Christian Brade
Das kann ich euch erzählen! Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren Abgeordnete! Die Bundesjugendspiele erhalten einen neuen Anstrich und werden zu diesem Schuljahr ihr verstaubtes Gewand ablegen, denn mehr als 70 Jahre ist es her, als die ersten Bundesjugendspiele 1951 stattfanden und es damals hieß, der Wettbewerb solle das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit erwecken und frohen Wettkampfgeist anregen. Dass das längst nicht mehr der Fall ist, sehen wir Jahr um Jahr. Erst 2015 haben mehr als 25.000 Menschen eine Petition unterschrieben, die Bundesjugendspiele gar ganz abzuschaffen, und das sicher nicht, weil sie das gesellschaftliche Leistungsprinzip oder den Sport so verabscheuen. Es lag schlichtweg an negativen persönlichen Erfahrungen, die über Enttäuschungen hinausgehen und in Demotivation und Demütigung münden. Nichts anderes möchte das 2021 beschlossene Reförmchen im Rahmen der Bundesjugendspiele angehen, ein positives und zeitgemäßes Bild unseres Sportes zu zeigen. Wir reden heute darüber, dass die Leistungen unserer Grundschulkinder nicht mehr zentimetergenau und sekundengenau abgemessen werden sollen, oder auch, dass nun eine Urkunde mit der Bewertungsnote „gekonnt“ beziehungsweise „nicht gekonnt“ entfallen und stattdessen durch motivierende Worte auf jener ersetzt werden. „Eine Nummer kleiner, bitte!“, Herr Waldmüller, titelte der Chefredakteur der „Schweriner Volkszeitung“ passend zu Ihrem Antrag. Und ich gebe ihm recht, weil aus einem Wettkampf ein Wettbewerb wird, um ein motorisch vielseitigeres, kindgemäßeres und entwicklungsorientiertes Format zu schaffen, wird der gesellschaftliche Leistungsgedanke nicht weiter abgeschafft. Die Kinder messen sich nach wie vor untereinander, und für normal leistungsorientierte Schülerinnen und Schüler gibt es Wettbewerbe wie „Jugend trainiert für Olympia“, die meiner Meinung nach ein klasse Format sind und die Schulgemeinschaft befördern. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE) Und apropos Olympia: Zuletzt hat Team Deutschland tatsächlich bei internationalen Wettkämpfen den Anschluss an die Spitze nicht mehr ganz halten können. (Heiterkeit bei Thomas de Jesus Fernandes, AfD: Ja, null!) Ob man das nun am Fußball festmachen möchte, wie Sie das tun, Herr Waldmüller, aber wahrscheinlich ist das die weiß-blaue Brille, das will ich nicht weiter bewerten, unsere Bundesjugendspiele in alter Manier aber aufleben zu lassen, wird meiner Einschätzung nach keine sportlichen Spitzenerfolge bei den nächsten Leichtathletikweltmeisterschaften bringen. Und wenn man die von diesem Jahr betrachtet und sich die Ergebnisse, zum Beispiel beim Speerwurf, ansieht, dann kann man darüber nachdenken, ob der verpatzte Podiumsplatz von Julian Weber die Ursache in den Bundesjugendspielen findet oder ob der Sieger Neeraj Chopra aus Indien einfach die besseren Trainingsmethoden, (Unruhe vonseiten der Fraktion der CDU – Zuruf von Thomas de Jesus Fernandes, AfD) die besseren Trainingsbedingungen oder vielleicht die besseren Trainer hatte. (Zuruf von Harry Glawe, CDU) Soweit ich weiß, wurde der Inder vom 100-Meter-Werfer Uwe Hohn und von Klaus Bartonietz trainiert. Viele von uns aus der ehemaligen DDR werden sich an die Herren deutlich erinnern. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, DIE LINKE und Minister Dr. Till Backhaus) Und dann kann man doch mal fragen, ob die Rahmenbedingungen für Trainer im deutschen Spitzensport so noch stimmen. Um bei Olympia oder Weltmeisterschaften zu punkten, müssen wir viel stärker unsere Olympiastützpunkte priorisieren und den Amateur- und Vereinssport unterstützen, (Unruhe vonseiten der Fraktion der CDU – Zuruf von Harry Glawe, CDU) um gerade in ländlichen Räumen weitere Angebote und Chancen im Breitensport zu schaffen. (Zuruf von Torsten Renz, CDU) Herr Renz, ich habe Sie jetzt nicht so genau verstanden. Ein bisschen lauter bitte! (Zuruf von Torsten Renz, CDU) So, das drückt sich unter anderem auch in unserem Haushalt für das kommende Jahr aus. Der Festbetrag nach dem … (Heiterkeit bei Torsten Renz, CDU: Oh, jetzt kommen die Erfolge der SPD aus den letzten 25 Jahren.) Oh, das ist schön! Vielen Dank, Herr Renz, dass Sie mir die Möglichkeit geben, (Heiterkeit vonseiten der Fraktionen der SPD und CDU) hier weiter auszuführen! Sie sind sehr freundlich. Danke! Also der Festbetrag nach dem Sportfördergesetz wird um fast 1 Million Euro angehoben und auf 12.840.700 Euro festgesetzt werden. Von der Steigerung entfallen allein 500.000 Euro auf die Finanzierung hauptamtlicher Stellen im Sport. (Heiterkeit und Zuruf von Torsten Renz, CDU) Nun aber zurück zu Ihrem Antrag, Herr Renz, … Danke für den Hinweis! … und Ihrem Verständnis der Bundesjugendspiele. Sie möchten den Umgang mit Erfolgen und Niederlagen früh fördern, was ich außerordentlich begrüße. Aus Niederlagen kann man lernen und sie können ein Ansporn sein, sich weiterzuentwickeln. Das sehen wir stets an den Wochenenden auf den Sportplätzen und Vereinen dieser Welt. Daher werden wir das Landesprogramm „Gemeinsam Sport in Schule und Verein“ für die kommenden Jahre auf 380.000 Euro aufstocken, (Julian Barlen, SPD: Sehr gut!) um genau das zu erreichen, was Sie fordern: mehr Bewegung, vielseitigere Angebote (Unruhe vonseiten der Fraktion der CDU) und ein sportlicher Leistungsgedanke. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE – Julian Barlen, SPD: Sehr gut! So geht das.) Und die Vereine sind dabei die richtige Anlaufstelle. Im Zusammenwirken mit den Schulen schaffen wir nachhaltige sportliche Angebote für unsere Kinder. Doch Niederlagen können in Ernüchterung und Demütigung umschlagen und den Weg in den Sport nachhaltig erschweren. Diese Erkenntnis ging aus den Bundesjugendspielen hervor, die, wenn wir uns ehrlich machen, doch in unserem Bundesland gar keine herausragende Rolle spielen. Ich habe gerade mit dem Bürgermeister von Parchim gesprochen, (Zuruf von Torsten Renz, CDU) ehemaliger Sportlehrer, Bundesjugendspiele steht da nicht so im Fokus. Ich habe mit meiner Frau gesprochen, ihres Zeichens Sportlehrerin: Bundesjugendspiele, ja, das ist verpflichtend, aber so doll ist das eigentlich auch nicht. (Zuruf von Torsten Renz, CDU) Ich will damit sagen, die Welle der Bundesjugendspiele ist leider vom Westen nicht in den Osten geschwappt. (Unruhe vonseiten der Fraktion der CDU – Zuruf von Torsten Renz, CDU – Glocke der Vizepräsidentin – Torsten Renz, CDU: Wie motivieren Sie das?)
