Christian Pegel
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Werte Zuhörende! Zunächst darf ich, weil ich in Vertretung sprechen darf, von hier aus meinen Kollegen Dr. Till Backhaus krankheitsbedingt herzlich entschuldigen und will die Gelegenheit nutzen, ihm von hier aus schnelle und gute Besserung zu wünschen. Lieber Till, sei möglichst schnell wieder an Bord! Herzlichen Dank! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, DIE LINKE und auf der Regierungsbank – Zuruf von Sebastian Ehlers, CDU) Meine sehr geehrten Damen und Herren, 1,8, 1,1 und 1,7, (Thore Stein, AfD: Sind das die SPD-Wahlergebnisse? – Heiterkeit vonseiten der Fraktionen der AfD und CDU) das klingt nach ganz nüchternen Zahlen, könnte vieles sein. Aber seien Sie unbesorgt, ich nehme Sie gern zurück mit ins Thema. Was haben diese drei vermeintlich völlig unscheinbaren oder woanders zuzuordnenden Zahlen gemeinsam? Genau, alle drei beschreiben die Veränderung von Temperatur, genauer gesagt die durchschnittliche Veränderung der aktuellen Temperatur, (Zuruf von Jens Schulze-Wiehenbrauk, AfD) plus 1,1 Grad Celsius global, plus 1,8 Grad Celsius national, (Zuruf von Horst Förster, AfD) zu gut Deutsch in der Bundesrepublik Deutschland, plus 1,7 Grad Celsius regional, zu gut Deutsch bei uns zu Hause in Mecklenburg-Vorpommern. Um diese Werte liegen die aktuellen Oberflächentemperaturen höher gegenüber dem vorindustriellen Zeitraum zwischen 1850 und 1900. Der Klimawandel ist also eine globale, auch eine nationale, aber vor allen Dingen eine ganz konkret regionale Herausforderung. (Jens Schulze-Wiehenbrauk, AfD: Kommt drauf an, wo man misst, ne?!) Menschliche Aktivitäten haben diese Erwärmung eindeutig verursacht, auch wenn ich weiß, dass es fleißig geleugnet wird. Das ist in der Wissenschaft zumindest längst und eindeutig belegt und anerkannt. Der Weltklimarat des IPCC der Vereinten Nationen trägt diese Zahlen und das gesamte aktuelle Wissen aus allen relevanten Bereichen der Forschung zusammen. Er stellt auch Ursachen, Folgen und die Risiken des Klimawandels dar. Darüber hinaus bietet er Möglichkeiten an, wie wir alle gemeinschaftlich den Klimawandel mindern und uns an neue Gegebenheiten anpassen können. Eben das sind die beiden Baustellen, die wir haben, Klimaschutz, um eine Erweiterung zu vermeiden, und Klimaanpassung, um die bereits eingetretenen Folgen aufzufangen. Dabei schließen sich Klimaschutz und Klimaanpassung … (Hannes Damm, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Aber wenn Sie es so genau wissen, wo bleiben dann Ihre Maßnahmen?!) Sie haben ja noch Redezeit, seien Sie ganz ruhig, alles gut! (Zuruf von Hannes Damm, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) … keineswegs aus. Die Folgen der zunehmenden Wärme sind im Übrigen überall längst sichtbar und nahezu wöchentlich, nahezu wöchentlich – Sie hatten dankenswerterweise darauf hingewiesen – erlebbar. Mehr Tage mit Hitze, weniger Tage mit Kälte, ein Rückgang der Gletscher nicht nur global, sondern auch von uns. Von den einst fünf Gletschern, die in Deutschland existierten, sind seit zwei Jahren heute nur noch vier existent. Einer hat sich bereits in Gänze aufgelöst. Immer intensiver und länger andauernde Hitzewellen erschweren den klassischen Sommerurlaub in weiten Gebieten rund ums Mittelmeer. Und so weit brauchen wir gar nicht zu schauen, viele Auswirkungen des Klimawandels sind auch bei uns vor der Tür längst sichtbar. Allein hier in Schwerin, in der Landeshauptstadt, stieg das Thermometer in diesem Jahr zwölfmal über 30 Grad. Das ist erst mal für alle, die Wärme mögen, erfreulich, ist aber doppelt so häufig, doppelt so häufig, wie eigentlich statistisch zu erwarten wäre. Zu den steigenden Temperaturen kommen Veränderungen beim Niederschlag. Längere trockene Phasen wechseln sich mit Starkregenereignissen ab. (Thore Stein, AfD: Seit wann denn erfasst?) Auch da fragt der Abgeordnete, wie lange erfasst. Zumindest über einen Zeitraum von deutlich über 100 Jahren. Und ich weiß, dass man sich Realitäten manchmal verweigern möchte, weil man die Anpassung nicht vornehmen will, (Thore Stein, AfD: Kennen wir von Ihrer Migrationspolitik!) weil es so bitter ist, dass man sich ändern muss, und Veränderungen abwehrt. (Zuruf von Jan-Phillip Tadsen, AfD) Aber man tut selten klug daran, das kindliche Kopf-in-den-Sand-Stecken zu praktizieren und dann zu glauben, das Problem trete nicht auf. Das Problem kommt trotzdem, meine Damen und Herren. