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Jutta Wegner

GRÜNE 10.07.2024 Sitzungen 8/84

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren Abgeordnete! Zum heute vorliegenden Gesetzentwurf ist bereits viel gesagt worden, wenn auch sicher noch nicht alles. Aber ich will dennoch eine andere Perspektive einnehmen. Unsere heutige Beratung ist weniger der Abschluss einer Debatte, sondern vielmehr der Anfang. Der eklatante Lehrkräftemangel betrifft fast jede Schule im Land und gefährdet den Bildungsstandort Deutschland. Es müssen grundlegende Reformen her, und ich bin gespannt auf die Vorlagen, die dazu in den nächsten Monaten aus dem Wissenschaftsministerium kommen werden. Fakt ist, der Seiteneinstieg stellt heute eine Variante für zahlreiche ehemalige Lehramtsstudierende und Fachexpert/-innen dar, um an den Schulen zu unterrichten. Studierende können Praxiserfahrungen als Vertretungslehrkräfte sammeln und darüber ihr Referendariat verkürzen. Wir nehmen jede und jeden, den wir kriegen können. Aber ist das wirklich unser Ziel? Ich sehe die Herausforderung, dass jeder Unterricht besser ist als gar kein Unterricht. Ich sehe aber auch, dass Kinder dort abgeholt werden müssen, wo sie stehen, dass wir an unserer Zukunft sparen und uns jetzt die Fehlentscheidungen der letzten Jahrzehnte auf die Füße fallen. Wir brauchen heute jeden, den wir kriegen können. Es wird alles versucht, um die Stunden zu füllen, das Bild stabil zu halten. Aber um welchen Preis?! Fakt ist, wir haben das Ziel aus den Augen verloren. Wir müssen uns heute fragen, welche Erwachsenen wir in 10, 20, 30 und 40 Jahren brauchen. Sind es gehorsame Pauker, Spezialisten, Fachidioten oder Kreative, Projektentwickler, über den Tellerrand schauende und ganzheitlich denkende Menschen? Fakt ist, dass wir weder die Lehrer/-innen entsprechend ausbilden noch ihnen die Freiheit lassen, dies aus ihren Schülern herauszukitzeln. Wenn wir selbstständig denkende und handelnde junge Menschen wollen, die Verantwortung für sich und andere übernehmen, dann müssen wir ihnen dieses von klein auf beibringen. Damit meine ich nicht, sie von oben herab zu unterrichten, sondern sie selbst tätig werden zu lassen. Jedes Kind hat ein unentdecktes Potenzial, wir müssen ihnen nur ermöglichen, dies zu heben. Lehrkräfte in einem modernen Sinne erklären weniger und begleiten mehr. Kinder, die Zusammenhänge selbst entdecken, erforschen und sich erschließen, lernen langfristig mehr und bleiben motiviert. Doch dafür brauchen sie Lehrkräfte, die weniger dozieren und mehr begleiten. Wir haben heute Morgen ja auch darüber schon gesprochen, sie brauchen Pädagogen, keine Dozenten. Wir reden hier schließlich über Schulen, nicht über Universitäten. Mit diesem Anspruch starten angehende Lehrkräfte auch ihr Studium, um dann in der Realität aufzuwachen, in der sie hoch spezialisierte Fachwissenschaften studieren müssen. Das ist das, was gerade die Studierenden auch uns mitgeteilt haben. Der Praxistest, vielfach gewünscht, findet dann häufig unbegleitet statt und gleicht mehr einem Praxisschock anstelle eines qualitativ hochwertigen Hineinwachsens in den Lehrerberuf. Die mangelnde Betreuungsrelation zwischen Studierenden und Lernenden ist uns bekannt, die Zahl der Studien- und Referendariatsabbrüche auch. Wenn wir über Lehrerbildung reden, reden wir im Grunde über die Bildungsgrundlage für unsere Kinder. Erneuern wir die Lehrkräftebildung und stoßen dann in den Schulen weiterhin auf derart veraltete Zustände, wird dies aber weiterhin junge Menschen davon abhalten, diesen Beruf zu ergreifen. Wir diskutieren heute nur ein ganz kleines Gesetz, das im Gesamtzusammenhang hier gar nicht alleine stehen sollte. Torsten Renz hat dies bereits dargestellt, wir müssen die erste und zweite Phase des Lehramtsstudiums zusammendenken. Und ich möchte noch einen draufsetzen: Wir müssen uns grundsätzlich überlegen, was gute, kindzentrierte Schule ausmacht. Wenn wir das wissen, müssen wir das Schulsystem anpassen und dann entsprechende Lehrkräfte ausbilden. Dann wird uns auffallen, dass wir Lehrer/-innen brauchen, die nicht nur pädagogisch hoch qualifiziert sind und von der Grundschule bis zur Sekundarstufe II so ausgebildet sind, dass sie mit jedem Kind, von Lernschwierigkeiten bis Hochbegabung, arbeiten können, sondern die sich ebenfalls bestens mit Medien und digitaler Bildung auskennen, fachübergreifend denken und es schaffen, das Beste aus jedem Kind herauszuholen. Wir waren gerade als Bildungsausschuss in Lettland, wo nach einem einfachen Prinzip gehandelt wird: Geld folgt Kind. Ist eine Schule schlecht, muss sie schließen. Sechs Prozent des Bruttoinlandsproduktes wird hier in Bildung investiert. Davon sind wir Meilen entfernt. Das heutige Gesetz ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir haben Ihnen heute noch einen Änderungs- und einen Entschließungsantrag vorgelegt, die die wichtigsten Kritikpunkte aus der Anhörung aufnehmen. Ich bitte um Ihre Zustimmung, dann kann meine Fraktion auch diesem Gesetz seine Zustimmung geben. Wir sind nicht weit auseinander. Viel verändern wird sich durch dieses Gesetz noch nicht. Ich bin sehr gespannt auf die Debatten im Herbst und bitte Sie tatsächlich, bei all der Auseinandersetzung über die Lehrkräfte nicht das Ziel aus den Augen zu verlieren: gebildete junge Menschen, die in der Lage sind, selbstständig Probleme zu lösen und Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Wir brauchen sie alle und wir brauchen sie genau so. – Vielen Dank! (Beifall vonseiten der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

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