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Dr. Anna-Konstanze Schröder

SPD 25.04.2024 Sitzungen 8/79

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Krieg und der Wunsch nach Frieden ist ein höchst aktuelles Thema. Schon seit Jahrzehnten entsendet die Bundesrepublik Deutschland Soldaten in Friedensmissionen, die dort verletzt, verwundet werden. Manche sterben, sie werden psychisch unglaublich stark belastet, was sich auch auf die Familien auswirkt, wenn sie zurückkehren. Heute hat der Bundestag den Veteranentag als offiziellen Gedenktag am 15. Juni beschlossen. (Zuruf von Sebastian Ehlers, CDU) An der Initiative war maßgeblich auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Arlt beteiligt. (Julian Barlen, SPD: Sehr gut!) Heute sieht man Soldatinnen und Soldaten als Staatsbürger in Uniform. Sie erfüllen eine besondere Aufgabe für die Gesellschaft, indem sie ihr Leben für den Staat einsetzen. Sie werden bürgerlich bestattet und an zentralen Gedenkorten geehrt. Es ist nun Aufgabe unserer Bürgergesellschaft, gemeinsam mit den über zehn Millionen Veteranen in der Bundesrepublik den Veteranentag zeitgemäß auszugestalten. Das als Vorrede zum Thema, denn es ist durchaus ein aktuelles Thema, aber die AfD hat, wie wir es jetzt schon öfter gehört haben, das doch anachronistisch aufgezogen, (Unruhe vonseiten der Fraktion der CDU) hier also historische Kriegerdenkmäler, insbesondere die des Ersten und Zweiten Weltkriegs. Diese Kriege und die Nachkriegszeit sind bis heute präsent im kulturellen Gedächtnis in Mecklenburg-Vorpommern, in Deutschland, in Europa, ja, der Welt. Ihre Folgen und Verluste sind so ziemlich Teil jeder Familiengeschichte. Dazu gehören Erfahrungen von Flucht und Vertreibung, Verlust von Familienangehörigen, Zwangsarbeit und Arbeitsdienst, seltener auch Widerstand gegen die Diktaturen, auch Feldpostbriefe und Ariernachweise kursieren noch – alles Zeugnisse von Krieg. Manche Familienforscherin entdeckt jüdische Wurzeln, die die Altvorderen nach dem Krieg aus tief sitzender Angst heraus verschwiegen und nicht mehr gepflegt haben. Andere leben in Häusern, die jüdischen Einwohnern gehört haben, die flohen oder deportiert wurden. Manche werden erst durch einen Stolperstein daran erinnert, dass in ihrem Haus ein Opfer von Gewaltherrschaft gelebt hat. Viele Orte in Mecklenburg-Vorpommern ereilte der Krieg erst, als der Weltkrieg schon vorbei war. Ein besonderes Beispiel ist sicherlich Demmin in meinem Wahlkreis. Hier wurde die Stadt nach dem Krieg zu 70 Prozent verbrannt und hier sind über 1.000 Menschen dokumentiert, die sich aus Angst vor Rache oder aus Ideologie heraus selbst umgebracht haben. (Zuruf von Thore Stein, AfD) Lange konnte man hier, wo früher die DDR war, darüber nicht sprechen. Hier bedeutete Befreiung aus der nationalsozialistischen Diktatur, dass die Herrschaft einer gewalttätigen Besatzungsarmee begann. Das beruhigte sich dann zwar, aber es wurde gefolgt von der SED-Diktatur mit ihren Blockflötenparteien. Hier haben viele Menschen Unrecht vonseiten des Staates erfahren. Und selbst noch nach der friedlichen Revolution, als das zwischenzeitlich an die Leute verteilte Bodenreformland wieder neu verteilt wurde, hatte das finanzielle Konsequenzen für die Häuslebauer aus der DDR. Sie mussten nun vielerorts ihre Grundstücke kaufen und sich auf Jahre verschulden, als würde die Nachkriegszeit einfach nicht aufhören und kein Ende nehmen. In der DDR wollte man einen Schlussstrich unter die Kriegsverherrlichung des Nationalsozialismus ziehen. Viele Kriegerdenkmäler für den Ersten Weltkrieg wurden zerstört und abgeräumt, manche als Mahnmal für die Opfer des Faschismus umgewidmet. Über die Gräueltaten der sowjetischen Besatzungsarmee durfte erst mal nicht öffentlich gesprochen werden. Die Erinnerungen an die Opfer des NKWD-Terrors, der in der sowjetischen Besatzungszone herrschte, davon werden erst langsam aus den Archiven und den verstaubten