Barbara Becker-Hornickel
Sehr geehrter Herr Präsidentin! Meine Damen und Herren! Auch hier sage ich im Vorhinein: Ich trage die Rede meiner Kollegin Frau Enseleit vor. Wir stehen an einem Wendepunkt in der Bildungspolitik, an dem es unerlässlich ist, traditionelle Ansätze zu überdenken und über innovative Lösungen nachzudenken. Bildungsgerechtigkeit fängt lange vor der Schule an. Bildung bedeutet nämlich Entfaltung der Persönlichkeit, Entwicklung der gestalterischen Prozesse, Nutzung von Wissen und dessen Möglichkeiten. Allerdings ist das kein Novum. Seit Langem ist der Bildungsauftrag der Kindergärten in den Gesetzen zur Kindertagesförderung und Kindertagespflege verankert. Trotzdem stellt sich die Frage, wie können wir es besser hinkriegen, unsere Kinder im Kindergartenalter so zu fördern, dass sie mit gleichen Voraussetzungen und Fähigkeiten in ihre schulische Laufbahn starten. Deshalb sind wir Freie Demokraten uns einig, dass im Vordergrund der heutigen Diskussion dieser Aussprache nicht die Wahrung tradierter, oft weniger erfolgreicher Vorstellungen von Bildung stehen sollte, sondern mit Blick auf die aktuellen und die zukünftigen Herausforderungen wir umdenken sollten. Auf der Suche nach neuen geeigneten Ansätzen können wir uns umschauen, wie die frühkindliche Bildung in anderen Ländern verstanden und praktiziert wird. Ein interessantes Modell finden wir zum Beispiel in Frankreich. Dort wird die Bedeutung der Vorschulbildung hoch geschätzt und als unverzichtbare Grundlage für den schulischen Erfolg angesehen. Die sogenannten Écoles maternelles bieten ein strukturiertes pädagogisches Umfeld, das darauf abzielt, die Entwicklung der Kinder in vielfältiger Weise zu fördern. Die École maternelle ist eine der originellsten Erfindungen des französischen Erziehungssystems und nimmt eine bevorzugte Stellung bei der Betreuung der Kleinkinder sowie in den Beurteilungen der Franzosen über die Schule ein. Sie ist schon lange für eine pädagogische Kreativität und die Qualität ihres Unterrichts bekannt. Dabei ist sie weder ein Kinderhort noch ein Kindergarten, sondern eine Schule für erste Erfahrungen und Lernprozesse. Ihr Ziel besteht darin, die Kinder von zwei bis sechs Jahren in französischer Sprache zu erziehen und den Kindern Mittel auf dem Weg, um groß zu werden, zu vermitteln. Der Besuch der École maternelle ist nicht Pflicht, aber äußerst beliebt. In dieser Beziehung ist Frankreich eine Ausnahme. Fast 100 Prozent der dreijährigen Kinder besuchen die École maternelle zum größten Teil im Rahmen des öffentlichen Schulsystems. Die École maternelle wird nicht nur als günstiges Milieu für die Entwicklung des Kindes und aller Facetten seiner Persönlichkeit betrachtet, sondern auch als unerlässliche Etappe für Sozialisation und schulischen Erfolg. Es ist eine Phase von umfassender Bedeutung. Hier finden unter anderem statt die Früherkennung und Vorbeugung der größten Schwierigkeiten, die den späteren schulischen Erfolg infrage stellen könnten. Hier werden Sprachschwierigkeiten kompensiert, bevor das Lesen erlernt wird. Es findet eine frühe soziale Integration statt. Kinder lernen wichtige soziale Fähigkeiten wie Teamarbeit, Konfliktlösung und Empathie. In vielen Ländern wird die Bedeutung der Vorschulbildung hoch geschätzt. Sie bietet Chancengleichheit und ist die beste Vorbereitung auf den Schultag. In der Debatte um Bildungsgerechtigkeit im frühkindlichen Alter zeigt das Beispiel aus Frankreich, dass diese durch erfolgreiche und erprobte Lösung möglich ist. Bildung ist der Schlüssel, um den Armutskreislauf zu durchbrechen. Darum müssen wir alles tun, um möglichst früh die Weichen für eine umfassende und chancenfördernde Bildung zu ermöglichen. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit! (Beifall vonseiten der Fraktion der FDP)
