Elke-Annette Schmidt
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen und Kollegen! Ich beginne die Einbringung unseres Antrages zur Würdigung des Wirkens von Fritz Reuter mit einem Zitat eines Zeitgenossen und Schriftstellerkollegen von ihm. Ich zitiere Theodor Storm mit der Erlaubnis der Präsidentin wie folgt: „Fritz Reuter war ein Gigant der niederdeutschen Literatur. Seine Werke sind nicht nur Meisterwerke der plattdeutschen Dichtkunst, sondern auch wichtige soziale und politische Dokumente seiner Zeit.“ Zitatende. Wie kaum ein anderer zeichnet Fritz Reuter in seinen Werken ein literarisches Bild seiner Zeit, das sowohl sozial- und gesellschaftskritisch als auch humorvoll und volksnah ist. In seinen literarischen Gestalten fand sich das Volk selbst, aber auch die Obrigkeit der damaligen Zeit wieder. Reuter gelang das, weil er immer nah an den Menschen und ihren Lebenssituationen war, (Thomas de Jesus Fernandes, AfD: Das war ja mal ein Vorbild!) die Sprache der einfachen Leute nicht nur kannte und beherrschte, sondern in ihr dachte. Darauf gründet sich sein Erfolg und sein großes Verdienst für die Etablierung der niederdeutschen und plattdeutschen Sprache. Das Leben hat ihm gewissermaßen seinen Stoff auf dem Präsentierteller entgegengetragen. Entstanden sind Figuren so trefflicher Art wie Möller Voß, Knecht Friedrich, Fieken Besserdich, Entspekter Bräsig als wohl seine bedeutendste literarische Figur und viele andere. So eckig und grotesk sie aussehen, sind sie doch alle ein Spiegelbild der Zeit und ihrer gesellschaftlichen Zustände. Reuter war zeitlebens ein scharfer Kritiker der sozialen und politischen Zustände seiner Zeit. Als Richter und Amtmann hatte er direkten Einblick in die Lebensbedingungen der Landbevölkerung. Er setzte sich für deren Rechte und für Reformen ein, um ihre Situation zu verbessern. In seinen literarischen Werken deckte er soziale Missstände auf, kritisierte sie, oft mittels satirischer Elemente. Die konservative Obrigkeit reagierte darauf mit Inhaftierung und Schreibverbot, aber Reuter schrieb weiter und befasste sich mit der Weiterentwicklung der niederdeutschen Sprache. Dabei kamen ihm und dem Niederdeutschen gesellschaftliche Veränderungen sehr zupass. In der Zeit des Vormärz, als die Überwindung der Kleinstaaterei und die Einheit Deutschlands im Fokus standen und sich diese auch in der deutschen Sprache als Bestandteil einer Nationalkultur für alle Deutschen ausdrücken sollte, waren Regionalsprachen und Dialekte der kleinen Staaten als vermeintliche Bildungshemmnisse zu Feindobjekten ausgerufen worden. Am deutlichsten ist das in Norddeutschland und gegenüber dem Niederdeutschen ausgedrückt worden. Mit der Zeit um die 1848er-Revolution setzte ein Paradigmenwechsel ein. Das Verständnis für den Kommunikationswert regionaler Dialekte und Sprachen wuchs, auch für die kulturelle Aufklärung und Bildung der Menschen. Um mit Witz, Satire, Ironie und Parodie als Waffe der Schwachen die Zensur zu unterlaufen, dafür war das Niederdeutsche prädestiniert. Und Fritz Reuter beherrschte diese Instrumente in Perfektion. Er entwickelte das Niederdeutsche darüber hinaus zu einer modernen Literatursprache. Das ist die großartige Leistung, die ihn zu einem herausragenden Dichter und Schriftsteller und zu einem der bedeutendsten norddeutschen Kunstschaffenden des 19. Jahrhunderts und zum meistgelesenen deutschen Autor in dieser Zeit macht. Bis heute wurden seine Werke in 13 Sprachen übersetzt, was die internationale Bedeutung Reuters deutlich macht. Fritz Reuter verstarb 1874 in Eisenach, wo er die letzten Jahre seines Lebens verbrachte. Mit seinem Wirken eng verbunden wird aber immer seine Geburtsstadt Stavenhagen sein, der er auch literarisch ein Denkmal setzte. Um diese Bedeutung zu würdigen, verlieh die Landesregierung im Jahr 1949 seiner Geburtsstadt den Titel „Reuterstadt“. Im gleichen Jahr wurde das Literaturmuseum Fritz Reuter eröffnet. Es ist ein wichtiger Teil der Bemühungen, das Erbe um die Werke von Fritz Reuter zu bewahren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Heute sehen die Mitarbeitenden des Museums den Mittelpunkt ihrer Arbeit im Sammeln, Bewahren, Erforschen und Präsentieren von Zeugnissen des Lebens und der Arbeit Fritz Reuters. Dabei werden er und sein Werk in den Kontext der großen realistischen Erzähler des 19. Jahrhunderts in Europa und in Übersee gestellt. Das Museum versteht sich darüber hinaus als Motor der niederdeutschen Sprachpflege. Mit zahlreichen Veranstaltungen wirkt das Museum mit seinen Mitarbeitenden in die Gesellschaft hinein und nimmt aktiv an aktuellen gesellschaftlichen Diskursen teil. Die dort geleistete Forschungsarbeit ist ein wichtiger Baustein in der historischen Betrachtung Mecklenburg-Vorpommerns und des gesamten niederdeutschen Raumes und wirkt auch international. An dieser Stelle möchte ich den herzlichen Dank an das Fritz-Reuter-Literaturmuseum und seine Mitarbeitenden von dieser Stelle hier ausrichten für die hervorragende Arbeit, die dort geleistet wird. