Barbara Becker-Hornickel
Sehr geehrte Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Ich trage heute die Rede meiner Kollegin Frau Enseleit vor, die leider erkrankt ist und der wir von hier aus gute Besserung wünschen. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, DIE LINKE und FDP) Der Antrag der AfD lässt uns erneut staunen. (Zuruf von Enrico Schult, AfD) Es scheint, als wolle diese Partei alle Errungenschaften und Erkenntnisse im Bildungsbereich aufgeben und verbannen, (Zuruf von Jens Schulze-Wiehenbrauk, AfD) weil es früher angeblich besser war. Ihr Antrag liest sich wie eine nostalgische Verklärung vergangener Zeiten, in denen Kinder in der Schule angeblich klüger und leistungsfähiger waren, (Zuruf von Christian Brade, SPD) Zeiten, in denen sie lange und anspruchsvolle Aufsätze und Erörterungen schreiben mussten, was sie zu guten Menschen machte. Prüfungen nur in Form von Aufsätzen sind längst überholt. Zum Glück! Besonders beim Lesen Ihrer Forderung, die Prüfung auf die Interpretation eines literarischen Werkes einzugrenzen, sträuben sich mir die Haare. (Enrico Schult, AfD: Das wollen wir noch mehr machen. Dann haben Sie das falsch gelesen.) Es gibt so viele Interpretationen eines lyrischen oder Prosatextes, wie es Leserinnen und Leser gibt. Jeder Mensch liest einen Text durch die Brille seiner eigenen Erfahrung, Emotion und Sozialisierung. Deshalb gibt es keine richtigen oder falschen Interpretationen. Sobald ein Werk veröffentlicht ist, lebt es sein eigenes Leben, und der Autor hat kaum Einfluss darauf, wie es bei den Lesern ankommt. Es spielt auch keine Rolle, welches Ziel die Autorin oder der Autor verfolgt hat. Sie/er muss akzeptieren, dass die Interpretation in den Händen der Leser liegt. Auch Ihr Antrag lebt jetzt ein eigenes Leben. Er löst bei mir eine bestimmte Interpretation aus, eine Assoziation mit alten Zeiten, Zeiten, in denen man den Schülerinnen und Schülern die Denkweise vorschreiben wollte, Zeiten, in denen man ihnen sagte, dass ihre Gedanken falsch seien. (Horst Förster, AfD: Nee, nee, nee, nee! Wo haben Sie denn gelebt?! – Zuruf von Enrico Schult, AfD) Diese Interpretation Ihres Antrags ist bestimmt nicht in Ihrem Sinne. Sie werden sagen, ich liege mit meiner Sichtweise falsch. In einer, (Enrico Schult, AfD: Wer hat Ihnen denn die Rede geschrieben, Frau Becker-Hornickel?) in einer Prüfungssituation würde ich bei Ihnen wahrscheinlich eine glatte Sechs kassieren und durchfallen. (Zuruf von Enrico Schult, AfD) In Ihrer Erwiderung werden Sie wahrscheinlich sagen, ich irre mich, ich liege falsch oder ich habe Sie missverstanden. (Enrico Schult, AfD: Ja, weil Sie Unsinn erzählen! – Zuruf von Horst Förster, AfD) Und genau auf diese Weise berauben Sie die Schülerinnen und Schüler der Freiheit, ihre Meinung zu äußern, ohne mit großen Konsequenzen rechnen zu müssen. (Zuruf von Jens Schulze-Wiehenbrauk, AfD) Sie beklagen, dass der Teil mit dem Aufsatz verhältnismäßig wenig Punkte bringt. (Enrico Schult, AfD: Ja.) Aber gerade diese Ausgestaltung der Prüfung schützt die Schülerinnen und Schüler davor, dass eine andersdenkende, vielleicht nicht populäre Meinung oder Sichtweise auf einen Text die Grundlage für die Prüfungsnote ist. Noch im April waren Sie hier die lautesten Verfechter der Meinungsfreiheit in den Schulen. (Horst Förster, AfD: Natürlich!) Heute wollen Sie diese eingrenzen. Das wäre die Konsequenz Ihres Antrags. (Horst Förster, AfD: Wie kommen Sie denn auf die Idee?!) Die Beurteilung einer Interpretation oder eines Aufsatzes, sei es eines Sachtextes wie in Ihrem Antrag oder eines literarischen Textes, ist äußerst schwierig. Zwar hat die Deutschdidaktik mittlerweile gute Antworten darauf, aber es gibt einfach immer noch einen großen Raum voller Unsicherheiten. Zu groß ist die Gefahr, entweder von subjektiven Kriterien oder von ideologischen Vorgaben abzuhängen. Für uns Freie Demokraten ist Ihr Antrag eine Gefahr für die Meinungsfreiheit (Jens Schulze-Wiehenbrauk, AfD: Oh!) und eine Rückkehr zum Rückschritt. (Zuruf von Jens Schulze-Wiehenbrauk, AfD) Wir werden diesen Antrag ablehnen. – Vielen Dank! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, DIE LINKE und FDP)