Ecken der Heimatstuben die Informationen dazu ans Licht geholt. Noch leben Zeitzeugen, noch können Menschen berichten. Da, wo man meint, einfach einen Schlussstrich unter die Geschichte ziehen zu können, suchen sich die alten, miesen Ideologien auch immer wieder ihren Weg. Das blitzt dann auf, zum Beispiel, wenn man im ländlichen Raum bei uns unterwegs ist. Und dass Leute, die als Kinder aus den ehemaligen deutschen Gebieten im Osten geflüchtet sind, dort ihre Heimat gefunden haben, dort eigentlich, weiß ich nicht, 80, 70/80 Jahre schon leben, immer noch sich selbst als Flüchtlinge und Zugezogene verstehen und ihre Kinder sich auch noch nicht so richtig zugehörig fühlen, das ist alte und neue Fremdenfeindlichkeit, wenn auch nicht nur gegenüber Menschen aus dem Ausland, aber so richtig redet man darüber auch nicht. Es gibt in unserem Land meines Wissens auch nur einen offiziellen Gedenkort für Flucht und Vertreibung, und zwar beim Wolhynier Umsiedlermuseum in Linstow. Und auch nur wenige Museen thematisieren Flucht und Vertreibung – oder wie es in der DDR hieß, Umsiedlung – so ausführlich mit Zeitzeugenberichten wie zum Beispiel „Uns lütt Museum“ in Dargun oder das Bützower Heimatmuseum im Krummen Haus. Aber ich war auch noch nicht in jedem Museum im Land. Das sind jedenfalls Orte, wo man darüber sprechen kann. Die Erfahrungen von Flucht, Vertreibung, von Ankommen, von Willkommen und Nichtwillkommen – das ist heilsam, drüber zu reden, und zwar für alle: für die, die fliehen mussten, aber auch für die, die es aushalten mussten, mit Fremden zusammenzuleben. Und an vielen Orten gibt es keine Gesprächsmöglichkeiten und niemanden, der an Krieg und seine Folgen vor Ort erinnert. Museen und Heimatstuben können solche Orte sein. Aber sie müssen eben auch unterstützt werden. Und so manchen Gemeindevertretern und so manchen Bürgermeistern fehlt der Sinn dafür, dass man auch in Personen und Räume investieren muss, die das Gespräch und den Austausch auch organisieren, und zwar fachgerecht. Die Partnerschaften für Demokratie ermöglichen das, sie sind seit Kurzem ein recht junger Segen in Demmin. In Rostock konnten das die CDU-Abgeordneten zum Glück nicht verhindern. In diesem Fall muss man wohl sagen: Gott sei Dank! (Zuruf von Marc Reinhardt, CDU) Gedenken an die dunklen Kapitel der Geschichte ist Teil der lokalen Erinnerungsaufgabe (Zuruf von Sebastian Ehlers, CDU) und Teil der Bürgergesellschaft in den einzelnen Orten. Das haben eigentlich die demokratischen Vertreter doch hier alle schon … Da sind wir uns, glaube ich, einig. Dafür sind zuallererst die Bürgerinnen und Bürger, die Einwohnerinnen und Einwohner vor Ort gemeinsam verantwortlich. Und sie nehmen das auch redlich und ernsthaft wahr. Und Sie haben jetzt schon gemerkt, ich habe das Thema von hinten aufgezäumt, und zwar sehr bewusst. „Zeichen von Krieg und Frieden“ in der Kulturlandschaft, das hat der „Bund Heimat und Umwelt in Deutschland“ mit seinen Mitgliedsverbänden, darunter auch der „Heimatverband Mecklenburg-Vorpommern“ als Kulturdenkmal des Jahres ausgerufen. Also auch das ist ein aktueller Anknüpfungspunkt, ein bundesweites Thema. Damit nimmt die demokratische Heimatbewegung in Deutschland das Jahresthema der Europäischen Landschaftsdekade „landscapes of conflict and peace“ auf. Das wird vom Verband CIVILSCAPE auf europäischer Ebene koordiniert. Partner ist der „Volksbund Kriegsgräberfürsorge“ in Deutschland, der in Mecklenburg-Vorpommern gemeinsam mit dem Heimatverband jeweils ein Kriegsdenkmal des Jahres beschreibt und damit auf das Thema aufmerksam macht. Mit der Aktion „Zeichen von Krieg und Frieden“ in der Kulturlandschaft machen die Heimatverbände vor allem auf das Engagement der Leute vor Ort aufmerksam, die sich für solche Gedenkorte und für das immaterielle Gedenken wie für den Volkstrauertag engagieren. Und sie fassen diese Zeichen von Krieg und Frieden ganz breit auf, auch das haben wir heute schon