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, DIE LINKE und FDP) Verehrte Kolleginnen und Kollegen, der Persönlichkeit Fritz Reuter, seinem literarischen Werk mit seiner Bedeutung für die Entwicklung der niederdeutschen Sprache und mit seinem sozialen und politischen Wirken sollte aus Sicht der einreichenden Fraktionen noch mehr Gewicht in der Gesamtdarstellung unseres Landes beigemessen werden. Mit dieser seiner Lebensleistung haben wir einen Schatz, dessen Glanz wir noch mehr zum Strahlen bringen sollten, sodass er weit über unsere Landesgrenzen hinaus wahrgenommen wird. Das Potenzial ist auf jeden Fall vorhanden. Die im Jahr 2024 – also im nächsten – anstehenden vielfältigen Veranstaltungen und Aktivitäten, die die Reuterstadt Stavenhagen gemeinsam mit dem Literaturmuseum rund um die anstehenden Ereignisse zu Fritz Reuter plant, sind dafür hervorragend geeignet. Dass diese Aktivitäten finanziert werden müssen, liegt auf der Hand. Die momentane Kostenschätzung liegt bei circa 100.000 Euro. Ein Beschluss der Stadtvertretung zur finanziellen Beteiligung der Stadt liegt bereits vor, und wir meinen, das Land sollte sich hier angemessen beteiligen und damit auch die landesweite Bedeutung unterstreichen. (Katy Hoffmeister, CDU: Das steht da aber nicht drin.) Die Region der Mecklenburgischen Schweiz, in der sich die Reuterstadt Stavenhagen zentral befindet, ist in seiner touristischen Entwicklung auf einem guten Weg. Die reizvolle hügelige Landschaft rund um den Kummerower See und Malchiner See, die 1.000-jährigen Eichen in Ivenack, die in alter Pracht wiederentstandenen Guts- und Herrenhäuser, das alles wird insbesondere von kulturinteressierten Gästen mehr und mehr entdeckt. Fritz Reuter ist durch sein Wirken und literarisches Schaffen mit dieser Region fest verbunden und prägend. Mit diesem Pfund sollte unser Land auch marketingseitig noch viel mehr wuchern, dazu regen wir mit dem vorliegenden Antrag an. Nun noch einige Worte zum Änderungsantrag der CDU-Fraktion. Vielen Dank, liebe Kolleginnen und Kollegen, dass Sie sich mit unserem Antrag doch sehr intensiv befasst haben! Das zeigt Ihr Interesse an der Thematik und ich freue mich auf die Debatte. Und im Anliegen, denke ich, sind wir doch dicht beieinander. Die Änderungen, die Sie in Ziffer I.1 und 2 vorschlagen, kann man machen, muss man aber nicht. Sie sind eine Ergänzung und man könnte es unter allgemein bekannten Fakten verbuchen. (Zuruf von Sebastian Ehlers, CDU) In Ziffer I.3 sind Sie jedoch unscharf in den Bezeichnungen und setzen Plattdeutsch gleich mit Niederdeutsch, aber hier gilt es tatsächlich zu unterscheiden. Mit Ziffer II wollen Sie, dass sich sowohl Ministerium als auch Fachausschüsse des Landtages mit der konzeptionellen Vorbereitung des Jubiläums befassen. Das erachten wir als nicht erforderlich. Die Reuterstadt Stavenhagen hat ein Festkomitee gegründet, das schon sehr, sehr fleißig arbeitet. (Zuruf von Sebastian Ehlers, CDU) Das Literaturmuseum Fritz Reuter ist ein erfahrener Partner bei der Ausgestaltung von Veranstaltungen, und beide, sowohl Stadt als Museum, sind sehr gut vernetzt in der Region und darüber hinaus. Beziehungen gibt es bis nach Eisenach. Die Akteur/-innen vor Ort wissen also schon sehr gut, was zu tun ist, und sind schon mitten in der Arbeit und der Vorbereitung des Festjahres. Das landesseitige inhaltliche Mitmischen erachten wir als nicht erforderlich. In Ziffer II wollen Sie prüfen lassen, ob wir eine Debatte in niederdeutscher Sprache führen können. Das braucht keine Prüfung. Laut Geschäftsordnung spricht nichts dagegen und vielleicht hilft es ja sogar der Debattenkultur. Absprachen im Ältestenrat sind auch immer möglich, dazu braucht es keinen Beschluss des Landtages. Alles in allem erachten wir unseren Antrag als ausreichend. – Vielen Dank! Ich freue mich auf die Debatte. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE)
