Dr. Harald Terpe
Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Ich gehe auch gleich emotional los in die Debatte und sage, es gibt Tage und Zeiten, deren Ereignisse sich in das kollektive Gedächtnis eines Landes, eines Volkes, gar einer ganzen Menschengeneration einprägen. Einer dieser Tage ist der 9. November 1989, die Zeiten waren 1989/1990. Der Mauerfall 1989/90 hat eine Symbolkraft. Die Berliner Mauer stand als Symbol der Teilung Deutschlands, der Teilung Europas und letztlich auch der Teilung der Welt. Der Mauerfall selbst hat diese Teilung überwunden, und das ist es, weswegen das im kollektiven Gedächtnis so vieler Menschen abgebildet ist. Und wenn man die Menschen fragt, was haben Sie am 9. November 1989 getan, dann wissen die meisten das aus unserem Land, was sie dort gemacht haben. Und es gibt viele in Europa, die das wissen, was sie da gemacht haben, weil der Fall der Mauer das Ereignis unserer Generation war. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, CDU, DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und FDP) Was habe ich gemacht 1989? Ich weiß es ganz genau. Wir waren – und das ist eine Besonderheit von Rostock gewesen, zwei Demonstrationen in der Woche, Sonnabend und Donnerstag –, der 9. November 1989 war ein Donnerstag und es war gleichzeitig die größte Demonstration, die wir in Rostock bis dahin erlebt hatten und auch danach nicht wieder erlebt haben. Es sollen 40.000 bis 50.000 Leute gewesen sein in Rostock. Und während dieser Demonstration, die immer den gleichen Weg von der Marienkirche über das Stasi-Hauptgebäude zum Markt genommen hat in Rostock, (Rainer Albrecht, SPD: Genauso war das.) kam die Nachricht, dass sozusagen eine Ausreise aus der DDR möglich wäre, und am Ende der Demonstration waren nur noch halb so viele da. (Heiterkeit vonseiten der Fraktion der SPD) Also es haben sich sehr viele am gleichen Tag aufgemacht, sozusagen zu gucken, ob das auch Wirklichkeit ist, dass man die Grenze überwinden kann. Ich gehörte nicht zu diesen Leuten, sondern wir haben die Demonstration gewaltfrei zu Ende geführt, wohl wissend, dass vor uns noch ganz andere Aufgaben liegen werden und auch lagen. Es hat nachweislich nach dem 9. November zunächst eine sozusagen Delle in dem Demonstrationsverhalten gegeben, weil wirklich viele geguckt haben, was ist denn das nun mit der Ausreise, und sind auch dann rübergefahren. Ich habe das erst im Januar 1990 geschafft, bis dahin war viel Arbeit zu erledigen. Und ich möchte jetzt auch noch mal einen anderen Blickwinkel auf diese ganze Zeit – weil es heißt ja „friedliche Revolution“, und das war nicht der 9. November, die friedliche Revolution, sondern das war ein ganzes Jahr friedliche Revolution und Vorbereitung der friedlichen Revolution –, und deswegen will ich noch mal den Fokus legen auf die Triebkräfte des Um- und Aufbruchs. Und das ist jetzt ohne Priorisierung, ich habe einfach mal mich gefragt, was ist es denn gewesen, und habe als Erstes auch, mit dem Erlebnis gestern des Staatsaktes für Herrn Prachtl ist mir als Erstes die Sehnsucht nach Freiheit eingefallen. Ich habe meine Sehnsucht nach Freiheit in Rostock am Meer gehabt, weil dort fuhren die Schiffe, von denen ich wusste, die fuhren in die Welt hinein. Andere haben ihre Sehnsucht an der Mauer, entweder an der innerdeutschen Teilung gehabt oder in Berlin an der Mauer, weil sie gesagt haben, diese Mauer möchte ich gerne überwinden. Und mir hat sehr gut gefallen, dass unabhängig davon, ob man am Wasser gewohnt hat, an der Wassergrenze oder an der Landesgrenze, die Leute im Hinterland ihre Sehnsucht hatten, und die hat Herr Prachtl in einer eindrucksvollen Weise formuliert: Meine Sehnsucht habe ich gehabt, wenn ich in die Luft geschaut habe und die Wildgänse sind sozusagen über das Land geflogen. Die Sehnsucht nach Freiheit ist eine der Triebkräfte. Was war es noch? Die Beendigung der Bespitzelung und umfassenden Überwachung und die Überwindung der Willkür und des staatlichen Unrechts in der DDR waren Triebkräfte für viele, sich zu engagieren. Das sind möglicherweise andere gewesen oder man hatte es alles in einer Seele und in einer Brust. Es waren die vielen Fürbitt- und Friedensgebete in dem kirchlichen Raum oder auch die Umweltbewegung im kirchlichen Raum, aber auch im Raum des Kulturbundes haben sich Leute für die Umwelt jahrelang engagiert. Zum Teil waren das auch die Gleichen, die das andere gemacht haben, aber auch andere. Es waren diejenigen, die den wirtschaftlichen Niedergang in