Jutta Wegner
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen Abgeordnete, wer wünscht sich das nicht: Bessere Bildung?! Aber so einfach scheint es nicht zu sein, denn bereits seit meiner Schulzeit wird darüber diskutiert – ohne signifikante Verbesserungen. Im Gegenteil, hört man sich um, dann ist niemand zufrieden mit dem, so, wie es gerade ist. Aber ist die Kampagne, die die CDU gerade losgetreten hat, die Lösung für all unsere Probleme oder nur das Rollback dorthin, was eben schon lange nicht funktioniert und zur Lösung der Probleme in unserem Bildungssystem genau nichts beiträgt? (Beifall Dr. Harald Terpe, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Was sind die neuen, die fortschrittlichen Ideen, die sich an den Erkenntnissen der Wissenschaft orientieren? Die Kampagne der CDU bietet zunächst mal Fake News: Das Gymnasium würde abgeschafft. Außerdem unterstellt sie das gegliederte Schulsystem, die möglichst frühe Differenzierung nach Leistung, und der Oberstudienrat, der pädagogisch zwar nicht besonders hochwertig ausgebildet ist, gleichwohl einen hervorragenden Professor abgeben würde, sei die eierlegende Wollmilchsau der Bildungspolitik. Meine Damen und Herren, dass diese Politik in den vergangenen Jahrzehnten zu dem Salat geführt hat, den wir heute vorfinden, ist nicht nur empirisch belegt, sondern sollte meines Erachtens auch in den letzten Kopf eines jeden Bildungspolitikers gegangen sein. Das hat dann offensichtlich nicht überall geklappt. In Ihrer konservativ idealen Welt ignorieren Sie, dass Kinder sich sehr unterschiedlich entwickeln und man eben gerade nicht schon im Grundschulalter sieht, (Zurufe von Ann Christin von Allwörden, CDU, Daniel Peters, CDU, und Marc Reinhardt, CDU) ob wir eine künftige Baggerfahrerin oder einen Hochschulprofessor vor uns haben. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, DIE LINKE und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Dass Kinder sich entwicklungspsychologisch unterschiedlich entwickeln, sieht man allein in der Betrachtung von Jungen und Mädchen, wobei Letztere weit häufiger das Abitur ablegen und Jungen erst später das volle Leistungsspektrum entwickeln. Auch die noch weit stärker segregierenden Faktoren „Armut“ und „Flucht“ ignorieren Sie. Diese Kinder sind nicht dümmer, sie werden einfach nur zu früh von anderen getrennt, nicht gefördert und nicht dort abgeholt, wo sie stehen. Für gute Bildung sind Gymnasien ein Weg, einer, nicht der einzige. (Daniel Peters, CDU: Das ist richtig.) Gleichzeitig brauchen wir weitere, darunter einen zentralen, der alle Kinder willkommen heißt. Deswegen stehen wir GRÜNE bundesweit für Gesamtschulen, Gemeinschaftsschulen oder integrierte Sekundarschulen ein. Wichtig ist uns, diese Schulen bieten alle Abschlüsse einschließlich des Abiturs, und den Kindern stehen alle Wege offen. Und für diese chancengerechten Schulen brauchen wir Lehrkräfte, die sowohl fachlich als auch pädagogisch hoch qualifiziert sind. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, DIE LINKE und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Konservatives Denken trennt Kinder früh, am liebsten nach der 4. Klasse, spätestens jedoch nach der 6., mit dem Wechsel aufs Gymnasium trennt sich die Spreu vom Weizen. Damit der Weizen reifen kann, muss er vom Unkraut befreit werden, (Thore Stein, AfD: Um Gottes willen! Das ist doch absurd.) sonst kann er nicht die volle Blüte erfahren. (Enrico Schult, AfD: Das ist doch absurd. – Zuruf von Thore Stein, AfD) Hier braucht es Lehrkräfte, die fachlich auf höchstem Niveau ausgebildet sind, Pädagogik überbewertet. Diese Crème de la Crème ist leistungswillig, und voll konzentriert ist sie nur sicher unter sich und spielt nicht mit den Schmuddelkindern, so die rechtskonservative Brille. Nur für Letztere braucht es mehr Pädagogik, also die Lehrkräfte auch entsprechend getrennt ausbilden. Dabei vergessen Sie aber eines, (Thore Stein, AfD: Menschen sind nicht alle gleich.) es gibt keine Crème de la Crème, (Thore Stein, AfD: Doch!) es gibt keine Schmuddelkinder. Es gibt nur kleine Menschen, und die heißen „Kinder“. (Beifall vonseiten der Fraktion der SPD) Und wir wissen ebenfalls aus der Forschung und zahlreichen Bildungsstudien, dass Kinder sich gegenseitig am besten stützen. Die Schwächeren lernen von den Leistungsstärkeren. Die Leistungsstärkeren entwickeln sich hervorragend weiter, wenn die Lehrkräfte sie dort abholen, wo sie stehen. Das nennt man Inklusion und Binnendifferenzierung im Unterricht, sowohl für leistungsschwächere als auch für leistungsstarke Schüler/-innen. Unmöglich, sagen Sie? Mitnichten! Sie nennen es Einheitsbrei, ich nenne es Chancengerechtigkeit. