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Jens-Holger Schneider

AfD 12.07.2024 Sitzungen 8/86

Nein, momentan nicht. Dazu die PISA-Expertin Gunda Tire aus Estland, ich zitiere: „Es braucht ein ganzes Dorf, damit ein Kind gut gedeiht – dieses Sprichwort gilt auch heute. Die Schule kann nicht alle Aufgaben einer Familie übernehmen. … Im Normalfall werden familiäre Werte und andere … Dinge zu Hause vermittelt. Es gibt Studien dazu, dass ein wichtiger Bestandteil für Bildung das gemeinsame Abendessen zu Hause ist.“ Zitatende. Staat und namentlich das Schulsystem versprechen zwar immer mehr, kosten auch immer mehr, erfinden sich immer mehr innovativ klingende Trost- und Heilsbegriffe – multiprofessionelle Teams, digitale Bildung ja sowieso –, segeln unter der Flagge der Inklusion, leisten aber umgekehrt proportional zu den immer neu versprochenen Positivprognosen und nachgeschütteten Millionen an Finanzmitteln nachweislich immer weniger, verschlimmbessern dafür umso mehr. Bislang forcierten sie nach einer desaströsen Studie jeweils das, was erst ins Desaster geführt hatte. Messbar und empfindbar ist das in den letzten 20 Jahren in der Bildung nicht besser, sondern durchweg alles immer schlechter geworden, mit Blick auf das Wissen ebenso wie auf das Können. Wir sind der Auffassung, das Bildungssystem müsste in seiner bildungspolitischen und pädagogischen Richtung – ja schon von seinem Menschenbild her – ganz prinzipiell revidiert werden. Das trifft auch auf das Versprechen frühkindlicher Bildung zu, gar nicht zu reden von einer die eigene Lebenstüchtigkeit vorbereitenden Erziehung, die immer weniger thematisiert oder problematisiert wird. Erziehung wird ja nicht mal mehr benannt. Bisher sind die entscheidenden Schritte nicht gegangen, aber eine Menge Phrasen mit vermeintlich wissenschaftlicher Aufrüstung ventiliert worden. Obwohl Schule, zumal Ganztagsschule, immer kindgerechter sein soll, nehmen nicht zuletzt psychische Erkrankungen und psychosomatische Auffälligkeiten immer mehr zu. Nach wie vor sind die Kinder- und Jugendpsychiatrien überfüllt – in einer Zeit, in der es angeblich so viel Bildungsgerechtigkeit gibt wie noch nie und in der nichts über Einfühlsamkeit, Teilhabe und Empathie geht. Weshalb trotz des angeblich grundgerechten Bildungswesens die enormen Patientenzahlen von Kindern und Jugendlichen in der Psychiatrie sich übrigens direkt proportional entwickelt zum Krankenstand ihrer Lehrer, bei denen gleichfalls die psychiatrischen Diagnosen die zahlreichsten sind, diese Frage müssten Sie mal beantworten in all Ihren Überlegungen. (Enrico Schult, AfD: Sehr richtig!) Was ist dafür eigentlich die Ursache, wenn Kita und Schule und namentlich frühkindliche Bildung sich doch den Anschein geben, immer beglückender zu sein? Offenbar hat dieses ganze Land ja Burn-out. Zurück: Die bisherigen Maßnahmen zur Vorbereitung und zur Entwicklung entscheidender Befähigungen im Grundschulbereich erwiesen sich als nicht ausreichend, insofern nach wie vor allzu viele Kinder beim Übergang in die Orientierungs- und Sekundarstufen allzu wenig wissen und können und diese Defizite auf dem weiteren Bildungsweg mitschleppen. Festzustellen ist leider, dass einer weiteren Abnahme der Befähigung zum Lesen, Schreiben und Rechnen wirksam entgegengewirkt werden muss, weil diese Defizite ansonsten weiterhin dem Bildungserfolg von circa 20 bis neuerdings 30 Prozent der Schüler entscheidend entgegenstehen und so Schulabschluss, Berufsausbildung und Studium erschweren oder gar verhindern mit fatalen Auswirkungen auf die soziale und kulturelle Lebenswirklichkeit sowie die Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe. Mit Blick auf Ihre etwas anders zentrierte Antragsvariante aus dem April-Plenum – man kann, ja, man muss innerhalb der Kindertagesstätten und im Verantwortungsbereich der Kindertageseltern eine obligatorische Vorschulbildung etablieren, die bereits vor der Einschulung Grundbefähigungen im Lesen, Schreiben und Rechnen auszubilden vermag. So wollten Sie das ja im nun zurückgezogenen und ersetzten Ausspracheantrag wohl anregen. Man darf nur nicht beständig der Selbstsuggestion folgen, dass allein schon mit der Auflage eines neuen schicken Begriffs und der Bereitstellung von Mitteln, groß beworben unter dem Titel der Sprach-Kitas, bereits irgendwas bewegt ist. Es bedarf dazu eben nicht der Worte, sondern der verbindlichen Festschreibungen von Inhalten und Plänen und des engagierten, gründlichen Arbeitens. 