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Dr. Anna-Konstanze Schröder

SPD 09.11.2023 Sitzungen 8/67

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Fritz Reuter begegnet man in Mecklenburg-Vorpommern auf Schritt und Tritt: Fritz-Reuter-Schulen, Fritz-Reuter-Straßen, Fritz-Reuter-Bühne, Fritz-Reuter-Eichen, kürzlich in Warnemünde eine wiederentdeckt, auch Fritz-Reuter-Eichen, Fritz-Reuter-Torte in Grammentin, natürlich mit Baumkuchen dann, (Zuruf vonseiten der Fraktion der SPD: Sehr lecker!) Fritz-Reuter-Steine, Fritz-Reuter-Spiele, Fritz-Reuter-Café, Fritz-Reuter-Zirkel und wer weiß was noch so alles. (Torsten Koplin, DIE LINKE: Fritz-Reuter-Denkmal.) Ein Fritz-Reuter-Denkmal, genau, wunderbar. Wir können auch noch ein bisschen sammeln. Dann machen wir es interaktiv, warum nicht. (Zuruf von Patrick Dahlemann, SPD) Fritz-Reuter-Ensemble? Nein, ich meinte die Bühne. Genau! Also wie in Thüringen so mancher Gastwirt als Gag ein Schild aufhängt „Goethe war hier“, und dann, wenn man näherkommt, liest man ganz klein das „nicht“, so könnte man es eigentlich auch mit Fritz Reuter in Mecklenburg-Vorpommern halten. Und doch, wer mit Fritz Reuter und Plattdeutsch nichts zu tun hat, der denkt bei Reuter: Reuter, war das nicht dieser Couplet-Sänger aus Berlin? (Sebastian Ehlers, CDU: Fußballweltmeister.) Nein, der hieß Otto Reutter, eigentlich Pfützenreuter. Oder dieser Berliner Bürgermeister? Nee, Ernst Reuter, der Sozialdemokrat, war auch in der Nachkriegszeit aktiv, weit nach Reuters Zeiten. Also Fritz Reuter, der seinerzeit meistgelesene Autor und engagiert in der bürgerlichen Demokratiebewegung, Vormärz und in der 1848er-Bewegung, die ja in ganz Europa sich ereignete, eigentlicher Name Heinrich Ludwig Christian Friedrich Reuter, geboren 1810, gestorben 1874, vor 149 Jahren. Dazu kommen dann in Mecklenburg-Vorpommern Hotspots, wo er und sein Wirken besonders erkennbar sind. Ein paar Dinge haben wir ja schon gehört. In Stavenhagen ist er geboren, dort war er auch Delegierter für den Reformverein 1848. Dort steht sein Museum. Er war Student in Rostock, dort gibt es den Stadtteil Reutershagen. In Dömitz war er in Festungshaft, auch dort gibt es ein Museum. In Grabow findet man an jeder Ecke Skulpturen mit ihm und dem Bürgermeister Floerke, wie sie einen miteinander, wie würde man sagen, einen lüpfen. Also das sagte ja Frau Hoffmeister schon, er war dem Wein nicht abgeneigt. In Altentreptow wurde er preußischer Staatsbürger, denn das ist ja schon in Vorpommern. Dort war er Stadtverordneter. Um das zu werden, musste er die Staatsbürgerschaft wechseln. In Güstrow war er in der Güstrower Deputiertenversammlung. Dort trafen sich die Reformvereine, um für Bürgerrechte zu kämpfen 1848. In Schwerin war er auch. Wer von den Kollegen absteigt im Gasthof „Zur guten Quelle“, der findet dort die Tafel: „Hier wohnte Fritz Reuter während seines Aufenthalts in Schwerin als Deputierter der Stadt Stavenhagen zum Außerordentlichen Landtag vom 26. April bis zum 17. Mai 1848.“ Also er war quasi ein Kollege, früher mal. Auch Neubrandenburg, sagte ja Herr Schult bereits sehr ausführlich, dass er dort, also kann man ja bei Wikipedia nachlesen, dass dort der Höhepunkt und Gipfel seines Wirkens war. Dort fing er auch an, seine Werke mit dem Verleger Carl Hinstorff zu veröffentlichen. Das ist vielleicht auch für das heimatkundliche Wissen gut und wichtig zu wissen, das ist ja der bisher noch größte Verlag für heimatkundliche und niederdeutsche Literatur. Und nicht zu verwechseln, in seiner Neubrandenburger Zeit machte er gelegentlich und öfter Urlaub in Stolpe an der Peene. Dort war er Gast im Gutshaus. (Patrick Dahlemann, SPD: Das konnte er sich leisten?) Genau, damals war er vielleicht noch ein bisschen finanziell anders ausgestattet, (Sebastian Ehlers, CDU: Aber es war auch noch günstiger.) aber er verdiente auch schon gut mit seiner Literatur. (Zuruf von Patrick Dahlemann, SPD) Und was ich besonders witzig finde, in Stolpe an der Peene in Vorpommern verfasste er „De Urgeschicht’ von Meckelnborg“. (Beifall Marcel Falk, SPD) Also er hat auch selber schon beide Landesteile miteinander verbunden. In seinen letzten Jahren ist er dann nach Eisenach gezogen, an den Fuß der Wartburg. Das war ihm wohl wichtig, noch mal dort auch an die