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE – Zuruf von Enrico Schult, AfD) Und übrigens, sowohl längere Trockenphasen als auch Starkregenereignisse haben wir in diesem Jahr auch in Mecklenburg-Vorpommern häufiger erlebt, noch einmal, wenn man bereit ist, die Realitäten schlicht einfach mal zur Kenntnis zu nehmen. (Horst Förster, AfD: Und richtig einzuordnen.) Und wir haben im Übrigen darauf landespolitisch reagiert. Wir haben darauf landespolitisch reagiert, aber auch in der letzten Legislaturperiode bereits. Das in der letzten Legislatur geschaffene Sonderprogramm „Zukunftsfähige Feuerwehr“ – bisschen salopp, es war das 50-Millionen-Euro-Programm – ist ein ganz wesentlicher Beitrag zur Vorbereitung auf die zunehmende Gefahr von Waldbränden. Über 270, über 270 kleinere und kleinste Feuerwehren sind durch kleinere Feuerwehrfahrzeuge in der gesamten Fläche des Landes ausgestattet worden. Mit dieser TSF-W-Flotte sind Fahrzeuge vor allem dort hingegangen, wo Wald- und Vegetationsbrände, deren größere Häufigkeit Folge dieses Klimawandels ist, zuerst bekämpft werden müssen. Mit den darüber hinaus beschafften speziellen Waldbrandbekämpfungsfahrzeugen haben wir nur einige wenige Feuerwehren, insgesamt elf, aber verteilt über das Land, ausgestattet mit dem Versprechen, sie helfen immer dann und dort, wo es zu diesen Ereignissen kommt. Wie wirksam im Übrigen diese Lehren aus dem großen Waldbrand in Lübtheen, zu dem das 50-Millionen-Euro-Paket gehört, waren, hat sich letztes Jahr sowohl in Lübtheen als auch in Hagenow als auch im Göldenitzer Moor bei den Vegetations- und Waldbränden deutlich gezeigt. Im Übrigen, weitere rund 30 Ford-Fahrzeuge für die größeren und großen Freiwilligen Feuerwehren folgen noch in diesem Jahr. Dann ist das Programm erfüllt, aber ganz klar an Erkenntnis dessen, dass wir massiv veränderte Einsatzbedingungen durch Klimawandel und deutlich häufiger erleben. Meine sehr geehrten Damen und Herren, die Klimaveränderungen haben aber auch Auswirkungen auf den gesamten Umweltbereich, zum Beispiel eine verstärkte Algenblüte in den Gewässern und sich verändernde Jahreszeiten. Die Vegetationsperiode dauert mittlerweile zwölf Tage länger als noch im statistischen Mittel des weltweiten Vergleichszeitraums zwischen 1961 und 1990. Das hat zum Beispiel weitreichende Folgen für die Landwirtschaft und sorgt für eine erhöhte Spätfrostgefahr. Direkte Auswirkungen gibt es auch auf die Artenvielfalt. Mit jedem Jahr steigen die Waldbrandgefahr, auf die ich eben schon bewusst eingegangen bin, und die Gefahr von Schädlingen, die sich während der Dürrephasen deutlich besser ausbreiten können. Der Wald steht deshalb faktisch unter Dauerstress. Anpassungsmaßnahmen sind daher unser wichtigstes Werkzeug für eine lebenswerte Zukunft, in Mecklenburg-Vorpommern genauso wie im restlichen Land und natürlich auch weltweit. Die Anpassung an den Klimawandel fordert konkrete Ideen und Umsetzungen. Es lohnt sich dann auch ein Blick in unsere Dörfer, in unsere Städte, in unsere Gemeinden, denn der Klimawandel und seine Folgen sind vor der Haustür vorhanden und spürbar. Einer aktuellen Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung aus diesem Jahr zufolge werden die durch Extremwetterereignisse – zu gut Deutsch Starkregen, Hagel, Überflutungen, andauernde Hitzewellen – hervorgerufenen Schadenssummen, die Schadenssummen bis 2050 sechsmal höher sein als die Vermeidungskosten für Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels auf maximal zwei Grad Celsius. Die gerade wieder aktuellen Hochwasserkatastrophen – von Frau Fraktionsvorsitzende bereits angesprochen – zeigen, wie aktuell und hautnah dieses Thema auch für uns in diesem Bundesland ist. Unser tiefes Mitgefühl gilt den Opfern der schrecklichen Hochwasserereignisse in den Nachbarländern. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, CDU und DIE LINKE) Aber auch unsere Behörden sind in den aufmerksamen Beobachtungsmodus gewechselt. (Hannes Damm, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Hach!) Auch unsere Katastrophenschutzbehörden haben alle Systeme geprüft … Da gibt es kein „Hach“, Herr Abgeordneter! Das ist einfach despektierlich gegenüber den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Katastrophenschutz, den Ehrenamtlern, die in den letzten Wochen erhöhte Alarmbereitschaft gezeigt haben, um vorbereitet zu sein. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, CDU und DIE LINKE) Das finde ich unverschämt im Umgang mit denen, die sich da engagiert zeigen, es passt aber zu Ihrem typischen Gebaren. (Zuruf von Hannes Damm, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Glocke der Präsidentin) Auch unsere Katastrophenschutzbehörden haben alle Systeme geprüft … (Hannes Damm, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Und Sie ganz vorn mit dabei als Russlandminister.)
