Stefanie Drese
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Mehr als vier Jahre ist es nun schon her, dass die Corona-Pandemie in Deutschland mit voller Wucht Einzug gehalten hat. Auch wenn sich die Lebensumstände glücklicherweise wieder normalisiert haben, werden uns die Nachwirkungen noch lange beschäftigen, unter anderem deshalb, weil viele Menschen mit Langzeitfolgen einer oder mehrerer Corona-Infektionen zu kämpfen haben. Sie leiden unter Schlappheit, Kreislaufproblemen, schneller Erschöpfung oder Konzentrationsschwäche. Diese Spätfolgen einer Infektion hat die Weltgesundheitsorganisation bereits weit vor der Corona-Pandemie im Jahr 1969 unter der Diagnose ME/CFS gelistet. Aufgeführt wird im Zusammenhang mit der Krankheit auch das Chronische Fatigue Syndrom. Inzwischen zählen zu den Auslösern von ME/CFS allerdings nicht nur das Pfeiffersche Drüsenfieber, eine Hirnhautentzündung nach Zeckenbiss oder Hepatitis, sondern eben auch das Corona-Virus. Die Symptome können schwerwiegende Auswirkungen auf das gesamte Leben der Erkrankten haben. Unser Mitgefühl – ich denke, hier kann auch ich noch einmal für alle sprechen – gilt allen Betroffenen und ihren Angehörigen, unabhängig davon, wodurch das Krankheitsbild ausgelöst wurde. Die hohe Zahl an Infektionen hat besonders in der ersten Welle zu vielen neuen Fällen von Long Covid geführt. Leider ist es so, dass bis heute keine vollständige Heilung möglich ist. Dennoch hat die Anzahl der Fälle oder der Anstieg der Fälle durch die Corona-Pandemie dazu geführt, dass die Wissenschaft weltweit mit Hochdruck nach Medikamenten und wirksamen Therapien forscht. Auch die Gesundheitspolitik auf Länder- und Bundesebene setzt sich schwerpunktmäßig für die bessere Versorgung ein. So hat das Land Mecklenburg-Vorpommern frühzeitig beträchtliche Mittel für Versorgung und Forschung von Long-Covid-Patientinnen und -Patienten bereitgestellt. Insgesamt 3 Millionen Euro dienten für den Aufbau und den Betrieb von zwei Spezialambulanzen an den Universitätsmedizinen zur Realisierung neuer Forschungsprojekte sowie zur Unterstützung des Long-Covid-Instituts in Rostock. Wie Ihnen aus den Medien sicherlich bereits bekannt ist, wird Frau Dr. Frommhold ihre Arbeit im Institut nicht fortsetzen. Das ist bedauerlich, aber das Land setzt sich dafür ein, das Versorgungssystem dennoch zu stärken. Wir hoffen, dass auch die Expertise von Jördis Frommhold in Mecklenburg-Vorpommern erhalten bleibt. Hierüber sind wir mit ihr im Gespräch. An dieser Stelle möchte ich betonen, dass wir das Glück haben, von einem großen Netzwerk an renommierten Medizinerinnen und Medizinern im Land zu profitieren. So gewann zum Beispiel das Team um Professor Greinacher von der Universitätsmedizin Greifswald 2022 den Preis der Deutschen Hochschulmedizin für seine Forschung zu Nebenwirkungen der Corona-Impfung. Mit Unterstützung der Landesregierung arbeitet Herr Professor Reisinger in Zusammenarbeit mit Frau Professor Steinmetz, Universitätsmedizin Rostock und Universitätsmedizin Greifswald, unter anderem an der Weiterentwicklung der Diagnostik und Verbesserung der Therapiemöglichkeiten für Post- und Long-Covid-Betroffene. Herr Professor Jörn Bullerdiek, Institut für Humangenetik der UMR, ist im Vorstand des Ärzte- und Ärztinnenverbandes Long Covid. Im Netzwerk Unimedizin ist die Universitätsmedizin Rostock an Dateninfrastruktur- und Forschungsprojekten im Rahmen des Netzwerks aller Universitätsmedizinen Deutschlands beteiligt. Es bedarf natürlich aber vor allem auch auf Bundesebene