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, DIE LINKE und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Das, was es dafür jedoch braucht, sind Lehrkräfte, die eben keine frontal unterrichtenden Oberstudienräte mehr darstellen, sondern die in erster Linie Pädagogen sind und das einzelne Kind so begleiten, wie es das braucht. Das wusste übrigens schon Heinz Rühmann in der „Feuerzangenbowle“. Dafür ist es elementar und zentral, das Lehramtsstudium zu verändern. Auf der Stelle zu treten, bringt uns nicht weiter. Abgesehen davon ist nachgewiesen, dass zahlreiche Lehramtsstudierende ihr Studium abbrechen, weil sie auf eben diese Art des Unterrichtes nicht vorbereitet werden. Darauf zielt das angekündigte Gesetz, über das wir heute diskutieren: weniger Abbruch, mehr Pädagogik, mehr Lehrkräfte. Die Idee eines gemeinsamen Lehramtsstudiums für die Sekundarstufe I und II ist nicht neu. Bremen, Hamburg, Berlin leben dies bereits erfolgreich vor. Gymnasien gibt es dort nach wie vor. Statt diesen Gedanken zu delegitimieren, würde ich mir ja mal angucken, was zum Beispiel in Hamburg besser gemacht wird als bei uns. Zeit genug ist ja noch. Der Gesetzentwurf, den Sie hier in Bausch und Bogen verdammen, liegt uns ja noch gar nicht vor. Lassen Sie uns doch erst mal abwarten, was drinsteht! (René Domke, FDP: Kennen wir ja von der Landesregierung.) Und da will ich auch dringend an Sie, liebe Landesregierung, appellieren, nehmen Sie uns mit, und zwar so früh wie möglich! So wie bisher, wo Sie uns Vorlagen auf den letzten Peng übergeben (René Domke, FDP: Das ist es ja. Genau das ist es!) und wir dann umfangreiche Papiere quasi über Nacht durcharbeiten müssen, das muss doch nicht sein! Das schadet der Sorgfalt und einer tiefergehenden Auseinandersetzung. (Beifall Sandy van Baal, FDP) Die Überarbeitung des Seiteneinstiegs und des Referendariats sowie die entsprechenden Rechtsverordnungen wurden in einem derart hohen Tempo durch den Landtag und den Ausschuss getragen, dass eine tatsächliche tiefergreifende Auseinandersetzung kaum möglich war. Insofern bitte ich die Regierungsfraktionen um einen echten Beteiligungsprozess und eine tatsächliche Mitnahme der demokratischen Opposition, denn für eine wirkliche bildungspolitische Wende, ein Überwinden des Lehrkräftemangels und endlich bessere Bildungsbedingungen braucht es weit mehr als eine Reform des Lehramtsstudiums. Wir brauchen eine andere Personalausstattung in den Schulen, um tatsächlich den Erfordernissen der Zeit gerecht zu werden, vom Schließen alter Lücken – oder sollte ich vielmehr sagen Schluchten – mal ganz abgesehen. Das, was in den Lehrkräftebedarfsprognosen der KMK, auf die Sie sich stützen, nämlich nie mit einbezogen wurde, sind die Kriege in Syrien und in der Ukraine, die Umsetzung der eigentlichen bildungspolitischen Ziele wie ein weiterer Ausbau des Ganztags, das zunehmende gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne sonderpädagogischem Förderbedarf oder kleinere Klassen. Diese Herausforderungen und bildungspolitischen Ziele kann man nicht verdrängen und einfach so weitermachen wie bisher. Im Gegenteil, wir müssen uns diesen stellen und das Schulsystem so umbauen, dass wir sie lösen können. Da ist die Reform der Lehrkräfteausbildung nur ein Teil der Lösung. (Zuruf von Marc Reinhardt, CDU) Blockieren Sie aber bereits an dieser Stelle, werte CDU, und gehen Sie hier nicht die tatsächlich notwendigen, konsequenten Schritte, werte Kollegen von SPD und LINKE, dann werden wir wieder nur reden und nichts schaffen. Für uns GRÜNE ist klar, wir brauchen mehr Qualität als Quantität, wir brauchen ein längeres gemeinsames Lernen anstatt der frühen Segregation. (Zuruf von Marc Reinhardt, CDU) Im Zentrum der Bildung sollte das Kind stehen. (Marc Reinhardt, CDU: Ja.) Dafür brauchen wir nicht nur fachlich und pädagogisch hoch qualifizierte Lehrkräfte, sondern ein ganzes Team aus verschiedenen Professionen. Wir brauchen Schulen, die alle Abschlüsse ermöglichen, und endlich eine Binnendifferenzierung im Unterricht anstatt nach der Schule. – Vielen Dank! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
