landtag-mv.de ↗

Dr. Anna-Konstanze Schröder

SPD 14.03.2025 Sitzungen 8/101

Das ist eben eine Frage, wie man die Förderung von Ehrenamt organisiert und strukturiert. Alle inhaltlichen Fragen zum immateriellen Kulturerbe sind, denke ich, bei den Institutionen, die sich jetzt darum kümmern, gut angesiedelt. Und die Ehrenamtsstiftung beschäftigt sich ja eher mit Themen in Richtung Vereinsrecht, Fördermittel, Vernetzung in allen Bereichen. Aber so zu fragen wie bei den niederdeutschen Bühnen, wie finden wir Nachwuchskräfte, wie vermitteln wir die niederdeutsche Sprache, wie finden wir moderne Stücke – da gibt es gerade ein Projekt in Rostock, bei der Späldäl –, das sind Sachen, die, denke ich, von den Institutionen, die dort sind, vermittelt werden. Also das ist, wenn man so will, eine Doppelbetreuung, eine Doppelstruktur. Aber ich finde, sie ist sehr zielführend bei uns im Land organisiert. Man muss eben beides im Blick haben, die inhaltliche Unterstützung und eben auch diese strukturelle Unterstützung von Ehrenamt. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE) Also noch mal zu dem Punkt zurück: Kultur für alle als Konzept der Kulturpolitik war ein großes Thema seit den 1970ern in der westdeutschen Kulturdebatte als Theater als Elitenkonzept gefördert wurden und man raus wollte aus diesem elitären Denken von Kultur und wollte Kultur für alle, entwickelte Programme für Soziokultur, die sich ja bis jetzt gut etabliert haben, auch in Ostdeutschland. Dagegen in der DDR war Kultur schon früh ein Mittel zur Volkserziehung, und Kulturschaffende wurden immer wieder dafür eingesetzt, aber Kulturschaffende haben sich auch immer wieder genau diesem entzogen, aber im Sinne des Brechtʼschen Theaters war es eben auch immer schon hier ein bisschen anders organisiert. Aber in der ganzen Debatte wird immer wieder übersehen, dass es schon längst kulturelle Ausdrucksformen gibt und gab, die von de Lüd för de Lüd stattfinden, eben das immaterielle Kulturerbe, das man nicht bloß auf dörfliche Traditionspflege mit regionalexklusiver Trägerschicht reduzieren darf, irgendwie geschichtsverbundene Leute, die das gute Alte vor sich hertragen. Denn es ist nie frei von überregionalen Einflüssen und Wandel – über die Zeit eben lebendig, da haben wir jetzt schon miteinander mehrmals drüber gesprochen –, überregional zum Beispiel Flößerei, das gibt es in Deutschland. Aus Sachsen-Anhalt wurde das eingereicht auf der Bundesliste. Sie haben sich weltweit vernetzt mit den Flößern. Jetzt ist es auf der internationalen Liste. Das ist nicht etwas, was nur unserer Kultur ähnlich ist, Flößerei gibt es weltweit, Köhlerei dasselbe. Da wird gerade an einem internationalen Antrag gearbeitet, soweit ich weiß. Also im immateriellen Kulturerbe sind zwar darstellende Künste wie Musik, Tanz und Theater miteinander verbunden, wie im Bereich Soziokultur, aber es gibt eben auch noch diese anderen Schwerpunkte, über die wir schon gesprochen haben: mündlich überlieferte Traditionen wie Sprache, soziale Bräuche und Rituale, Wissen und Praktiken im Umgang mit der Natur, Fachwissen über traditionelle Handwerkstechniken und auch Formen gesellschaftlichen Gemeinwesens. Kultur hat hier also einen sehr weiten Begriff. Es geht um die erlernte und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Umwelt und dem Zusammenleben. Und seit den 1990er-Jahren beschäftigt sich eben die UNESCO damit, Aspekte für schützenswert zu erklären, wo sie möglicherweise verloren gehen könnten, da besonderes Augenmerk drauf zu legen. Das heißt, Kultur ist nicht einfach schon immer dagewesen, man muss es nur weitertragen, Kultur wird erfunden. Da gibt es ein tolles Beispiel aus Mecklenburg-Vorpommern: