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Mandy Pfeifer

SPD 12.07.2024 Sitzungen 8/86

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen und Kollegen! Herr Schneider, eins möchte ich gleich zu Anfang einmal deutlich benennen: (Zuruf von Jens-Holger Schneider, AfD) Normale Kinder und Migrantenkinder zu unterscheiden, geziemt sich nicht für dieses Hohe Haus. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE – Zuruf von Jens-Holger Schneider, AfD) Das ist eine offene Diskriminierung aufgrund der Herkunft. (Jens-Holger Schneider, AfD: Netter Versuch, der geht so was von fehl!) Und ich würde Ihnen empfehlen, einmal in die Kitas zu gehen und Kinder zu fragen, ob es relevant ist, wo Kinder herkommen oder nicht. Kinder sagen, es sind Kinder. (Thomas Krüger, SPD, und Jeannine Rösler, DIE LINKE: So ist es. – Jens-Holger Schneider, AfD: Meine Güte! – Torsten Koplin, DIE LINKE: Genau.) Meine Damen und Herren, frühkindliche Bildung ist wichtig. Sie ist vor allem deshalb wichtig, weil die Grundlage für den Kompetenzerwerb von Kindern im Alter zwischen zwei und sechs Jahren gelegt wird. Ich stehe noch unter dem Eindruck einer wirklich hochkarätigen öffentlichen Anhörung, die wir am 05.07. in der Enquete-Kommission „Jung sein in Mecklenburg-Vorpommern“ erleben durften. Und hier wurde von verschiedenen Expertinnen und Experten betont, der Großteil der Kompetenzen entsteht bereits vor Schuleintritt. In Kindertagesstätten lernen Kinder miteinander und voneinander, wie es ist, wenn man plötzlich ohne Mama und Papa bestehen muss, sich in einer neuen Umgebung zurechtfinden muss, eine neue Person auf einen aufpasst und sich darum kümmert, was man spielt und was man isst, und einen tröstet, wenn mal was schiefgeht. Sie lernen, Freundschaften zu schließen und auch mit Kindern umzugehen, mit denen sie sich vielleicht nicht so gut verstehen. Sie lernen das Verhalten in der Gruppe, füreinander einzustehen, sich gegenseitig zu helfen. Alles soziale Kompetenzen, die Mama und Papa zu Hause so nicht vermitteln können. Und das alles spielend, manchmal unter schwierigen räumlichen Bedingungen, manchmal auch mit wechselnden Bezugserzieher/-innen. Unsere Kitas sind wertvoll, weil das, was man dort lernt, eben nicht mehr in der Schule gelernt werden muss. Das ist einer der Gründe, warum es mir und meiner Fraktion so wichtig ist, dass alle Kinder in unserem Land in die Kita gehen können. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE) Die Expertinnen und Experten betonten auch, Bildungsabschlüsse von Kindern hängen in Deutschland stärker von der sozialen Herkunft ab als in anderen Ländern, und verwiesen zum Vergleich auf Frankreich, die Niederlande, Großbritannien, die USA oder Japan. Frühkindliche Bildungsangebote können da helfen – nach den Expertinnen und Experten –, wo sie frei verfügbar, kostenfrei und hochwertig sind. Die Verfügbarkeit können wir für M-V bestätigen. Wir haben es in diesem Hause schon häufiger gehört. Fast jedes Kind kann in Mecklenburg-Vorpommern eine Kita besuchen. Auch kostenfrei ist die Kita, auch wenn man das in diesem Hause nicht so gerne hört. Aber es ist viel leichter zu entscheiden, ob man sein Kind in die Kita gibt, wenn das Entgelt für die Erwerbsarbeit, der man dadurch nachgehen kann, der Familie zur Verfügung steht und eben nicht in die Finanzierung dieses Kitaplatzes selbst fließt. Und hochwertig ist die Kindertagesbetreuung auch. In jeder öffentlichen Anhörung, die ich hier als Abgeordnete begleitet habe, aber auch, die ich in meinem beruflichen Kontext davor gehört habe, betonten die dort angehörten Expertinnen und Experten, wie wichtig es sei, das Fachkräftegebot für Mecklenburg-Vorpommern zu erhalten. Und auch dafür steht die SPD-Fraktion. Unsere Kitas sind häufig noch Orte, an denen sich Kinder unabhängig von