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Jutta Wegner

GRÜNE 12.07.2024 Sitzungen 8/86

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen Abgeordnete! Ich bin sehr gespannt auf diese Aussprache und möchte gleich zu Beginn sagen, dass ich hoffe, die Regierungsfraktionen beglücken uns nicht mit einer langen Reihe an Maßnahmen, (Sebastian Ehlers, CDU: Das wird genauso kommen. Das wird so kommen. – Torsten Renz, CDU: Das wird so kommen.) die sie besten Gewissens bereits vorgenommen haben oder die gar, wie das Startchancen-Programm, in den Schulen stattfinden. Das weiß ich ja. (Zuruf von Torsten Renz, CDU) Es geht uns um eine Aussprache explizit zu frühkindlicher Bildung und Armut. Und ich freue mich auf eine zukunftsgewandte Debatte, in der neue Wege gedacht werden, denn es liegt seit Jahren auf dem Tisch, Deutschland hat ein Bildungsproblem. Wir sind das viertgrößte Industrieland der Welt, aber unsere Lehrer müssen vor lauter Personalmangel Klassen zusammenlegen. Sie müssen die Eltern auf den Versammlungen bitten, Papier mitzubringen, weil ihr halbjährliches Kopierkontingent schon nach vier Wochen erschöpft ist. Dass die Kinder in unserem Bundesland fast durchgängig eine kostenlose Kita besuchen, ist gut, reicht aber bei Weitem nicht aus, meine Damen und Herren. Denn in den Kindergärten soll individuell gefördert werden. Aber eine Erzieherin muss sich um derart viele Kinder kümmern, dass dies in der Praxis kaum umzusetzen ist. Es gibt Kitas, die im Vorschuljahr bestimmte Programme anbieten. Dies ist jedoch weder flächendeckend der Fall noch spezifisch auf einzelne Kinder ausgerichtet. Meine Redezeit reicht nicht aus, um all die Probleme aufzuzählen, (Torsten Renz, CDU: Ich würde was abgeben.) und ich möchte nun erneut auf die Ergebnisse verweisen, die damit einhergehen. (Zuruf von Sebastian Ehlers, CDU) Jedes vierte Kind kann nach dem Ende der Grundschule … (Zuruf von Torsten Renz, CDU) nicht richtig lesen und schreiben. In den internationalen Bildungsstudien sackt Deutschland immer weiter ab. Im nationalen Vergleich steht Mecklenburg-Vorpommern nur noch auf Platz 11 von 16. Unser Problem ist grundlegend. Wir denken Bildungspolitik nicht vom Kind aus. Wir investieren trotz aller Bemühungen immer noch zu wenig. Wir verschenken Potenzial. Die Bildungsbiografie eines Kindes spiegelt noch immer das Elternhaus, nicht das individuelle Potenzial. Nur 26 Prozent der Kinder aus Haushalten, in denen kein Elternteil Abitur hat und deren Einkommen unter 2.500 Euro liegt, schafft es laut ifo Chancenmonitor überhaupt aufs Gymnasium. Haben beide Eltern Abitur und ein entsprechendes Haushaltseinkommen von 4.000 bis 5.000 Euro, dann liegt die Wahrscheinlichkeit schon bei 60 Prozent. Es ist unsere Aufgabe, liebe Kolleg/-innen, dass es diese Differenz nicht mehr gibt. Genauso, wie der Erziehungsauftrag vornehmlich im Elternhaus liegt, muss auch unser Bildungssystem ganz klar die Verantwortung für die Bildung der Kinder übernehmen. Das heißt auch, dass wir Bildungs- und Chancengerechtigkeit herstellen müssen, und zwar von Anfang an. Kein Kind sollte aufgrund seiner Herkunft, dem Bildungsstand seiner Eltern oder Armut einen vorgezeichneten Weg gehen. Faktisch ist es aber so: Armut vererbt sich. Ich glaube, dass wir hier mit einer rot-roten Landesregierung im Grunde Partner vorfinden, die grundsätzlich zustimmen, wenn ich sage, wir müssen diesen Kreislauf durchbrechen. (Zuruf von Torsten Renz, CDU) Nur auf dem Weg sind wir uns noch nicht einig. Und ich möchte, dass wir diese Aussprache nutzen, um uns über einen Aspekt – die frühkindliche Bildung und den Übergang vom Kindergarten in den Hort – auszusprechen. Kinder haben bei der Einschulung Entwicklungsunterschiede von bis zu drei Jahren. Insbesondere in ihrer Sprachentwicklung liegen die Kinder oft weit auseinander. Es gibt Kinder, die aus einem anderen Land zu uns gekommen sind und schlicht noch kein