Jutta Wegner
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Bahnfahren in Mecklenburg-Vorpommern ist derzeit so unattraktiv wie lange nicht mehr. Was sind die Gründe? Bereits letztes Jahr sorgten langwierige Baustellen im Schienennetz in Mecklenburg-Vorpommern für massive Einschränkungen des Bahnverkehrs. Neubrandenburg wird bald ein ganzes Jahr vom Zugverkehr abgeschnitten sein. Die Sperrung wurde kürzlich erneut um einen weiteren Monat bis zum 31. März verlängert. Dazu kamen die Streckensperrungen wegen der Generalsanierung zwischen Hamburg und Berlin von August bis Dezember. Der eingerichtete Schienenersatzverkehr konnte die Einschränkungen nur bedingt auffangen und bot viel Anlass zur Kritik. Insbesondere Umfang, Kapazität je Fahrt, Ausstattung der Busse, Zuverlässigkeit sowie mäßiger Komfort und schlechte Kommunikation wurden seitens der Reisenden beanstandet. Die Züge, die trotz Baumaßnahmen gefahren sind, waren chronisch unpünktlich. Züge auf Ausweichstrecken, etwa zwischen Lübeck und Bad Kleinen, waren ebenfalls häufig verspätet und in vielen Fällen überfüllt. Umstiege klappten oft nicht. Anschlusszüge wurden deshalb verpasst, die Reisenden mussten unfreiwillig lange Wartezeiten an Bahnhöfen auf sich nehmen. Kurzum: Das Jahr 2024 war vielerorts eine Zumutung für Bahnreisende. Leider geht es dieses Jahr genau so weiter: Baustellen, wohin das Auge reicht. Die Generalsanierung auf der Strecke Hamburg–Berlin führt abermals zu einer monatelangen Vollsperrung auf der Strecke. Auch Nebenstrecken werden gesperrt sein. Im Herbst wird es auf der Strecke Rostock–Stralsund eine knapp zwei Monate dauernde Totalsperrung geben. Von März bis August wird die Strecke zwischen Grevesmühlen und Bad Kleinen komplett gesperrt sein. Die Bauarbeiten rund um Neubrandenburg werden voraussichtlich bis Ende März 2025 andauern. Auch die Strecke Berlin–Rostock auf dem Abschnitt zwischen Neustrelitz und Güstrow wird bis zum 7. März gesperrt sein. Die zeitliche Überlappung der Baumaßnahmen führt dazu, dass der Landkreis Mecklenburgische Seenplatte derzeit nahezu komplett vom Bahnverkehr abgekoppelt ist. Zusammengefasst: Auch 2025 erfordert viel Geduld und starke Nerven von allen Bahnreisenden im Land. Doch Bahnfahren in und nach M-V ist für viele Reisende, losgelöst von den baustellenbedingten Streckensperrungen, schon länger spaßbefreit. Einer der Gründe: Stillgelegte Strecken wie die Südbahn und die Nord-Süd-Bahn sorgen dafür, dass eine ganze Region vom Bahnnetz abgeschnitten ist. Ein weiterer Grund ist die Eingleisigkeit, zum Beispiel auf der Strecke Rostock–Stralsund, die regelmäßig Probleme bereitet. Da muss nur ein Zug leicht verspätet sein und alles gerät aus dem Takt. Habe ich dann meinen Anschlusszug verpasst, kommt eben nicht in 15 oder 30 Minuten der nächste, nein, ich stehe dann ein oder zwei Stunden in der Kälte oder wahlweise im Sommer in der Hitze herum, bis ich weiterreisen kann. Auch ohne Baustellen machen Eingleisigkeit, daraus folgende Verspätungen und lange Wartezeiten auf zugigen Bahnhöfen das Bahnfahren im Land leider sehr unattraktiv. Auch Lübeck–Bad Kleinen ist aufgrund der Eingleisigkeit und fehlender Elektrifizierung und kurzer Bahnsteige ein Nadelöhr. Als Ausweichstrecke während der Sperrung Hamburg–Berlin war die Strecke jedenfalls völlig ungeeignet und hat allen vor Augen geführt, dass wir kein resilientes Bahnnetz besitzen. Die Züge waren regelmäßig überfüllt und verspätet. Der Verdruss der Bahngäste war groß und die Wartezeiten waren lang. Und bei langen Wartezeiten kommt die Aufenthaltsqualität der Bahnhöfe ins Spiel. Auch hier gibt es vielerorts Verbesserungspotenzial. Gerade jetzt im Winter sind lange Wartezeiten wegen verpasster Anschlüsse wirklich nicht vergnügungssteuerpflichtig, erst recht, wenn es keine adäquaten Wartebereiche oder Bahnhofsgebäude gibt, die wenigstens etwas Wetterschutz bieten. Aber auch im Sommer können lange Wartezeiten anstrengend sein. Der Bahnhof Züssow als zentraler Umsteigepunkt nach Usedom wurde zum Beispiel im letzten Sommer vielfach kritisiert, weil es im Hochsommer nicht genug schattige Bereiche gibt und viele Touristen in der prallen Sonne ewig auf ihre Züge warten müssen. (Zuruf von Thore Stein, AfD) Tatsache ist auch, dass … Sehr witzig. … bei über 20 Prozent der Bahnsteige die Bahnsteighöhe nicht zur Einstiegshöhe der Fahrzeuge passt, also ein barrierefreier Ein- und Ausstieg nicht möglich ist. Das ergab die Antwort auf unsere Kleine Anfrage. Aus all den genannten Gründen ist Bahnfahren in und nach Mecklenburg-Vorpommern so unattraktiv wie lange nicht mehr. (Beifall Dr. Harald Terpe, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Das lässt sich erstens nicht wegdiskutieren und muss sich zweitens dringend ändern. Deswegen braucht es einen kundenfreundlichen, leistungsstarken und zuverlässigen Schienenersatzverkehr, eine bessere Koordination der Baustellen im Land, damit zeitgleiche Streckensperrungen wie im Bereich der Seenplatte vermieden werden. Es braucht eine bessere Aufenthaltsqualität an den Bahnhöfen im Land und landesseitig Unterstützung für die Eigentümer, die alte Bahnhofsgebäude gern wieder mit Leben füllen möchten. Es braucht weiterhin alle Anstrengungen, um stillgelegte Strecken im Land wieder ans Netz zu bringen (Beifall Dr. Harald Terpe, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) sowie den Einsatz der Landesregierung für dringend notwendige Schienenausbau- und Modernisierungsprojekte im Land. Außerdem braucht es eine rasche Umsetzung des Bahnsteiglängenkonzeptes, damit die Bahnsteigkanten im Land den steigenden Bedarfen gerecht werden und längere Züge auch halten können. Und wir brauchen regelmäßig mehr Kapazitäten und längere Züge in den Sommermonaten. Es ist höchste Eisenbahn! Wir fordern von der Landesregierung vollen Einsatz für die Schiene im Land. Sorgen Sie dafür, dass Bahnfahren in und nach Mecklenburg-Vorpommern endlich wieder attraktiv wird! – Vielen Dank! (Beifall Dr. Harald Terpe, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Zuruf von Thore Stein, AfD)