gehört an vielen Beispielen. Also es soll nicht nur um Kriegerdenkmäler aus der Zwischenkriegszeit gehen, da, wo sich die demokratischen Bürger und Heimatengagierten einsetzen. Das ist eine große Vielfalt: von Varusschlacht über Napoleonische Kriege, Befreiungskriege, wie sie ja auch heißen, Dreißigjähriger Krieg, ehemalige Schlachtfelder, wie zum Beispiel das bei Gadebusch, Grenzbefestigungen von Limes bis Grünes Band, Bunker, Kasernen, Appellplätze, Kriegsgefangenenlager, Konzentrationslager und Strecken von Todesmärschen. Auch hier finde ich es sehr erwähnenswert, gerade dieser Todesmarsch zum KZ in Wöbbelin wird von einer Frau gepflegt. Ich kenne ihren Namen gar nicht, aber sie will auch gar nicht erwähnt werden. Die geht einfach hin, und da ist immer diese Gedenkstätte, und sie pflegt dort Blumenrabatten und hält das alles in Ordnung, weil es ihr wichtig ist, dass es gut aussieht. Auch Flugplätze haben eine Bedeutung. Mein Wahlkreis Tutow wäre zum Beispiel so ein Ort. Dazu gehören eben auch Gedenkorte für Frieden, Mahnmale für die Opfer von Faschismus, Stalinismus und DDR-Diktatur, genauso wie die Gräber von Soldaten und Kriegsgefangenen auch aus Kriegen der vergangenen Jahrhunderte. Nicht zu vergessen, die Erinnerung an die friedliche Revolution und Wiedervereinigung, ob nun der Gedenkort in Waren oder der Gedenkstein der Mecklenburgischen Landsmannschaft hier vor unserem Landtagsgebäude. Nicht zu vergessen ist auch das Gedenken an den Widerstand, das ist mir noch einmal besonders wichtig, weil so viel war es nicht, aber es zeigt zumindest auf, das war möglich, das ist ein Vorbild, das kann man nachahmen, das sind die eigentlichen Helden. Hier möchte ich exemplarisch das Teehaus in Klein Trebbow, die Denkstätte Trebbow erwähnen, wo an die mutigen Offiziere erinnert wird, die das Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 unternommen haben. Es jährt sich dieses Jahr zum 80. Mal. Der frühere Gutsherr dort war daran beteiligt. Aber auch so was Immaterielles wie die Preise, wie der Stelling-Preis, die die SPD Landtagsfraktion herausgibt und an Widerstand in der NS-Diktatur erinnert, nämlich an den Sozialdemokraten und Mitbegründer des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, Johannes Stelling. Aber nun zurück zu den Kriegerdenkmälern, zu diesem kleinen Teil von diesem großen Thema, für das sich Bürger engagieren, was Sie jetzt hier aufgerufen haben: Sie wurden in der Kaiserzeit in der Weimarer Republik von Heimat- und Kriegervereinen in ihrer Zeit gebaut und gepflegt in Gedenken an ihre Kameraden. Und das war damals schon Bürgeraufgabe und wird heute eben auch so wahrgenommen. Eine Herausforderung, weil Sie das auch immer wieder betont haben, der Herausgabe von diesen Namenslisten ist – auch das haben einige Projekte gezeigt –, dass nicht alle Gefallenen des Zweiten Weltkrieges eben einfache Soldaten waren. Unter ihnen waren auch SA- und SS-Offiziere. Auch ihrer sollte anders gedacht werden als den Soldaten, auch das muss man bedenken. Verschiedene Generationen müssen jeweils neu aushandeln und entscheiden, wie sie sich an Krieg und Frieden, Diktatur und Widerstand erinnern möchten. Das kann auch bedeuten, ein Denkmal umzusetzen, wiederaufzurichten, zu verändern, zu zerstören oder zerstört zu lassen, umzuversetzen und neue Gedenkorte zu errichten. Darüber müssen die Bürgerinnen und Bürger vor Ort miteinander verhandeln und das entscheiden. Und das passiert eben auch. Deswegen, ein staatliches Förderinstrument ist da nicht nötig, wahrscheinlich sogar kontraproduktiv. Der Veteranentag am 15. Juni, den gilt es jetzt als Bürgerinnen und Bürger gesellschaftlich neu zu gestalten, und zwar nicht rückwärtsgewandt, orientiert an den alten Heldenverehrungen der Zwischenkriegszeit, sondern orientiert an Mahnung und Frieden für alle. – Vielen Dank! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE)

Alle Reden von Dr. Anna-Konstanze Schröder Protokoll ↗