den Auftrag, junge Menschen bestmöglich auf ihre Zukunft vorzubereiten. Man muss kein Hellseher sein, um zu erkennen, die Zukunft junger Menschen wird digital sein. Stellen Sie sich eine Schulklasse im Jahr 2040 vor. Schülerinnen und Schüler arbeiten mit interaktiven Hologrammen. Sie recherchieren mit KI-gestützten Assistenten und digitale Kompetenzen sind so selbstverständlich und wichtig wie das Lesen und Schreiben. (Beifall vonseiten der Fraktion der FDP – Daniel Peters, CDU: Am besten noch, bevor sie lesen und schreiben können!) Klingt nach Science-Fiction? Nein, ist es aber nicht, es ist Realität in greifbarer Nähe. Und wir müssen uns ehrlich fragen, bereiten unsere Schulen junge Menschen wirklich gut und verantwortungsvoll auf diese Zukunft vor. Der kompetente, reflektierte Umgang mit digitalen Medien gehört heute zu den zentralen Schlüsselkompetenzen. Es reicht nicht, nur Mathe und Deutsch zu unterrichten. Wir müssen junge Menschen auch in ihrer Mediennutzungs- und Urteilskompetenz stärken, und das muss zwingend auch in der Schule passieren. (Enrico Schult, AfD: Das sehen wir doch genauso, Frau Becker-Hornickel!) Und ja, es gibt berechtigte Bedenken, die erkennen wir an. Unkontrollierte Handynutzung kann die Konzentration beeinträchtigen, zu Mobbing führen oder die psychischen Belastungen verstärken. Das sind ernst zu nehmende Aspekte. Gerade deshalb müssen Schülerinnen und Schüler altersgerecht lernen, wie sie Fake News erkennen, digitale Pausen einhalten, respektvoll online kommunizieren und sich vor den Risiken exzessiver Mediennutzung schützen. Aber ein pauschales Handyverbot in Schule und Unterricht verschiebt die Probleme nur in den privaten Raum. (Beifall vonseiten der Fraktion der FDP – Daniel Peters, CDU: Was ist denn die Alternative?) Dort sind viele Familien mit den Herausforderungen auf sich allein gestellt, besonders dann, wenn Wissen, Zeit oder Ressourcen fehlen. Medienbildung ist daher auch eine Frage der Bildungs- und Chancengerechtigkeit. Wir sagen, statt pauschale Verbote brauchen wir durchdachte pädagogische Konzepte und Vertrauen in die Kompetenz der Schulen und Lehrkräfte. Wir fordern erstens eine starke medienpädagogische Strategie, die zur jeweiligen Schule passt, denn Medienbildung ist keine Zusatzaufgabe. Sie ist eine zentrale Querschnittsaufgabe moderner Bildung und eine relevante Zukunftskompetenz. (Beifall vonseiten der Fraktionen BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und FDP) Gerade in Zeiten von Desinformationen, Deepfakes und Social Bots ist Medienkompetenz auch Demokratieschutz. Wer digitale Inhalte nicht einordnen kann, ist leichter manipulierbar. Medienbildung muss auch Datenschutzbildung sein, und wir dürfen auch die Eltern nicht vergessen. Viele fühlen sich überfordert, wenn sie nach der Arbeit TikTok-Algorithmen erklären oder digitale Konflikte lösen sollen. Auch deshalb braucht es die Schule als Mitverantwortliche, nicht als Rückzugsort vor der Realität. Schülerinnen und Schüler haben ein Recht darauf, zu verstehen, wie ihre Daten funktionieren, was mit ihnen passiert und wie sie sie schützen können. Zweitens fordern wir bedarfsgerechte, praxisnahe Fortbildung für Lehrkräfte. Lehrkräfte haben die Verantwortung, Schülerinnen und Schüler zu stärken. Dafür brauchen unsere Lehrerinnen und Lehrer nicht nur technisches Know-how, sondern auch pädagogische Konzepte für den digitalen Raum. Denn nur wer selbst fit im Umgang mit digitalen Medien, didaktischen und medienpädagogischen Konzepten ist, kann Schülerinnen und Schüler sinnvoll begleiten. Drittens, wir fordern doch wissenschaftliche Begleitung und Evaluation. Die Diskussion über Smartphones an Schulen wird oft emotional oder ideologisch geführt. Aber was wirklich funktioniert, muss wissenschaftlich evaluiert und bilanziert werden. Durch die wissenschaftliche Begleitung muss herausgestellt werden, welche Ansätze beim Umgang mit Smartphones wirklich wirksam sind, denn nur mit Daten, nicht mit Dogmen kann Bildung besser werden. (Beifall vonseiten der Fraktion der FDP) Unsere vierte Forderung, mehr Entscheidungsfreiheit für Schulen. Wir trauen unseren Lehrkräften, dem pädagogischen Personal und Schulleitungen zu, selbst zu entscheiden, wie der Umgang mit digitalen Medien in Schule und Unterricht sinnvoll gestaltet wird. Keine zentralen Verbote von oben, sondern pädagogische Freiheit vor Ort, angepasst an die jeweilige Situation, denn eines dürfen wir nicht vergessen: Verbote erziehen nicht automatisch zu Verantwortung, Verantwortung erlernen wir durch Begleitung, Aufklärung und Übung. Deshalb sagen wir, lassen Sie uns die Kinder und Jugendlichen in die Verantwortung einbeziehen! Lassen Sie uns mit ihnen gemeinsam Regeln entwickeln, anstatt sie ihnen einfach vorzusetzen! Lassen Sie uns nicht bei der Technik bleiben, sondern über zeitgemäße Bildung sprechen! Wir brauchen Schulen, die nicht auf die Welt von gestern, sondern eine unvorhersehbare, global vernetzte digitale Zukunft vorbereiten, eine Bildung, die Kindern und Jugendlichen das nötige Rüstzeug für die digitale Welt mitgibt – reflektiert, kritisch und selbstbewusst. Gehen wir also gemeinsam einen wichtigen Schritt hin zu einer Schule, die fit für die digitale Gegenwart und Zukunft ist. Stärken wir Medienbildung, statt Smartphones zu verteufeln! Stärken wir unsere Lehrkräfte, statt sie zu entmündigen! Stärken wir unsere Kinder und Jugendlichen, statt sie zu unterschätzen oder außen vor zu lassen! Stimmen Sie unserem Antrag zu, damit Medienbildung nicht vom Elternhaus abhängt, sondern fester Bestandteil von Bildungsgerechtigkeit wird! – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! (Beifall vonseiten der Fraktionen BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und FDP)

Alle Reden von Barbara Becker-Hornickel Protokoll ↗