der DDR miterleben mussten, weil zum Beispiel wie in Rostock 1988 bereits keine Beatmungsgeräte mehr angeschafft werden konnten für die Kinderkliniken, weil die gab es einfach nicht mehr. Oder meine Freunde in Greifswald, die ein Buch, Fotobuch, herausgegeben haben schon zu DDR-Zeiten: „Ruinen schaffen ohne Waffen“, also die erbärmliche Bausubstanz in der DDR. Und da wundere ich mich heute manchmal, das scheint alles vergessen zu sein, was wir inzwischen für blühende Städte und Gemeinden haben, (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, CDU, DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und FDP) als ob, als ob sozusagen der Aufschwung nicht doch auch gewesen ist, bei allen Schwierigkeiten, die wir haben. Es war eine Triebkraft offenbar geworden für den Umschwung, als bei Rostock das Waffenlager IMES besetzt wurde und es klar war, dass die DDR bei aller Friedensheuchelei ein internationaler Großhändler für Waffen und Munition und für Kriegsgerät war. (Beifall vonseiten der Fraktionen der CDU, FDP, Rainer Albrecht, SPD, und Constanze Oehlrich, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Ich kann mich daran erinnern, dass dort große Teile der Bevölkerung genau wegen dieser Besetzung sozusagen einen inneren Umschwung gemacht haben und gesagt haben, haben die uns denn so belogen die ganze Zeit. Es war ja klar eine weitere Triebkraft, die Fälschung der Wahlen am 7. Mai 1989. Diese Fälschungen sind nachgewiesen worden in mehreren Großstädten, sozusagen alle wussten das. Ich kann mich erinnern, dass mein Vater – und da war ich noch Kind – gesagt hat, diese ganzen Wahlen, das ist so ein Unsinn, es gibt niemals 99,9 Prozent oder wie viel Zustimmung zu einer Regierung. Aber dort wurde das noch mal speziell bewiesen, die Lüge, die dieses Land zusammengehalten hat, also die Mächtigen des Landes zusammengehalten hat. (Zuruf von Jens Schulze-Wiehenbrauk, AfD) Ich könnte also viele weitere Beispiele nennen, welches die Triebkräfte waren. Und dann ist es zu dem gekommen, dass von der Basis aus in Ostdeutschland die Demonstrationen, die ja Wochen vor dem 9. November oder gar Monate schon angefangen hatten, nicht zu vergessen auch die sozusagen niedergeschlagenen Proteste um den 7. und 8. Oktober in Berlin, ja, das war ja, der 7. Oktober war der 40. Jahrestag und da wurden sozusagen die Demonstranten niedergeknüppelt in Berlin und haben ja mit dazu beigetragen, dass in Leipzig so viele auf die Straße gegangen sind, ja, dass sie gesagt haben, jetzt ist der Punkt da, wird es sozusagen mit Niederknüppeln kleinerer Gruppen oder können wir mit einer Massendemonstration nach dem Motto, die Massen- oder die ... komme ich jetzt nicht drauf –, kann man also mit einer Massendemonstration der Gewalt des Staates Einhalt gebieten. Und da ist es unheimlich wichtig, auch in Leipzig, (Zuruf von Jens Schulze-Wiehenbrauk, AfD) und das muss auch gesagt werden, dass es dort aus der Bevölkerung mit verantwortlichen Politikern vor Ort diesen Rat gegeben hat, der dazu geführt hat, dass die Leipziger Demonstration, dann mit beigetragen hat, dass die Leipziger Demonstration friedlich und gewaltfrei verlaufen ist. Und das war ja unser Credo: gewaltfrei für Demokratie, gewaltfrei für Freiheit. Und da sind wir bei dem wesentlichen Punkt, bei der wesentlichen Errungenschaft, bei dem wesentlichen Erkenntnisgewinn, den wir mitnehmen können für heute: Am Ende geht es um den Erhalt der Freiheit. Und eine Freiheit lässt sich nicht erhalten, wenn man nicht auch Demokratie hat. Und wir haben einen demokratisch verfassten, freiheitlichen, eine freiheitlich-demokratische Rechtsordnung und wir haben ein Grundgesetz. Und in diesem Grundgesetz sind wichtige Errungenschaften der Freiheits- und Menschheitsgeschichte aufgeschrieben, auch aus der Erfahrung, unserer doppelten Diktaturerfahrung in Deutschland, nämlich: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, und es gibt allgemeine Menschenrechte und allgemeine Grundrechte. Und dort liegt der Hase im Pfeffer. Wer diese nicht akzeptiert, wird niemals die freiheitlich-demokratische Grundordnung akzeptieren können, weil das integrale Bestandteile sind, die sich gegenseitig bedingen. Das ist das Erbe aus der friedlichen Revolution (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, CDU, DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und FDP) und vom Mauerfall 1989. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, CDU, DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und FDP)