ihrer sozialen Herkunft begegnen und miteinander und voneinander lernen. Und auch das ist wertvoll, vor allem gesellschaftlich, und findet meiner Meinung nach im weiteren Bildungsverlauf viel zu selten statt. Und, liebe Jutta Wegner, du wolltest jetzt nicht, dass wir eine Debatte führen, in der wir sagen, was wir alles machen, hast dann aber leider damit angefangen, die Debatte genauso zu führen, wie wir sie sonst immer führen. Deswegen möchte ich noch einmal sagen, womit die SPD-Fraktion (Torsten Renz, CDU: Genau!) die frühkindliche Bildung in den Blick nimmt. (Torsten Renz, CDU: Sehr gut!) Wir haben eine wirklich gute Bildungskonzeption. Auch das hören wir immer wieder von Expertinnen und Experten. Wir haben „Schabernack“, das Fortbildungsinstitut für Erzieherinnen und Erzieher, in eine institutionelle Förderung überführt und damit abgesichert. Wir haben den Fachkraft-Kind-Schlüssel seit 2012 stetig weiter abgesenkt und schauen jetzt gerade, wie es weitergehen kann. Die Ministerin wird uns dazu einen Perspektivplan vorlegen. Und, Herr Renz, hier würde ich einmal gerne schärfen, dass nicht alle Expertinnen und Experten sich für die Krippe ausgesprochen haben. (Torsten Renz, CDU: Einer vielleicht nicht, einer nicht von zehn.) Doch, die Hälfte und die andere Hälfte für den Hort. (Torsten Renz, CDU: Im Leben nicht! Also da hole ich noch mal das Wortprotokoll raus.) Deswegen ist es wichtig, dass wir uns einmal anschauen, wie kann es weitergehen. (Torsten Renz, CDU: Da holen wir das Wortprotokoll raus.) Wir haben den Ferienhort frei gestaltet. Wir haben die Sprach-Kitas übernommen, als der Bund aus dem Programm ausgestiegen ist und somit einer Schlüsselkompetenz, denn Sprache ist der Schlüssel zur Welt. Wir haben in der letzten KiföG-Novelle geregelt, dass in den Kommunen die sozialräumlichen Gegebenheiten ausgestaltet werden, und haben die Merkmale nicht abschließend konkretisiert. Aber im KiföG können Sie nachlesen, dass wir vorsehen, dass insbesondere dort, wo überdurchschnittlich Verpflegungskosten genommen werden, (Zuruf von Torsten Renz, CDU) dort, wo ein überdurchschnittlicher Anteil von sozial benachteiligten Kindern betreut werden, dort, wo ein überdurchschnittlicher Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund betreut wird, und auch dort, wo Strukturen erhalten bleiben sollen, obwohl die Kinderzahlen sinken, ein besseres Fachkraft-Kind-Verhältnis festgelegt werden kann. Und wir berücksichtigen damit etwas, worauf uns auch die Expertinnen und Experten in der Enquete hingewiesen haben: Dort, wo die Kinder mit den größten Herausforderungen in die Kitas gehen, brauchen wir die beste Personalausstattung. Wie diese Regelung greift, das wissen wir aktuell noch gar nicht. Das werden wir erleben, (Zuruf von Torsten Renz, CDU) wenn nun in den nächsten Monaten die Kitasatzungen geändert werden. Aber diese Regelung ist eine Riesenchance für einen weiteren Schritt in Richtung Bildungsgerechtigkeit. In denselben Satzungen wird vermutlich auch der Landesrahmenvertrag umgesetzt. Das Land übernimmt auch hierbei den festgelegten Landesanteil wie bei allen anderen Kitaleistungen auch. Wir legen fest, dass Kommunen die Verpflegungsbeiträge übernehmen müssen, wenn Eltern eine Kostenbeteiligung nicht oder nur teilweise zuzumuten ist. Und wir bereiten die Umsetzung des Ganztagsanspruches vor, der ab 2026 aufwachsend eingeführt wird. Und wir starten das Startchancen-Programm, das zu 60 Prozent in der Grundschule ansetzt. Es passiert also eine Menge, trotz schwieriger Bedingungen, und wir werden innerhalb der gegebenen Möglichkeiten Schritt für Schritt weiter vorangehen. Meine Damen und Herren, es braucht viele, um unsere Kinder auf einen guten Weg zu bringen. Kinder zu erziehen, ist keine Individualangelegenheit. Deshalb ist es auch gut und