das mecklenburgische Alphorn. Das hat Baldur Beyer erfunden. Er hat das gebaut – in Witzin ist er, ist leider schon verstorben –, hat eine eigene Bautechnik entwickelt, ein Patent darauf angemeldet, was die Alphornbläser in den Alpen total auf die Zinne brachte, weil sie dachten, sie müssen jetzt an einen Mecklenburger Geld bezahlen, wenn sie Alphorn blasen, aber er hat eben eine ganz eigene Bautechnik entwickelt, ist auch umstritten, aber funktioniert. Die Leipziger Sinfoniker sind total drauf abgefahren, haben Lieder dafür geschrieben. Baldur Beyer hat dafür gesorgt, dass jemand anders auch weiß, wie man es baut. Er hat dafür gesorgt, dass junge Leute das spielen lernen. Es wurde eingereicht für die bundesweite Liste und damals noch abgelehnt, weil er quasi noch die erste Generation war. Inzwischen gibt es eine zweite Generation. Vielleicht kann man noch mal einen Anlauf wagen. Es ist, finde ich, sehr exotisch, aber es ist eben beeinflusst auch von Kulturtechniken aus anderen Weltgegenden. Genauso die Fischerteppiche, die wurden vor hundert Jahren erfunden. Die Fischer waren arm, brauchten einen zweiten Erwerbszweig. Sie haben sich jemanden geholt, der ihnen erklären kann, wie man das macht. Der hatte Knüpftechniken aus dem Iran organisiert, hat mit den Kindern zusammen die Muster entwickelt. (Hannes Damm, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Genauso ist es.) Und so entstand diese Tradition, die überhaupt nicht jahrhundertealt ist, sondern ist hundert Jahre alt, kann man genau nachvollziehen. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Und sie entwickelt sich, sie entwickelt sich in ihren Formen eben auch weiter. Und es sind hoch engagierte Leute, die jetzt dafür sorgen, dass das weiter nachvollziehbar ist und weiter in die nächsten Generationen getragen wird. Kultur wandelt sich auch über die Zeit. Ein Beispiel sind zum Beispiel die Knieperdackse in Buchholz und in der Gegend. Früher waren die Trägerschichten Wandergesellen, die am Heiligen Abend mit einem Heischebrauch sich noch mal ein gutes Essen zusammensammelten für den Heiligabendschmaus und auch noch mal mit einem Rutenschlag einer Meistersfrau, die sie nicht gut verpflegt hat, über das Jahr noch mal ein bisschen zeigten, dass man sich durchaus auch noch mal sein Recht verschaffen kann. Aber diese Wandergesellen gibt es in dieser Form so gar nicht mehr. Das machen jetzt die jungen Männer in der Feuerwehr. Auch internationale Bezüge gibt es. Das Zeesbootsegeln bei uns hat sein Äquivalent in Venedig. Dort gibt es ähnliche Schiffbautypen, ähnliche Bootstypen. Man tauschte sich vielleicht nicht aus, aber man weiß jetzt, dass dort eben aufgrund der ähnlichen Bedingungen andere Menschen auf dieselbe Idee kamen, wie man dort gut Fischfang betreiben kann. Traditionelle Tänze gibt es in allen Kulturen. Die bereichern sich auch gegenseitig. Die Ausführungen von Herrn Stein hier, dazu kann ich nur sagen, das ist ein Musterbeispiel, wie man im Landtag mal völkisches Denken erklärt bekommt. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Elke-Annette Schmidt, DIE LINKE) Wer das wissen will, wie Rechtsextremismus hier im Landtag klingt, so ist das. Hip-Hop, Hip-Hop-Kultur – da kann ich nur sagen, gibt es doch längst:“ Nordisch by nature“, auf Plattdeutsch, ist ein Ding. Hip-Hop getanzt kann man jedes Jahr erleben beim Demminer Dance Competition. Die Dancing Angels organisieren das. Und was war es doch für ein Fest, als ich beim Deutschen Trachtentag in Lübben war vor einigen Jahren und da die hessische Delegation eine Breakdance-Einlage brachte, (Thomas de Jesus Fernandes, AfD: Das war bei Olympia auch richtig gut.) also auch ein Volkstanz, nur von woanders her und aus einer anderen Zeit. Also erst seit den 90ern wird das immaterielle Kulturerbe von der UNESCO gleichermaßen wie das materielle behandelt. Und ich glaube, das Denken über immaterielles Kulturerbe kommt auch ganz stark aus dem materiellen, dass es eben was Altes, Traditionelles sein muss, was man sieht, womit man sich dann identifiziert. Hier ist es tatsächlich, was man miteinander macht, was man miteinander weiterentwickelt. 