140 Sprach-Kitas im Land mit Zuwendungen in Höhe von bis zu 6 Millionen Euro pro Jahr – was genau haben sie bisher an Zuwachs von sprachlicher Befähigung für einen besseren Schulbeginn gebracht? Messbar vermutlich rein gar nichts. Man sollte mit entwicklungspsychologischer Expertise also genau prüfen, welche Grundkompetenzen innerhalb der Lebensjahre eins bis sieben sinnvoll zu entwickeln und in genau zu bestimmender Qualität zu erreichen wären, wobei einerseits Überforderung auszuschließen, aber andererseits bessere Bildungschancen zu ermöglichen sind. Dann aber muss man verbindliche Curricula erarbeiten, über die zu vereinbaren wäre, was Kinder vor der Einschulung sicher können sollten. (Zuruf von Christine Klingohr, SPD) Und dann muss man das evaluierend prüfen. Verbindliche Akte also! Im Ergebnis der Neuorientierung auf eine echte Vorschule müssten Erzieher und alle pädagogischen Mitarbeiter zudem vorbereitend so qualifiziert werden, dass die erforderliche frühkindliche Entwicklung im Sinne einer besseren Vorbereitung auf die Grundschule realisiert werden kann. Nicht nur davon reden, sondern endlich mal für echte Substanz und wirkungsvolle Erziehung sorgen! Ganz offenbar ist der bisherige Maßnahmenkatalog nicht oder allzu wenig wirksam. Dabei spielt nicht zuletzt das Migrantenproblem eine entscheidende Rolle, insofern immer weniger Kinder in den Kitas in der deutschen Sprache zu Hause sind. In Migrantenfamilien wird nun mal zu wenig deutsch gesprochen. Die Bildungsministerin wies selbst mehrfach darauf hin, dass mittlerweile 20, nunmehr sogar bald 30 Prozent der Schüler in ihrem Wissen und Können ab Kindergartenalter unterhalb des Erwartbaren und Notwendigen liegen, sodass sie erhebliche Schwierigkeiten haben, ihre Schulzeit erfolgreich abzuschließen. Diese allzu vielen Schüler laufen zudem Gefahr, eine Berufsausbildung nicht erfolgreich absolvieren zu können. Da sich, wie die jüngste Auswertung der letzten PISA-Studie ergab, mittlerweile auch an den Gymnasien immer mehr Minderleister befinden, denen es an Grundkompetenzen mangelt, erscheinen gleichfalls immer weniger Abiturienten studierfähig. Diese Probleme sind von Defiziten im allerjüngsten Bildungsalter verursacht. Im Ergebnis der gerade ausgewerteten PISA-Studie schnitt insbesondere Estland vergleichsweise gut ab. Als Grund des estnischen Erfolges wird ein obligatorisch zu absolvierendes und auf verbindlichen nationalen Lehrplänen basierendes Schulvorbereitungsprogramm für Fünf- und Sechsjährige genannt, das entweder in den Kindergärten oder an den Schulen stattfindet. Daraus ließe sich hierzulande lernen. Wenn Vorschule, dann richtig. Es wäre also durchaus an eine Art Lehrplan zu denken, der festschreibt, was an Kenntnissen zu vermitteln und Könnenserwerb bis zum Ende des Kindergartenalters zu leisten ist, um Grundschulerfolge im Lesen, Schreiben und Rechnen vorzubereiten. Und abgestimmt mit diesem verbindlichen Plan bräuchte es die Vorschullehrmittel und die qualifizierten Vermittler. Ob das gewollt wird, mehr und gründlicher und verbindlicher als bisher, und ob das von einem bereits jetzt erschöpften Bildungssystem zu leisten ist, wird die Frage sein, die zu klären ist. Wir bräuchten dafür weniger das beständige Eigenlob der Bildungspolitik, sondern vielmehr substanzielle Entschlüsse, wie man genau was in der Vorschule zu leisten entschlossen ist. Ich empfehle für weiterführende Beschäftigung mit dem Thema ein Interview von Heike Schmoll aus der FAZ mit Susanne Eichholz, Psychologin, zu Sprachdefiziten, FAZ vom 25.04.24. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Grünen der Hauptfeind Deutschlands sind. Damit beende ich meine Rede. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit! (Beifall vonseiten der Fraktion der AfD und Dr. Eva Maria Schneider-Gärtner, fraktionslos – Nadine Julitz, SPD: Was?)

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