Deutsch können. Es gibt Kinder mit Beeinträchtigungen, die schlecht hören oder durch genetische Faktoren Schwierigkeiten mit dem Spracherwerb haben. Es gibt in einem einkommensschwachen Bundesland wie Mecklenburg-Vorpommern viele Kinder, die in Armut geboren werden und denen es zu Hause schlicht an mangelnder Sprachanregung fehlt, weil der Fernseher läuft und niemand vorliest oder weil die Eltern arm sind und trotz Arbeit und trotz vieler Überstunden weder die Zeit noch das Geld haben, um ihre Kinder zu fördern. Es gibt zahlreiche Ursachen, und klar ist, dass wir im Kindergartenalter so viel auffangen können, was in der Schule kaum noch gelöst werden kann. Je höher die Qualität in den Kitas, umso höher die Chancengleichheit. Untersuchungen aus Großbritannien belegen zudem, dass die Kitas mit den besten Personalschlüsseln und der höchsten Förderung in den Brennpunkten angelegt werden. Strukturelle Defizite können so viel leichter ausgeglichen werden. Jetzt haben wir eine neue Sprachstandsregelung im KiföG. Dass diese mit dem vorhandenen Personal weder zeitlich noch inhaltlich zu bewerkstelligen ist, wurde bereits in der Anhörung klar. Wir müssen an dieser Stelle also deutlich mehr investieren. Damit stellt sich auch die Frage nach der Wiedereinführung einer Vorschule. Die Deutsche Kinderhilfe fordert eine Vorschulpflicht für alle Kinder ab vier Jahren, um auch Kinder mit Sprachdefiziten oder Verhaltensauffälligkeiten beschulbar zu machen. So weit will ich ja gar nicht gehen, aber auch für uns ist klar, der Bildungsauftrag beginnt im Kindergarten. Eine Vorschule ad hoc einzuführen, wird sich wohl weder personell noch finanziell stemmen lassen. Wir müssen aber ernsthaft darüber nachdenken, mindestens diejenigen Kinder mit einer Sprachstandsverzögerung gezielt zu fördern. Hamburg und seit Kurzem auch Baden-Württemberg leben es mit verschiedenen Vorschulmodellen vor. (Beifall vonseiten der Fraktion der CDU – Torsten Renz, CDU: Richtig!) Insbesondere in Hamburg konnten sich die Viertklässler so in den Lesefertigkeiten von Platz 14 auf Platz 6 im deutschlandweiten Vergleich verbessern. Wir müssen es schaffen, diese Kinder gezielt bereits im Kindergartenalter spielerisch auf die Schule vorzubereiten, damit sie mit den möglichst gleichen Voraussetzungen starten wie alle anderen. Das heißt, es muss ein bestimmtes Augenmerk auf diesen Kindern liegen. Für diese Kinder muss das Vorschuljahr ein gewisses verpflichtendes Programm enthalten. Ich rede hier nicht davon, das Stillsitzen zu üben. Ich rede von spielerischen Sprachübungen, vermehrtem Vorlesen, logopädischer Unterstützung und Ähnlichem. Was wir hier hingegen für alle Kinder schaffen müssen, ist ein guter Übergang von der Kita in die Grundschule. Der Ganztag ab dem nächsten Jahr ist dafür eine Chance. Es braucht Kooperationen zwischen den verschiedenen Trägern und den Schulen. Kindzentriert müssen sich Erzieher/-innen und angehende Klassenlehrer/-innen bereits vor der Grundschule und auch noch in der 1. Klasse über das einzelne Kind austauschen. Nur so können Herausforderungen und Eigenheiten, aber auch Kinder, die im Sinne einer Vorschule gezielt gefördert wurden, direkt weiter begleitet werden. Schaffen wir es, über die gesamte Bildungsbiografie eines Kindes und Jugendlichen diesen individuell und institutionenübergreifend zu begleiten und zu fördern, schaffen wir eine Bildungsgerechtigkeit, wie es sie heute nicht gibt. Jedes Krippenkind ist wertvoll, jedes hat das Potenzial, etwas zu erreichen. Es ist unsere Aufgabe – ich komme zum Schluss –, (Thore Stein, AfD: Aber nicht jeder alles!) es in Kita und Schule hinsichtlich seiner Bildung zu fördern und aufzufangen, wenn es die Eltern nicht können. Ich freue mich auf Ihre Gedanken. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, DIE LINKE und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

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