Hannes Damm
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Abgeordnete der demokratischen Fraktionen! Auf den ersten Blick scheint alles richtig an diesem Antrag. 2024 wird Fritz Reuter seit 150 Jahren verstummt sein, halb so alt wird dann das ihm gewidmete Literaturmuseum in Stavenhagen sein und ebenso lange trägt dieser sein Geburtsort den tourismusträchtigen Beinamen „Reuterstadt“. Korrekt ist auch, dass Fritz Reuter nicht nur das Niederdeutsche als Literatursprache prägte, sondern in seinem Werk wie Leben auch Demokrat und Revolutionär war. Ich kann der Koalition nur zustimmen, dass all das, Zitat, „nur wenig … bekannt“ ist und, Zitat, „landespolitisch … der Bedeutung seines Werkes“ und seinem politischen Engagement „noch zu wenig Gewicht“ beigemessen wird. Völlig richtig. Deshalb sind wir sehr geneigt zuzustimmen, wenn die Koalition die Landesregierung nun auffordern will, ihr jahrzehntelanges Versäumnis bis zum Jahreswechsel doch wiedergutzumachen. Leider fehlt dem Antrag jedoch völlig jede angemessen kritische Auseinandersetzung mit den Werken Reuters, (Zuruf von Enrico Schult, AfD) der in seinen Schriften auch mehrfach antijüdische Klischees und frühantisemitische Stereotype bediente. Wer Reuter würdigen will, muss auch sein Werk historischkritisch in den damaligen Kontexten betrachten. Gewiss zeichnet Fritz Reuter Juden in den gesellschaftlich zugewiesenen Rollenbildern seiner Zeit und gewiss kommt Onkel Bräsig mindestens so kauzig daher wie sein jüdischer Reisebegleiter. Aber wir dürfen von Reuters Freundeln mit den jüdischen Milieus nicht schweigen. In „As du mi, so ick di“ bekommen zwei Fahrleute die Gelegenheit, jeweils den jüdischen Auftraggeber beziehungsweise Fahrgast des anderen zu verprügeln, so nur eines der zahlreichen Beispiele neben „Langnasen“ und „Judengeiz“. Zu einer geschichtsbewussten Erinnerung in der heutigen Zeit gehört diese Einordnung aber dringend dazu, und ich muss ehrlich sagen, dass ich sie in der heute geradezu euphorischen Debatte schmerzlich vermisst habe. Und wo wir schon bei Geschichte und Jahrestagen sind, die SPD feiert gerade schon ein Vierteljahrhundert Regierungsführung im Land, DIE LINKE ist immerhin schon das zweite Mal dabei. Da wäre durchaus schon früher, zum 125. Todestag 1999 oder zum 200. Geburtstag 2010 oder ganz ohne Jubelfest, reichlich Gelegenheit gewesen, Fritz Reuter angemessen zu würdigen, (Zuruf von Enrico Schult, AfD) aber auch, sich mit seinem Werk auseinanderzusetzen. Allerdings bleiben die Aufforderungen unter II für solche Ansprüche dann doch deutlich unter den Lippenbekenntnissen der Feststellungen unter I. Ich zitiere nochmals aus dem Antrag: „öffentlichkeitswirksam zu begleiten und zu würdigen“, „noch mehr in die öffentliche Wahrnehmung zu bringen“, „im Land und über die Landesgrenzen hinaus unter anderem“ so und so „bekanntzumachen“, und das alles, ich zitiere erneut, „im Rahmen der vorhandenen Haushaltsmittel“. Mehr Inhalt steht da leider nicht. Und was heißt das nun konkret? Denn selbst im Haushalt fürs Jubiläumsjahr Fritz Reuter: Fehlanzeige. Mit derart leeren Worten verpflichten Antragstellerin und Mitvotierende diese Landesregierung zu einer Menge von überhaupt gar nichts. Wie viel Gewicht misst die Koalition dem Jubilar denn nun wirklich bei? Offenbar nicht mehr als vorher, gemessen am Antrag jedenfalls weiterhin viel zu wenig. Wer Fritz Reuter über den Anlass hinaus zugänglich machen will, muss immer in einer reflektierten Art und Weise seinen revolutionären Blick einnehmen und auf die Gegenwart richten, muss seine demokratischen Ansätze bis in unsere Zeit weitertragen, muss sein poetisches Denken und Sprechen im Mecklenburger Platt nicht bloß in einem kulturhistorischen Strohfeuer zum Jahrestag vermarkten, sondern über die Generationen hinweg hörbar und verständlich halten, so, wie das Harald Ringstorff noch tat, so, wie es die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen will, so, wie es auch in unserer Landesverfassung steht: „Das Land schützt und fördert die Pflege der niederdeutschen Sprache.