richtig, dass der Staat sich hier in einem besonderen Maße engagiert. (Zuruf von Torsten Renz, CDU) Denn was höre ich, wenn ich mit pädagogischen Fachkräften spreche? Die sagen mir, die Kindheit hat sich verändert. Da, wo früher ein Buch vorgelesen wurde, spielt heute nicht selten eine Toniebox. Und da, wo man früher gemeinsam Abendbrot gegessen hat, läuft heute der Fernseher nebenbei. Und auch das Smartphone scheint immer früher zum Babysitter zu werden. Das macht was mit den Startmöglichkeiten unserer Kinder und schon sehr früh. Und ja, Staat kann das, was so verloren geht, nicht vollständig kompensieren. Deshalb bitte ich an dieser Stelle um die Achtsamkeit aller, die mit Kindern umgehen. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE) Und ich appelliere vor allen Dingen an die Eltern, Unterstützungsmöglichkeiten, die sie wahrnehmen können, auch wahrzunehmen. Ich rekurriere hier auf das Bildungs- und Teilhabepaket. Es lohnt sich für Ihre Kinder! Aber Kinder sind nicht nur Kita oder Schule, Kinder sind so viel mehr. Sie treffen sich in Sportvereinen, bei der Freiwilligen Feuerwehr, in Musikschulen, in Jugendklubs. Und diese Aufzählung könnte ich noch eine ganze Weile fortsetzen. Auch hier findet Bildung statt, nicht nach Lehrbuch und mit Prüfungen, aber hier lernen Kinder soziale und demokratische Kompetenzen. Diese Strukturen müssen wir stärken. Und das tun wir auch, zum Beispiel, indem wir mit den Feuerwehrprogrammen einen Ort schaffen auch, an dem sich Kinder und Jugendliche begegnen können, indem wir den Sport insbesondere auch als Ort der Begegnung, des Miteinanders verstehen und konsequent weiter fördern oder indem sich das Land an der Finanzierung der Jugendsozialarbeit beteiligt. Aber viel zu oft erlebe ich in diesem Hause, dass der Bereich der Kinder und Jugendlichen nur bis zu denen diskutiert wird, die darin wertvolle Arbeit leisten, und nicht bis zu denen, für die diese Orte existieren, nämlich mit Blick auf unsere Kinder. Viel zu selten betonen wir, dass Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen, Trainerinnen und Trainer vor allem eines gemeinsam haben: Sie arbeiten im Zweifel alle am selben Kind. Und unser Fokus muss es doch sein, zu schauen, wie organisieren wir die bestehenden Angebote so, dass sie alle gemeinsam für dieses Kind den größtmöglichen Bildungserfolg erreichen. Aktuell liegt unser Hauptaugenmerk auf Kita und Schule. Dabei sind die nonformalen Strukturen im Freizeitbereich genauso wertvoll und genauso wichtig für unsere Gesellschaft wie die formalen Bildungseinrichtungen. Es braucht zuallererst ein Verständnis und eine Akzeptanz der Akteure in all den benannten Bereichen für diesen wichtigen Zusammenhang. In der Enquete-Kommission schauen wir uns das genauer an, in Zeiten von sinkenden Steuerzahlen und sinkenden Bevölkerungszahlen insbesondere auch mit dem Fokus darauf, wie man Strukturen so verändern kann, dass am Ende der Erfolg für das Kind und damit für uns alle steht. Könnte ich zaubern, hätten wir sofort ein Bildungssystem, das Kinder über ihre Stärken und nicht über ihre Defizite wahrnimmt. Wir hätten Strukturen, in denen wir Stärken stärken und Schwächen individuell begegnen können, und wir würden Kinder nicht nach Leistungen segregieren, sondern miteinander voneinander lernen lassen, jedes nach seinen Möglichkeiten, jedes bis zu seinem Ziel. Ich kann aber nicht zaubern, und es kostet bis dahin noch ein gutes Stück Weg, denn wir werden weiter mit Augenmaß vorgehen müssen, mit Blick auf das zur Verfügung stehende Personal und vermutlich auch wieder mehr mit Blick auf die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel. Aber wir werden diesen Weg weitergehen, Schritt für Schritt. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE)

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