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Hannes Damm

GRÜNE 11.12.2024 Sitzungen 8/93

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Abgeordnete der demokratischen Fraktionen! Meine Vision für eine gute Lehramtsausbildung ist ein Studium, das im Wesentlichen aus Didaktik und Pädagogik besteht und die Studierenden bereits ab dem ersten Studienjahr in die Praxis im Schulalltag einführt. Im Gegenzug dazu muss das fachwissenschaftliche Studium, insbesondere im MINT-Bereich, kaum – und ich sage „kaum“, nicht „gar nicht“, aber „kaum“ – über das hinausgehen, was den Lehramtsstudierenden selbst nur wenige Jahre zuvor in den gymnasialen Oberstufen vermittelt worden ist. Denn wer wird Physiklehrer, Frau Hoffmeister? Sicher nicht der Durchschnittsschüler im Fach Physik, sondern eben die, denen das bereits in der Schule außerordentlich lag. (Enrico Schult, AfD: Da gibt es ja kaum noch welche, die das haben.) Das jedenfalls ist meine Lebensrealität. Und ich sage das ausdrücklich als Physiker, weil ich aus ganz eigenem Erleben noch weiß, wie weltfremd schon das erste Fachsemester Mathematik den angehenden Lehrer/-innen vorgekommen sein muss, dass sie gemeinsam mit den angehenden Mathematiker/-innen, Informatiker/-innen und eben Physiker/-innen belegen mussten, wenn selbst wir Fach-Nerds eben den gelernten Stoff wie Körpertheorie, Reihen und Beweise doch bis hin zur Promotion nie wieder wirklich selbst gebraucht haben. Völlig unerklärlich ist mir bis heute, warum die Quantenmechanik, sozusagen die Königsdisziplin der modernen theoretischen Physik, nicht nur von Lehramtsanwärter/- innen belegt werden musste, sondern warum dieses Modul auch noch mit etwa gleich viel ECTS zu ihrem Studienabschluss beitragen soll wie die gesamte Fachdidaktik. Genau dieses Beispiel habe ich in den fast zehn Jahren meines hochschulpolitischen Engagements genau zu diesem Thema rauf- und runtergebetet. Felix, der heute persönlicher Referent der Ministerin Martin ist und damals mit mir in dem Senat der Universität Greifswald saß, erinnert sich bestimmt noch gut daran. Und daher finde ich ganz persönlich, dass dieser Gesetzentwurf ein wichtiger und richtiger Schritt auf dem Weg zu einem besseren, einem praxisnäheren und sicher auch attraktiveren Lehramtsstudium ist. Dazu tragen aber sicher auch die größere Durchlässigkeit und die diverseren Zugangsmöglichkeiten zum Lehrer/-innenberuf bei, die natürlich auch klar als Folge des akuten Lehrkräftemangels in unserem Bundesland gelesen werden können, genau wie nicht zuletzt die reduzierte Prüfungslast. Passend zu meiner eingangs gezeichneten Vision begrüße ich daher ausdrücklich, dass die Struktur der Lehramtsstudiengänge zukünftig nicht mehr schulartenbezogen, sondern schulstufenbezogen gestaltet wird, (Torsten Renz, CDU: Na, beim Gymnasium haben Sie doch viel mehr fachlichen Unterricht als an der Regionalschule.) allerdings nicht nur wegen des flexibleren Einsatzes, sondern weil es für Lehrer/-innen eben weniger auf die Fachwissenschaft ankommt als darauf, das Lehren zu lernen und individuell auf die Lernenden eingehen zu können. Dieser zweite wichtige Teil kommt im vorliegenden Entwurf aber aus meiner Sicht immer noch deutlich zu kurz. Dass es sich bei diesem Gesetz unter anderem deswegen leider nur um einen kleinen Schritt in die richtige Richtung handeln kann und die Chancen auf einen Meilenstein – jedenfalls im aktuell vorliegenden Entwurf – verpasst wurden, zeigt sich an einer Vielzahl von Stellen im Gesetz. So werden im Gesetzesvorblatt für die Bereiche Pädagogik