2003 gab es das Übereinkommen zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes. Deutschland ist 2013 beigetreten, und damit verpflichtet sich Deutschland eben unter anderem, ein bundesweites Verzeichnis zu führen. Und dort eingetragen zu sein, ist Voraussetzung, um sich auf die repräsentative Liste international zu bewerben. Und darüber sprachen wir hier ja auch schon, auf dieser internationalen Liste stehen eben Ausdrucksformen von Kultur, die auch hier gepflegt werden: Tangotanzen, mediterrane Küche, Falknerei, soziale Praktiken und Ästhetik mit Henna, Reggaetanz, das Neujahrs- und Frühlingsfest Nouruz wird hier von vielen Familien gefeiert, Rituale und Spiele rund ums Tauziehen findet man bei vielen Dorffesten, Hebammenwesen steht drauf – gibt es international offensichtlich, muss ja –, Müllerhandwerk auch. Seit 2013 werden in Deutschland die Ausdrucksformen des immateriellen Kulturerbes alle zwei Jahre ausgeschrieben. Einreichungen kommen über Bundesländer oder gemeinsam aus verschiedenen Bundesländern. Und im Jahr 2015 hat sich im Museumsverband der Arbeitskreis Immaterielles Kulturerbe gegründet, der vor allem die Kulturträger berät und unterstützt bei ihren Einreichungen. Dieses Jahr feiert er, wie gesagt, sein zehnjähriges Jubiläum. Herzlichen Glückwunsch und herzlichen Dank an dieser Stelle an alle Engagierten! (Beifall vonseiten der Fraktion der SPD) Und auch in diesem Jahr im April beginnt wieder eine Ausschreibungsrunde, auf die sich Engagierte bewerben können. Auch die Möglichkeit zu einem neuen Anlauf gibt es, woran man noch feilen kann, wenn die Darstellung nicht zu den gewünschten Kriterien passte von der Kommission. Mir würde aber vieles einfallen, was man einreichen kann. Herzogliches Anbaden ist ein guter Tipp und ist sicherlich heute auch anders als früher. Musizieren in Schalmeienorchestern ginge auch, Aufführungen der Fanfarenorchester in Ostdeutschland, die ja auf weltweite Wettbewerbe aus allen Kulturen fahren, Wissen und Beobachtung der Himmelskörper, also Astronomie, ehrenamtliche Bodendenkmalpflege, die Idee der Heimat- und Naturschutzvereine, Stockcarkultur, Kopfweidenpflege, Wandern, Sattlerei, Spinnen, Weben, Stricken, Erinnerungskultur, wie wir sie bei uns pflegen, und sicherlich noch vieles mehr könnte es probieren, auf die Liste zu kommen. Jetzt gibt es eben einige Ausdrucksformen, die nicht in dieses bundesweite Verzeichnis gekommen sind, und das ist ja der erste Punkt in diesem Antrag. Es ist, denke ich, würdig, dass, wenn Mecklenburg-Vorpommern schon in einem Auswahlprozess diese Einreichungen für würdig erhalten hat, sie auch noch mal sichtbar zu machen für alle in so einer Landesliste, wie es zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen und Sachsen und Sachsen-Anhalt schon längst gepflegt wird. Das wären eben die Buchholzer Knieperdackse, die Stralsunder Wallensteintage, die Lehmziegelherstellung oder das Mecklenburger Alphorn. Zusätzlich könnte auch noch dazukommen – deswegen ist das so ein bisschen vielleicht nicht auf den ersten Blick durchschaubar im Antrag formuliert –, dass da etwas auf der Landesliste steht, was auf anderen Landeslisten steht und was es hier gibt. Zum Beispiel im Landesinventar Nordrhein-Westfalen gibt es die Vermittlung