und international weiterer Anstrengungen, um die Versorgung der Betroffenen langfristig zu verbessern. Ich begrüße es daher sehr, dass der Bund mit der Einberufung des Runden Tisches Long COVID im regelmäßigen Austausch mit Expertinnen und Experten steht, um den Ausbau der Versorgung und Forschung zu beschleunigen. Im Anschluss an die dritte Sitzung des Runden Tisches teilte das Bundesgesundheitsministerium mit, dass 81 Millionen Euro für Versorgungsforschung und Vernetzung sowie 52 Millionen Euro für Maßnahmen zur Verbesserung der Versorgung von Kindern und Jugendlichen, die an Long Covid erkrankt sind, zur Verfügung gestellt werden. Damit nimmt Deutschland europaweit einen Spitzenplatz ein. Erfreulicherweise hat der Gemeinsame Bundesausschuss nun auch eine Richtlinie zur Behandlung von Long-Covid-Patientinnen und -Patienten herausgegeben. Das habe ich seit Langem immer wieder gefordert. Diese Richtlinie wird künftig als rechtsverbindliche Grundlage für die vertragsärztliche Versorgung gelten. Sie sieht eine gestufte Versorgung von Haus- und Fachärzten vor. Falls Sie jetzt denken, das wird auch Zeit, kann ich Ihnen insofern zustimmen, dass die einheitliche Richtlinie eine zügige und bedarfsgerechte Versorgung stärken wird. Ich möchte jedoch auch darauf hinweisen, dass bereits jetzt Hunderte von Ärztinnen und Ärzten im Land Patientinnen und Patienten mit den zuvor beschriebenen Krankheitssymptomen behandeln. Allein im letzten Quartal des Jahres 23 haben in Mecklenburg-Vorpommern 940 Haus- und Fachärzte Patientinnen und Patienten mit ME/CFS versorgt. Nicht eingeschlossen sind hier die über 40 wöchentlichen Behandlungen in den Spezialambulanzen in den Unimedizinen. Es ist also ganz und gar nicht so, wie die FDP in ihrem Antrag titelt, dass irgendjemand alleingelassen wird, ganz im Gegenteil. Diese Zahl hat uns übrigens unter anderem die Kassenärztliche Vereinigung zur Verfügung gestellt, mit der das Gesundheitsministerium in engem Kontakt zu Long Covid steht. (Zuruf von Jens-Holger Schneider, AfD) Gleiches gilt für die Ärztekammer und die Unimedizinen. Als Landesregierung werden wir diesen Austausch mit Akteuren aus der Wissenschaft, den Krankenhäusern, der Selbstverwaltung sowie mit anderen Interessensvertretungen und Betroffeneninitiativen auch weiterhin pflegen, um zu schauen, wie wir die Long-Covid-Versorgung künftig noch besser gestalten können. Das Thema Aus- und Fortbildung steht dabei natürlich ganz oben auf der Agenda. Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, eine intensive Auseinandersetzung mit der Thematik „ME/CFS, Long Covid und dem Post-Vac-Syndrom“ ist absolut notwendig und angebracht. Das Land setzt sich deshalb ausdrücklich für eine gute Gesundheitsversorgung der Betroffenen ein. Was uns von meiner Seite aus nicht helfen wird, ist, wenn wir eine emotionale Debatte der sachlichen Ebene vorziehen. Denn bei allem Verständnis für die Ungeduld dürfen wir nicht vergessen, dass wir medizinischen Fortschritt nicht erzwingen können. Es wird wahrscheinlich in absehbarer Zeit nicht die eine Behandlung und das eine Medikament gegen dieses vielseitige Krankheitsbild geben. Danken möchte ich abschließend der Spitzenmedizin im Land für Ihre Forschung und therapeutischen Ansätze in diesem Bereich und natürlich den Haus- und Fachärztinnen und -ärzten und den Pflegenden, die dazu beitragen, die Patientinnen und Patienten, solange keine Heilung möglich ist, bestmöglich zu begleiten. – Vielen Dank! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE)