und Fachdidaktik größere Verbesserungen angekündigt, und gerade diese sind essenziell, um Wissen altersgerecht und inklusiv zu vermitteln. Die Gewichtung des bisher überproportionalen Fachstudiums solle zu deren Gunsten deutlich reduziert werden, heißt es da, hieß es heute in der Debatte. Schaut man jedoch näher hin, so bleiben drei zusätzliche Stunden dafür übrig. Und im Bereich der Sonderpädagogik für Lehramtsanwärter/-innen anderer Fachrichtungen wird die Formulierung eben sogar noch schwammiger, als sie es im bisher bestehenden Gesetz ohnehin schon ist. Nach Ansicht meiner Fraktion ist das in der aktuellen Zeit genau der falsche Trend, wo es doch nach einhelliger Expert/-innenmeinung zu moderner und guter Schule – die Enquete-Kommission lässt schön grüßen, hatten wir auch schon – multiprofessionelle Teams braucht, statt Lehrer/-innen mit diesem Problem nicht nur in den Klassenzimmern, sondern eben auch schon in der Universität weitestgehend allein zu lassen. Die Stärkung des Mentoringprogramms in der Praxisphase dazu im Gesetzentwurf unter einen Finanzierungsvorbehalt zu stellen, tut dann sein Übliches. Und die Ministerin hat ja gesagt, wer schon mal mit Lehramtsstudierenden gesprochenen hat, da muss ich sagen, ja, haben wir. Mir gegenüber wurden die hier in der Rede bezeichneten Schwächen auch genannt, sogar noch ein paar mehr. Und die Studierendenvertretungen und Junglehrer/-innen sind vom vorliegenden Entwurf ehrlicherweise enttäuscht, weil er deutlich hinter den Erwartungen und noch deutlicher hinter dem Möglichen zurückbleibt. Und da frage ich mich schon, warum das dann, wenn man mit denen gesprochen hat, nicht berücksichtigt wurde. Und wer die Situation in der Studienplatzkapazität in den MINT-Fächern an der Universität Greifswald kennt – das ist ja auch Teil des Gesetzentwurfs –, der weiß auch, dass es nicht an Wunsch oder Wille oder der fehlenden Nachfrage liegt, dass nicht mehr Studienplätze angeboten werden, sondern schlicht und ergreifend am nötigen Geld für die Erweiterung von Praktika und Laborkapazitäten. Dass mit dem Gesetzentwurf aber gerade keine finanziellen Mittel hierfür vorgesehen sind, wie sich nachlesen lässt, das verurteilt dieses Ansinnen ja gleich von Anfang an zum Scheitern. Ja, man muss sich geradezu fragen, ob diese Änderungen nicht bloß ein, ja, tut mir leid, billiger Taschenspielertrick sind, Aktivität durch ein Gesetz ohne finanzielle Untersetzung vorzutäuschen. Auch die Weiterbildung von bereits tätigen Lehrkräften ist zwar angestoßen, auch im Eingangsblatt erwähnt, bleibt aber hinter den Erwartungen zurück. Und besonders mit Blick auf die digitale Transformation und die gesellschaftlichen Veränderungen, die ich schon angesprochen habe, wäre das eigentlich bitter nötig gewesen, hier mehr zu tun. Da gilt es eben aus unserer Sicht, fortlaufend die Entwicklung unserer Lehrkräfte besser zu unterstützen. Trotz all dieser Schwächen sehen wir den Gesetzentwurf als einen kleinen Schritt in die richtige Richtung. Die positiven Ausrichtungen, insbesondere stärkere Praxisorientierung, die Betonung und vorsichtige Priorisierung der Didaktik sowie die Trennung von Lehramts- und Fachstudium sind eine Grundlage, auf der es nun weiter aufzubauen gilt. Daher werden wir der Überweisung des Gesetzentwurfs zur Ausschussberatung zustimmen und dort anhand der fachlichen Stellungnahmen Verbesserungsvorschläge in den benannten Bereichen unterbreiten, damit aus dem kleinen Schritt ein großer werden kann. – Vielen Dank!

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