des wissenschaftlichen, insbesondere astronomischen Weltbildes in Planetarien. In meinem Wahlkreis sprach mich der Betreiber des Planetariums, Herr Danielides, an und fragte mich, warum denn das in Mecklenburg-Vorpommern auf keiner Liste stünde, sondern nur in Nordrhein-Westfalen, wir haben das doch hier auch. Nun, ich schlage es im Landtag vor, das zu bedenken. Vielleicht lohnt sich auch noch einmal ein gemeinsamer zweiter Anlauf mit Nordrhein-Westfalen, um in das bundesweite Verzeichnis aufgenommen zu werden. Wie kann das Land nun immaterielles Kulturerbe fördern jenseits von dem, was die Ehrenamtsstiftung leisten kann? Ich denke, es ist wichtig, dass dieses Thema raus aus den Rand- und Orchideenbereichen der Verwaltung kommt und rein in die Mitte, da, wo die Leute mit ihrem Engagement ja schon sind: Landwirtschaft kann helfen oder was im Landwirtschaftsministerium angesiedelt ist, also zum Beispiel zu Himmelsbeobachtungen, da zu gucken, wie man die Lichtverschmutzung reduzieren kann. Da gibt es bereits Projekte in der Nossentiner Heide. Streuobstwiesen stehen auf der bundesweiten Liste. Auch die werden bei uns im Land gefördert. Liederprogramme sind dort angesiedelt. Der Wirtschaftsbereich kann helfen, das Handwerk. Hier ist besonders der Nachwuchs ein Problem, denn Reetdachdecker sind Dachdecker mit noch einer zusätzlichen Ausbildung, die sich sehr um Nachwuchs und Auszubildende bemühen. Ich habe mit ihnen gesprochen beim Festival des Immateriellen Kulturerbes im letzten Jahr, und sie sagen, sie finden eigentlich nur noch Azubis aus der Ukraine und Polen. Also hier mit dem demografischen Wandel mitgehen und unterstützen! Der Sozialbereich ist gefragt: die Idee von Kindertagesstätten nach Fröbel, das Kneippen, das Hebammenwesen und selbst der Sport. Wir haben ja schon das Sporttreiben in gemeinnützigen Verein, aber auch die Karnevalsvereine haben ja eine Sportabteilung. Im Kulturbereich ist es schon. Das Landesmarketing ist gefragt dafür. Auch in Bildung ist es mehr als nur ein Aspektchen vom Querschnittsthema Heimat. In Berufsschulen ist es ein wichtiges Ding. Die niederdeutsche Sprache, die wird ja jetzt schon sehr gut gefördert dort, auch dort sitzt die Kita. Im Finanzbereich, die Genossenschaftsidee sitzt doch dort. In den Kommunen, die ja meist Träger sind, die Feuerwehren. Weil Feuerwehren Pflichtaufgabe sind, sind sie oft in vielen Dörfern die Einzigen, wo dann überhaupt noch Träger von Aktivitäten sind. Also muss man sie vielleicht auch da an der Stelle noch einmal mit in den Blick bekommen. Und in der Justiz: Thema Gleichstellung ist bei beim Kulturerbe auch nicht zu verachten. Und bundesweit gibt es gerade die große Debatte, wenn wir diese ganzen Listen haben, Landesliste und bundesweite Liste, was machen wir eigentlich mit denen, die da draufstehen. Das ist tatsächlich ein Thema, also zum Beispiel die Schachkultur, die eingereicht wurde als Kulturerbe, ist nur sehr lokal begrenzt ist, als die Schachkultur in dem einen Ort eingereicht wurde, aber Schach gespielt wird doch überall. Also wie geht man damit um, dass es eine lokale Tradition gibt, aber Schachspielen doch auch überregional ist? Das ist etwas, das muss noch diskutiert werden. Das wird bundesweit in den Netzwerken der empirischen Kulturwissenschaftler oder der europäischen Ethnologen diskutiert. Und da wollen wir uns als Land auch beteiligen, sollten wir uns als Land beteiligen. Auch das sollte Gegenstand dieses Konzeptes sein, das wir hier mit diesem Antrag anregen. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, DIE LINKE und Hannes Damm, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Alle Reden von Dr. Anna-Konstanze Schröder Protokoll ↗