Dr. Harald Terpe
Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Es ist ja gesagt worden, was FASD ist. Und wir haben, glaube ich, ein nach wie vor bestehendes Aufklärungsproblem, aber wir haben natürlich auch ein Zuordnungsproblem. Die FDP hat eine Kleine Anfrage gestellt vor einiger Zeit – ist auch beantwortet worden, die Anfrage –, und da heißt es, 2020 und 21 gab es in Mecklenburg-Vorpommern insgesamt eine Diagnose von Alkoholembryopathie, nämlich eine einzige. Und das ist auch ein Teil des Problems, wir haben in der internationalen Klassifikation der Krankheiten nach wie vor diesen alten Begriff „Alkoholembryopathie“, die einherging damals mit Dysmorphie im Gesicht. Die Leute haben also gesagt, das erkenne ich auf Anhieb, ja. Aber das ist heute nicht das, was wir insgesamt unter Alkoholspektrumstörungen verstehen, weil da ein viel umfangreicheres Schädigungsbild uns sozusagen durch die Betroffenen präsentiert wird. Das können Verhaltensauffälligkeiten sein. Ich glaube, die Kollegin Klingohr hat das gemeint mit ihrem Kind da in der Kindertagesstätte – das sieht sicherlich nicht dysmorph im Gesicht aus, sondern hat eben Auffälligkeiten. Das sind Verhaltensauffälligkeiten, das sind manchmal Depressionen, also ein ganz unterschiedliches Bild. Und deswegen kann man auch davon ausgehen, dass unter Umständen sogar eine Dunkelziffer noch sein kann, weil nicht jedes Kind sozusagen diagnostiziert werden kann. Sie müssen sich das so vorstellen, dass eine Diagnose zu dieser Alkoholspektrumstörung ganz wesentlich durch die Anamnese geprägt wird, das heißt also, es wird bei bestehenden, meinetwegen in Behandlung befindlichen oder in Beratungsstellen befindlichen Kindern oder auch in der psychiatrischen Institutsambulanz auffallenden Kindern, wird nachträglich geguckt, hat es da Alkoholkonsum in der Schwangerschaft gegeben. Also es gibt per se nach der Geburt keine, sagen wir mal, Laboruntersuchung oder was man sonst so untersuchen kann in der Medizin, die einem sagt, also da liegt eine Alkoholspektrumstörung vor, ohne dass man vorher oder ohne dass man dann dazu die Anamnese gemacht hat. Ich habe das deswegen so ein bisschen umfangreicher ausgeführt, weil man ja schon sehen kann, wir haben – durch internationale Studien und auch durch deutsche Studien belegt – einen Wert von diesen 10.000, ja, die pro Jahr mit so einer Spektrumstörung zur Welt kommen, möglicherweise sind es ein paar mehr, weil Dunkelziffer kann sein, und wenn man das runterrechnen würde auf Mecklenburg-Vorpommern, müssten wir in der Tat 160 bis 200 Kinder pro Jahr haben, die dazukommen. Und wenn die Ministerin sagt, 2022 haben sich 23 Frauen … Habe ich das richtig jetzt, ich weiß nicht, ist sie da? (Torsten Koplin, DIE LINKE: 22, ja. 22.) Aber ich glaube, sie hat von 23 Frauen gesprochen, die mit Alkoholkindern oder so in die Beratungsstellen gegangen sind. Dann weiß man, wie gering im Grunde die auf…, also die aufgedeckte Zahl ist beziehungsweise wie viele Frauen und Kinder sich der Beratung, sozusagen nicht entziehen, aber vielleicht da gar nicht auftauchen. Also natürlich haben wir ein erhebliches Problem. Man muss aber auch sagen, dass der FDP-Antrag ja nicht jetzt per se das Thema aufgemacht hat, sind unsere Beratungsstellen für die Fälle, wo es schon in den Brunnen gefallen ist – das Problem oder das Kind –, ausreichend, sondern gerade nach der Prävention gefragt hat, (David Wulff, FDP: Sehr gut erkannt.) nämlich, wie. Ne, also das ist manchmal auffällig, dass wir über alles Mögliche reden, aber speziell ist hier der Fall „Prävention“ gefragt: (Beifall vonseiten der Fraktion der FDP) Sind da sozusagen die Strukturen auskömmlich? Und da wird man sicherlich sagen, es gibt erstens unterschiedliche Ansatzpunkte bei der Sache, nicht. Wir haben deutschlandweit ja die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, wo immer mal wieder – und ich glaube, wir haben auch für andere Krankheiten schon auch gute Aufklärungskampagnen –, aber wir müssen uns fragen, kommt das wirklich da an. Und deswegen ist es richtig, auch zu sagen, haben wir eine Möglichkeit, in den Schulen etwas zu machen. Ich weiß das von meinen Kindern, dass dort im Rahmen von Projektwochen solche Themen tatsächlich auch behandelt werden. Und das ist auch richtig so! Wir haben – und das ist richtigerweise auch angesprochen worden – das System der Familienhebammen. Und da geht es nicht darum, dass die betroffenen, möglicherweise betroffenen Frauen sozusagen dort hingehen, sondern da gehen die Hebammen in die Familien. Das ist die sogenannte aufsuchende Hilfe. Und wir müssen uns darum kümmern, dass die Problem-, möglicherweise Problemschwangerschaften oder „Problemfrauen“ mit, sozusagen, dann auch gefunden werden, wo man aufsuchen kann – Familienberatung, gynäkologische Beratung –, ist alles genannt worden. Und ich sage mal aus meiner eigenen Erfahrung, es hat sich in der deutschen Gesellschaft bei diesem Thema auch eine ganze Menge getan. Ich verfüge ja doch schon über eine längere Lebenserwartung, (Zurufe aus dem Plenum: Erwartung?) und dass der Alkoholgenuss, (Unruhe vonseiten der Fraktion der SPD) der Alkoholgenuss in der Schwangerschaft ist in den vorangegangenen Generationen nicht thematisiert worden, weil man es nicht wusste. (Horst Förster, AfD: Genau.) Und natürlich ist es so: Der beste Schutz ist kein Alkohol in der Schwangerschaft! Und das müssen wir festhalten, dafür können wir uns alle engagieren. In unseren Familien können wir uns engagieren, im Umfeld, im Bekanntenkreis, dass man tatsächlich darauf hinwirkt: Alkohol ist ein Tabu in der Schwangerschaft, wenn man nicht dieses Risiko eingehen will! Ich weiß, dass das in meiner Familie gut klappt. Ich glaube, es klappt in vielen Familien gut. Aber es gibt eben diese Gruppe – und wir haben gesagt, 160 bis 200 Frauen, sozusagen mit Kindern –, die dafür in Betracht kommen. Und dann wissen wir, wir machen, wir können noch, oder wir haben noch nicht genug gemacht. (Christine Klingohr, SPD: Stimmt.) Also, alle Kraft in die Prävention, damit das Kind gar nicht erst in den Brunnen fallen kann! – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, CDU, DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und FDP)
