landtag-mv.de ↗

Dr. Anna-Konstanze Schröder

SPD 14.03.2025 Sitzungen 8/101

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Heimatfreunde hier im Saal! „Typisch MV – Vielfalt des immateriellen Kulturerbes im Land entdecken, sichtbarer machen, bilden und fördern“ – „Kulturerbe“, da hört man es doch sofort klingeln, alter Kram, „immateriell“, was immer das wieder sein mag, irgendwas aus dem Lateinunterricht, alter Kram. Und dann noch „typisch Mecklenburg-Vorpommern“ – da kommt doch jetzt noch die große Heimattümelei: Mecklenburgertum, Vervorpommerung, und so was von den Sozialdemokraten und den LINKEN?! Das ist doch ein Thema für den konservativen Flügel der CDU, die hier uns am liebsten gleich in Bayern eingemeinden würden. (Thomas de Jesus Fernandes, AfD: Welchen meinen Sie jetzt?) Aber nein, weit gefehlt! (Unruhe vonseiten der Fraktion der SPD – Zuruf von Enrico Schult, AfD) Im immateriellen, also lebendigen Kulturerbe verbirgt sich richtig heißer Scheiß. (Heiterkeit vonseiten der Fraktion der AfD) Lebendiges Kulturerbe betrifft geradezu alle Menschen in Mecklenburg-Vorpommern, und zwar heute. Im Kern des immateriellen Kulturerbes steht nämlich seine Lebendigkeit. Es lädt ein zum Mitmachen, sich einbringen, anpassen an die eigenen Umstände und zeigt sich weltoffen. Das Typische am immateriellen Kulturerbe ist gerade seine Vielfältigkeit, seine Wandelbarkeit, seine Vernetztheit mit allen Menschen in anderen kulturellen Kontexten. Immaterielles Kulturerbe – das ist Kultur für alle von allen. Typisch Mecklenburg-Vorpommern – das macht die Mischung der kulturellen Ausdrucksformen aus, die hier gelebt werden. Manche sind sehr regionalbezogen, manche eine besondere Ausdrucksform von Kultur, die wir auch in anderen Teilen der Welt finden, manches, was aus anderen Teilen der Welt unsere Kultur bereichert. Klingt ziemlich abstrakt! Also worum geht es denn eigentlich konkret? Das Malchower Volksfest, das Handwerk der Reetdachdeckerei, Niederdeutsches Theater, das Barther Kinderfest, Köhlerhandwerk und Teerschwelerei, Tonnenabschlagen auf Fischland und Darß, Bewahren und Segeln der Zeesboote in der Vorpommerschen Boddenlandschaft, die traditionelle kunsthandwerkliche Herstellung der Darßer Haustüren, der Brauch des Martensmannes, die Gestaltung und traditionelle handwerkliche Fertigung der Vorpommerschen Fischerteppiche, übrigens mit einer Knüpftechnik, die aus dem Iran abgeguckt wurde, Revitalisierung des Spiels auf der diatonischen Handharmonika, das ist so eine Quetschkommode oder Treckfidel sagt man, wo Musik rauskommt, die Vielfalt der Praxis des Sagenerzählens, da kommt man in Mecklenburg-Vorpommern auf mindestens 70 verschiedene Arten und Weisen, Sagen weiterzuerzählen – das sind Eintragungen in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes, vorgeschlagen aus Mecklenburg-Vorpommern und darin aufgenommen. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE) Aber auf der bundesweiten Liste stehen noch viel mehr Ausdrucksformen des immateriellen Kulturerbes, die in Mecklenburg-Vorpommern auch gepflegt werden, aber von anderen Bundesländern eingereicht wurden. Ich will mal ein paar Beispiele nennen: Blaudruck, Buchbinderhandwerk, Choralsingen und Chormusik in Amateurchören, deutsche Brotkultur, Gebärdensprache, hatten wir gestern gerade hier im Landtag, deutsche Theater- und Orchesterlandschaft, Falknerei, Flechthandwerk, gemeinwohlorientierte Sportvereinskultur, die Genossenschaftsidee, Handweberei, Hebammenwesen, Kindergartenidee nach Friedrich Fröbel, klassische Reitlehre in Deutschland, das Kneippen, Mal-, Fass- und Vergoldetechniken der Kirchenmalerei, Märchenerzählen, moderner Tanz, Morsetelegrafie, Pflasterer- und Steinsetzerhandwerk, Poetry-Slam, Singen der Lieder der deutschen Arbeiterbewegung, Skatspielen, Streuobstanbau, selbst süddeutsche Wander- und Hüteschäferei – bei mir im Nachbardorf gab es einen süddeutschen Schäfer, der das einfach mal bei uns gemacht hat, er sagte, es ist hier viel schöner als bei uns, aber er ist jetzt schon in Rente –, Uhrmacherhandwerk, Zirkus als eigenständige Form der darstellenden Kunst, das Bauhüttenwesen – wir haben ja hier eine Jugendbauhütte –, manufakturelle Schmuckgestaltung. Also, Sie merken, es geht weit über den alleinigen Zuständigkeitsbereich der Kulturabteilung und der Kulturpolitik hinaus. Immaterielles Kulturerbe ist ein Querschnittsthema für alle Verwaltungsbereiche und vor allem für alle gesellschaftlichen Bereiche, denn es ist meist getragen entweder von engagierten Enthusiasten oder eben von Leuten, die damit ihr Geld verdienen. Und darum tut es not, dass jetzt ein Konzept erstellt wird, in dem alle Zuständigen zusammenkommen, und darum auch jetzt erst mal ein Konzept. Statt mit einem Schnellschuss den allzu knappen Kulturetat unseres Landes noch weiter zwischen den verschiedenen Kulturbereichen zu kannibalisieren, gilt es, lieber gute Synergieeffekte zu schaffen. Landesmarketing, Tourismusförderung, Wirtschaftsbereiche, insbesondere Handwerk, aber auch Landwirtschaft, Kommunalverwaltung oder Sozialbereiche sind mit zuständig. Die Akteure des immateriellen Kulturerbes, die jetzt daran arbeiten, sind im Antrag benannt. Jetzt gilt es, dieses Feld der Kultur von allen für alle gut für die Zukunft aufzustellen. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE) Darum werbe ich für diesen Antrag, dass es eben nicht nur eine Liste gibt, die auf Bundesebene das Ganze sichtbar macht und wo man sagen kann, das, was bundesweit auf dem Verzeichnis steht, findet hier auch statt, sondern es gibt auch Einreichungen aus unserem Land, die nicht auf dieser Liste stehen, die sollten gewürdigt werden, und darüber hinaus noch weitere. Darauf gehe ich dann später ein. Ich werbe für unseren Antrag. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE)

Alle Reden von Dr. Anna-Konstanze Schröder Protokoll ↗