Andreas Butzki
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen und Kollegen! Bevor ich dann meine Ausführungen tätige, möchte ich auf zwei Sachen noch einmal eingehen, die Herr Schult hier angebracht hat. Das eine war das Polizeiaufnahmeverfahren an der Fachhochschule. Ich weiß, dass es bis, ich glaube, 2010 enorm viele Bewerber dort bei der Fachhochschule gab. Es haben viele Gymnasiasten die Mittlere-Reife-Schüler weggedrängt, weil einfach der Lehrstellenmarkt so war. Und da hat man natürlich ganz andere Ergebnisse, wenn man überwiegend Abiturienten hat und nicht Mittlere-Reife-Schüler. Und deswegen ist das natürlich, wenn man jetzt im Pool mehr mit Zehntklässlern zu tun hat, etwas anderes, als wenn man Abiturienten hat. (Jens Schulze-Wiehenbrauk, AfD: Das ändert doch an der Prüfung nichts!) Und dann noch einmal das andere: Ich war ja nun 20 Jahre Schulleiter. Davon war ja auch jedes Jahr eine Abschlussprüfung, und wir haben jedes Jahr eine Statistik machen müssen. Ich selbst habe es auch gemacht mit meinen jeweiligen Fachgremien, und Deutsch hatte meist den schlechtesten Durchschnitt, (Zuruf von Jens Schulze-Wiehenbrauk, AfD) das jetzt bloß mal zur Einordnung, weil Sie sagen, das ist jetzt die letzten zwei/drei Jahre passiert. Über die Jahre hinweg, von 1991 bis 2011 kann ich das insoweit sagen, dass, wie gesagt, Deutsch immer die schlechtesten oder meist die schlechtesten Durchschnitte hatte. Aber heute diskutieren wir den AfD-Antrag. Ich möchte es noch mal vorlesen: „Anforderungen für die Abschlussprüfung im Fach Deutsch zum Erwerb der Mittleren Reife anheben“. Ihre Antragsüberschrift, geehrte Kollegen der AfD, hat mit Ihren Forderungen überhaupt nichts zu tun. In Ihren drei Beschlusspunkten fordern Sie genau das Gegenteil, Sie wollen zurück zum Nur-Aufsatz-Schreiben. (Heiterkeit bei Enrico Schult, AfD) Aber die Welt hat sich weitergedreht und die Anforderungen wurden höher, (Zuruf von Torsten Renz, CDU) und Sie wollen zu den Anforderungen der 50er-Jahre des letzten Jahrhunderts zurück. (Jens Schulze-Wiehenbrauk, AfD: Sie haben das Niveau runtergesetzt!) Wenn ich so einen Schulantrag bekomme, dann setze ich mich natürlich meist jetzt noch mit den Fachkollegen zusammen. Und durch meine langjährige Lehrertätigkeit habe ich unwahrscheinlich viele Kontakte in die Lehrerschaft und auch zu den Deutschlehrern und zu den Schulleitern. (Zurufe von Jens Schulze-Wiehenbrauk, AfD, und Torsten Renz, CDU) Und ich habe den Antrag natürlich vorgelesen und die Reaktion auf diesen Antrag war nur großes Unverständnis. (Jens Schulze-Wiehenbrauk, AfD: Ja, wer soll das glauben?) Die meisten Fachlehrer-/innen sagten, es geht mehr darum, mehr Sachverhalte abzuprüfen, und zwar mehr Kompetenzbereiche. Und ich will die Kompetenzbereiche hier noch mal allen darlegen. Da wäre der Kompetenzbereich Lesen, das heißt mit Texten umgehen. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Literarische Texte verstehen und reflektieren, Lesetechniken und Lesestrategien kennen und nutzen, das ist ein Kompetenzbereich. Der nächste ist der Kompetenzbereich, Sprache und Sprachgebrauch untersuchen, normrichtiges Schreiben, lexikalische Einheiten kennen und funktional verwenden. Und dann der Kompetenzbereich Schreiben, sachbezogen, situationsangemessen und adressatengerecht schreiben und umgehen, und dann noch Sach- und Gebrauchstexte verstehen und reflektieren, Lesetechniken und Lesestrategien kennen und nutzen. Und ich habe jetzt vom letzten Jahr die Abschlussprüfung hier. Ich will das jetzt nicht vorlesen. Die Ministerin hat es jetzt für 2023 gemacht. (Zuruf von Enrico Schult, AfD) Dann würde ich hier gerne mal die Aufgaben vorlesen und wirklich auch mal Zettel austeilen und ausfüllen lassen. Da wäre ich ja mal gespannt, wie viele – und es haben ja einige von uns Abitur – das so ohne Weiteres dann schaffen könnten. (Heiterkeit vonseiten der Fraktion der SPD – Ministerin Simone Oldenburg: Das hakt schon bei finiten Verbformen!) Das glaube ich schon, genau. Sie haben meinen Ausführungen entnommen, dass die Abschlussprüfungen im Fach Deutsch in Mecklenburg-Vorpommern 2019 umgestellt worden sind, nachweislich kompetenzbasiert. Das ist mit der Kultusministerkonferenz vereinbart. Wir haben ja von der Ministerin gehört, zwölf Länder haben sich dem schon so angeschlossen, das Lesen mit Texten, Sprachgebrauch sowie Schreiben. Und das Prüfungsformat ist eingebettet in eine systematische Stärkung der basalen Kompetenzen und auch in den Rahmenplänen für