“ Um den Verfassungsauftrag zu erfüllen, müsste das Fach Niederdeutsch an den Schulen weiter gestärkt werden und die Pädagog/-innenausbildung dafür attraktiver werden, etwa indem die Regionalsprache noch breiter angeboten wird und in dem Rang einer freiwilligen zweiten Fremdsprache aufgewertet wird. Stattdessen musste aber mit dem Gymnasium Crivitz eine von nur fünf Profilschulen im Land Niederdeutsch bis zum Abitur wieder aufgeben und am Gymnasium Demmin konnte Plattdeutsch im Abitur nur durch eine beherzte Petition vorläufig abgesichert werden. Vielen Dank den Petitierenden! Aber das ist für eine Landesregierung zu wenig. Um den Verfassungsauftrag zu erfüllen, bräuchten wir mehr Niederdeutsch im Alltag, gemeinsam mit Einzelhandel, Dienstleistung, Gesundheitsbranche oder Verwaltung. Doch von Kampagnen wie „Hier ward Platt schnackt!“ ist leider viel zu selten zu hören oder zu lesen. Das reicht so nicht. Um den Verfassungsauftrag zu erfüllen, wäre es notwendig, niederdeutsche Theater wie das ehrenamtliche Fritz-Reuter-Ensemble in Anklam oder die professionelle Fritz-Reuter-Bühne in Schwerin an ihren Standorten zu sichern und zu fördern, so, wie ihnen das zukommen sollte als immateriellem Kulturerbe der UNESCO. Stattdessen sind sie immer durch ein fehlendes Gewicht in der Kulturpolitik der Landesregierung gefährdet. Das wird dem Anspruch, den Ihr Antrag in dieser Frage unterstellt, einfach nicht gerecht. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Fritz Reuter zwar ganz sicher eine bedeutende historische Figur unseres Landes war, weshalb wir Ihren Antrag auch nicht ablehnen werden, für eine Zustimmung fehlt aber beinahe jede inhaltliche Substanz. Der Änderungsantrag der CDU versucht dann, zumindest ein paar konkrete Vorschläge zu machen, schießt aber aus unserer Sicht nicht nur am Ziel vorbei, sondern kann dem Ganzen leider auch nicht die aus unserer Sicht notwendige Tiefe geben, sodass wir diesem leider auch nicht zustimmen werden. Nur, wenn wir uns mit Fritz Reuter auseinandersetzen, können wir erkennen, dass er mit dem Versepos „Kein Hüsung“ sehr aktuelle Fluchtgründe beschrieb und in „Ut mine Festungstid“ ganz aktuell politische Unterdrückung, beides in einem vordemokratischen Mecklenburg der Gutsherren, wie es die AfD so gern zurückhätte (Heiterkeit vonseiten der Fraktion der AfD) und, statt sich an der Debatte hier inhaltlich zu beteiligen, (Enrico Schult, AfD: Jetzt wird es aber abenteuerlich!) auf Versprecher abstellt und weiterhin rumpöbelt. (Heiterkeit und Unruhe vonseiten der Fraktion der AfD – Zuruf von Stephan J. Reuken, AfD) Fritz Reuters Plattdeutsch taugt eben nicht zur heimattrunkenen Folklore, wie sie auch ein Mathias Brodkorb seinerzeit noch instrumentalisieren wollte. (Unruhe vonseiten der Fraktion der AfD) Als Minderheitensprache sollte sie für uns einen pluralistischen Heimatbegriff sensibilisieren und erschließen und uns mit Fritz Reuter und John Brinckmann zugleich unsere demokratischen Traditionen. Die Koalition hat Fritz Reuter und sein Niederdeutsch hier lediglich ein Kalenderblatt gewidmet, um es bald wieder herunterzureißen. Daher erübrigt sich aus unserer Sicht auch ein Änderungsantrag. Und was ist mit dem Ostpreußischen, das nach dem nationalsozialistischen Bevölkerungstausch 1945 die halbe Landbevölkerung sprach? (Enrico Schult, AfD: Das habe ich jetzt akustisch nicht verstanden. Können Sie das noch mal wiederholen?) Was wird aus dem Vietnamesischen, Russischen, Hocharabischen, dem Farsi, Paschtu und dem Ukrainischen, die uns heute noch bereichern? Da, wie gesagt, nicht wirklich etwas Falsches in dem Antrag steht, aber so vieles auch fehlt und er vor allem nichts bewirkt, wird sich meine Fraktion nur enthalten. Vallah, dat schwör ik. (Zuruf von Minister Dr. Till Backhaus)