freiheitlich-bürgerlichen Traditionen anzuknüpfen. Damit haben wir dann auch die vier wichtigen Reuter-Museen zusammen, in Dömitz, Stavenhagen, Neubrandenburg und eben Eisenach, die miteinander kooperieren. Seiner Person begegnet man im Land öfter, seiner Literatur begegnet man nicht so leicht. Ich fand es spannend, als ein alter Genosse aus dem Ortsverein in Demmin mir erzählte, er musste in den 50er-Jahren … (Zuruf von Torsten Renz, CDU) Roland Thoms ist es, er ist wirklich schon von Jahren älter. Ich denke, das nimmt er mir nicht übel. (Zuruf von Torsten Renz, CDU) Er hat in den 50er-Jahren die sowjetische Besatzungszone verlassen, um zu studieren, aus Angst vor Repressionen, und er erzählte, wie er abends unter der Bettdecke Fritz Reuter gelesen hat vor Heimweh. Die Literatur war für ihn ein Stück Heimat, das er mitnehmen konnte. Und später traf er Fritz Reuter wieder in Chicago, denn dort haben auch quasi heimwehkranke Auswanderer ihrem Fritz Reuter eine Statue gesetzt und dort hat er sich eben auch wiedergefunden. (Torsten Koplin, DIE LINKE: Wieder was gelernt.) Meine eigene Verbindung mit Fritz Reuter, kann man sagen, ist so ein bisschen in zwei Stufen. Als ich noch in der Uni gearbeitet habe, habe ich mir gelegentlich die Gegend angeguckt, kam auch in Stavenhagen vorbei und dachte, Mensch, die Statue ist ein bisschen überdimensioniert. Ist das Goethe? Nein, Fritz Reuter, okay. War dann mal im Museum, fand ich ganz interessant, dachte ich, die sind mutig, kleine Stadt, große Statue. Mein zweiter Zugang war, als ich dann beim Heimatverband gearbeitet habe und anfing, mich mit Niederdeutsch zu beschäftigen. Da sind mir vor allem Geschichten begegnet, die ältere Leute meistens auch für ältere Leute geschrieben haben, vielleicht noch ein bisschen Platt für so Disco up’n Dörp und Witze, also vor allem Witze unter der Gürtellinie, wenn man früher die „Plappermoehl“ hörte. Das hat sich ja zum Glück jetzt ein bisschen geändert, neuer Redakteur, bessere Witze, aber auch nicht nur Witze, sondern auch bessere Beiträge auf Plattdeutsch. (Zuruf von Enrico Schult, AfD) Also die Gürtellinie bleibt da weiter oben, also wird überschritten. Und dann eben die Begegnung mit Fritz Reuters Literatur selbst, „Ut mine Stromtid“ habe ich immer bei den langen Pendelfahrten von Vorpommern nach Schwerin gehört, und das gab einen Einblick in das ländliche Leben in der Mitte des 19. Jahrhunderts, sicherlich literarisch überhöht, aber vor allem in einer Literatursprache, also nicht mehr Geschichten von alten Leuten für alte Leute, sondern Erzählungen, die tatsächlich die Probleme der Zeit ansprachen und die sich auch nicht so leicht weghörten. Da musste man oft mal wieder hin und her spulen. Er hat Wortschöpfungen gemacht, also auch wenn er den Bürgern aufs Maul geschaut hat, so hat er doch eben eine Sprache entwickelt, die nicht mehr Alltagssprache war, sondern eben Literatursprache. Dafür verehren wir Fritz Reuter ja eben heute auch. Und das ist übrigens auch eine spannende Debatte, die ich gelegentlich im Gespräch mit den Verantwortlichen der Fritz-Reuter-Gesellschaft führe, sollte man Plattdeutsch nur noch als Literatursprache pflegen oder ist es noch als Alltagssprache rettbar. Spreche ich mit Schülern, die das lernen in der Schule, sagen die mir, manchmal im Alltag, wenn ich durchs Dorf gehe und die wissen schon, dass ich Plattdeutsch rede, sprechen die alten Leute mich auf Plattdeutsch an und freuen sich und ich spreche auf Plattdeutsch zurück, dann kann ich das üben. Und vielleicht kann es ja auch ein/zwei Generationen überspringen und es kommt wieder was. Aber dafür müssen wir eben in den Schulen was tun, Schüler ermutigen, das zu lernen, auch Eltern, das mitzulernen. Das war auch meine Erfahrung im Heimatverband mit der Heimatschatzkiste, dass oft Eltern das mit ihren Kindergartenkindern mitlernen wollten. Da müssen wir gucken, wie wir da einfach die Generationen gut verknüpfen, dass es wieder zum Gespräch wird, in vielen Familien ist es das oft noch, aber eben auch im Alltag. Ich glaube, das ist möglich. Es ist nicht nur Literatursprache. Und doch finde ich die Literatur von Fritz Reuter unglaublich reizvoll. Ich habe Ihnen mal zwei Beispiele mitgebracht, die man auch auf der ...

Alle Reden von Dr. Anna-Konstanze Schröder Protokoll ↗