Deutsch und Sprachbildung. Und ich will Ihnen mal sagen, in dem Fach Englisch – also erste Fremdsprache, sprich Englisch – werden schon seit Jahren, ich will sagen, Jahrzehnten, solange ich die Prüfungen abgenommen habe, auch genau diese Bereiche mit abgeprüft. Und ich habe bis jetzt noch nie einen Antrag gehört, dass das Prüfungsformat in der ersten Fremdsprache geändert werden soll. Und wir sind – das muss man dazusagen und deswegen auch dieses Kompetenzorientierte – in Zeiten großer Wandlungen. Trotzdem bleiben wir und sind wir das Land der Dichter und Denker. Wir müssen also uns natürlich auch die Frage stellen, wie guter Deutschunterricht auszusehen hat. Und für meine Fraktion heißt es ganz deutlich, die Grundlagen müssen in der Grundschule gelegt werden. Unsere Kinder müssen sicher und fehlerfrei lesen können. Sie müssen den Text verstehen und eigenständig wiedergeben. Da ist schon eine ganz große Kompetenz drin, wenn man den Kindern etwas vorliest und einfach bloß mal sagt, gib das mal mit deinen eigenen Worten wieder. Es müssen Lesetechniken und Lesestrategien entwickelt werden. Sie müssen die kennen und nutzen, die Kinder. Sie müssen sicher und fehlerfrei schreiben können, (Enrico Schult, AfD: Aber das wird doch gar nicht mehr abgefragt, Herr Butzki!) das heißt mit Füllfederhalter und Heft und nicht digital. Und das ist eine unwahrscheinlich hohe Kompetenz zu schreiben. Das heißt, man muss lesen und erfassen, man muss es verarbeiten und anschließend auch eine ausgeprägte Handschrift für sich selbst entwickeln und die später auch haben. Und ich denke, auch die Eltern und Großeltern sollten unterstützen und sich die Zeit nehmen. Ich mache das zum Beispiel sehr gerne im Kindergarten im Vorschulalter, den Kindern vorzulesen. So entwickeln die Kinder nämlich auch eigene Vorstellungen und Phantasien. Und wenn man sich mal umhört, wo in den Familien noch vorgelesen wird, das ist dann auch schon ein bisschen schwierig, und vor allen Dingen dann auch im Grundschulalter den Kindern zuhören, wenn sie laut lesen. Und auch wenn es schwerfällt, Eltern und Großeltern, den Rechner oder Fernseher mal ausstellen und die Kinder wirklich zum Lesen anhalten und die Kinder lesen lassen! Und wir müssen auch immer daran denken, dass wir Kinder haben, die nicht solche Unterstützung zu Hause haben oder bekommen können, und das vergessen Sie auch immer. Und da muss natürlich auch die dementsprechende Hilfe in der Kita beziehungsweise in der Grundschule dann erfolgen. Ich beispielsweise gehe sehr gerne – nicht nur zum Vorlesetag – in Kitas und lese dort vor, weil das wirklich Spaß macht. Da merkt man auch, dass ein bisschen die Aufmerksamkeit und Konzentration bei den Kindern nach einer gewissen Zeit nachlässt. Aber das macht auf der anderen Seite Spaß, dann auch über das Gelesene oder das Vorgelesene mit den Kindern zu diskutieren. Und im politischen Raum sollten wir auch ernsthaft über den Einsatz digitaler Endgeräte diskutieren. Wann ist der richtige Zeitpunkt? Ab welchem Alter sollen die eingeführt werden? Wenn ich so sehe, Schweden war ganz weit vorne, die machen jetzt eine Rolle rückwärts, aber so was von! Und welche Inhalte sollen vermittelt werden, auch ganz wichtig, und wie sollen sie genutzt werden? Zur Übung, zur Recherche und/oder gleich mit KI? Und da brauchen wir uns jetzt nichts vorzumachen. Wenn ich jetzt schon mitkriege, wie Schüler in der Abiturstufe schon mit ChatGPT und so weiter umgehen können, da müssen auch wir als Lehrer und so weiter ein bisschen umdenken. Und für mich ganz wichtig ist hier die Medienkompetenz. Und die Medienerziehung hat einen ganz, ganz hohen Stellenwert in der Computer- oder in der digitalen Erziehung. Und noch einmal zum AfD-Antrag zurück: Den Feststellungstext brauchen wir nicht, der steht in den Rahmenplänen und dort ist alles geregelt. Den Antragstext brauchen wir auch nicht, da die jetzigen Prüfungen viel anspruchsvoller sind und wir mit unseren Anforderungen nicht zurückgehen werden. Und hätten Sie beispielsweise eine andere Frage thematisiert, dass beispielsweise die Deutschlehrerinnen und -lehrer jetzt für die Kontrolle einer Arbeit anderthalb bis zwei Stunden brauchen, und das diskutiert, dann hätte ich das vielleicht noch ein bisschen verstanden. Aber auch in dem Punkt sind wir mit dem Bildungsministerium im Gespräch. Zusammenfassend kann festgestellt werden, diesem Antrag können und werden wir aus fachlicher Sicht nicht zustimmen. – Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE)
