Sabine Enseleit
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! „Mehr digitalen Fortschritt wagen!“ – so lautete im August eine Initiative verschiedener digitaler mittelständischer Wirtschaftsverbände, die die Bundesregierung auffordern, Digitalisierung und KI in Deutschland massiv voranzutreiben. Die Initiative ist wahrscheinlich der Verzweiflung über die nach wie vor mangelhafte Digitalisierung überall im Land geschuldet. Im Januar wird ChatGPT fünf Jahre alt, und erst jetzt fangen wir an, uns darüber Gedanken zu machen. Wenn man mit Experten spricht, sagen sie einem, dass der Zug eigentlich schon abgefahren ist. Wir können jetzt nur noch hinterherlaufen. Also fangen wir wenigstens jetzt damit an. KI hat in allen Bereichen ein enormes Potenzial. Ob in der Verwaltung, in der Medizin und auch im Bildungsbereich gibt es schon jetzt vielversprechende KI-Lösungen, die Prozesse vereinfachen und den Fortschritt voranbringen können. Gerade vor dem Hintergrund des massiven Fach- und Arbeitskräftemangels kann KI in vielen Bereichen eine Lösung darstellen, denn wenn wir den Fachkräftemangel nicht anderweitig gelöst bekommen, werden wir in Zukunft auf viele Dinge und Leistungen verzichten müssen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat jetzt reagiert und versucht aufzuholen, was nur noch schwer aufzuholen ist. So hat das Ministerium von Bettina Stark-Watzinger Ende August den KI-Aktionsplan mit elf Handlungsfeldern gestartet. Eines dieser Handlungsfelder betrifft auch explizit die Bildung, Erforschen und Gestalten von KI-basierten Technologien im Bildungsbereich, denn wenn wir unsere Vision der zeitgemäßen Bildung auch Realität werden lassen wollen, müssen wir uns der Herausforderung der digitalen Entwicklung stellen und sie aktiv angehen. Insofern stehen aktuell die Zeichen mehr als gut, auch an den Schulen in Mecklenburg-Vorpommern, das Potenzial von KI auszuprobieren und diese Projekte zu fördern. Im Juli haben wir hier im Landtag den Antrag „Chancen und Grenzen im Umgang mit Künstlicher Intelligenz in Schulen in Mecklenburg-Vorpommern“ von SPD und DIE LINKE zum Thema KI an den Schulen diskutiert. Der Titel klingt mehr wie eine Diplomarbeit und hatte leider wenig praktische Einblicke zu bieten. Letztlich ging es darum, den Lehrkräften eine Art Bedienungsanleitung für den Umgang mit KI-Tools, allen voran ChatGPT, an die Hand zu geben. Dabei nutzen die Jugendlichen dieses Tool inzwischen wie selbstverständlich, ohne sich oft bewusst zu sein, welche Schwächen diese KI hat. Daran wird wohl auch die ausgedruckte Handreichung nichts ändern. Dabei hat ChatGPT durchaus Potenzial, ganz legal im Unterricht zum Einsatz zu kommen, genauso wie viele andere KI-Tools, die derzeit entwickelt werden oder schon in der Anwendung sind. Wir Freien Demokraten sehen dabei in erster Linie die Vorteile und Verbesserungen, wohl wissend, dass KI-Anwendungen auch Risiken mit sich bringen. Deshalb wollen wir an dieser Stelle das Thema proaktiv angehen. Wir wollen nicht nur mit dem Fortschritt mitgehen, wir wollen ihn aktiv und verantwortungsvoll gestalten. Aus diesem Grund ist unser Antrag auf drei Säulen aufgebaut. Die erste Säule betrifft konkret die Schulen und die Lehrkräfte. Dabei handelt es sich um den Einsatz von neuen KI-Tools. Die Lehrkräfte probieren es aus, müssen aber nicht auf eigene Faust experimentieren, weil ihnen Experten aus Wissenschaft oder der IT-Branche zur Seite stehen. Dabei hat KI aus der Säule 1 drei Dimensionen, die entscheidend sind: Erstens kann KI ein hervorragender Lernbegleiter sein, Stichwort „adaptives Lernen“. Diese KI-Assistenten begleiten die Schülerinnen und Schüler bei Lösungen von Aufgaben, geben Hilfestellungen bei Fehlern und erstellen neue Aufgaben, die an das Niveau des Schülers oder der Schülerin angepasst sind. Denkbar sind beispielsweise auch KI-unterstützte Schulbücher, die erkennen, ob Kinder dem, was sie lesen, folgen können. Bemerkt die angebundene Eye-Tracking-Technik der Software, dass sie überdurchschnittlich viel an einer Textpassage verbringen, werden ihnen alternative Informationen angeboten. Zweitens kann KI eine Entlastung für die Lehrer darstellen, beispielsweise indem sie Unterrichtsvorbereitung oder Verwaltungsaufgaben übernimmt. KI-basierte Management-Tools können die Ressourcenplanung im Schulbetrieb deutlich effizienter gestalten, beispielsweise Vertretungspläne erstellen. Wenn für das Ausfüllen von Anträgen für Wandertage extra Alltagshelfer an den Schulen eingestellt werden müssen, wie wir kürzlich im Bildungsausschuss erfahren haben, dann ist schon fraglich, ob solche Verwaltungsakte nicht tatsächlich von KI übernommen werden können, (Beifall vonseiten der Fraktion der FDP) und die Alltagshelfer können sinnvollere Aufgaben übernehmen. Drittens. KI- Anwendungen können Leistungen bewerten, aber auch prognostizieren. Automatisierte Leistungsbewertungen entlasten vom repetitiven und zeitfressenden Korrigieren von Leistungskontrollen. Eine Software, die sich nur auf die Leistungskontrolle konzentriert und die Person hinter der Leistungskontrolle ausblendet, kann die Objektivität in der Bewertung erhöhen und das Risiko von verdeckten negativen Verzerrungen, der sogenannten Risk of Bayes, vermeiden. Außerdem können KI-Systeme zum Beispiel im Fach Mathematik den Rechenweg bewerten und nicht nur das Ergebnis. Hier ist ohnehin ein Umdenken erforderlich, denn angesichts von inzwischen sehr weit verbreiteten Anwendungen wie ChatGPT werden wir nicht umhinkommen, verstärkt den Lösungsweg zu bewerten und nicht nur das Ergebnis. Die zweite Säule unseres Antrags bezieht aktiv die Schülerinnen und Schüler ein. Sie dürfen im geschützten Raum mit KI experimentieren und ihre Grenzen und Schwächen testen. Sie lernen, KI zu verstehen und kritisch ihre Erzeugnisse zu beurteilen. Auch Eltern müssen im Bilde sein, was KI leisten kann und was nicht, und den Erprobungsprozess unterstützen. Die dritte Säule setzt auf Einbezug von Wissenschaft und anderen Experten. Wir dürfen nicht den Lehrkräften die Aufgabe der Bewertung und Evaluierung aufbürden. Sie sollen sich bei den Anwendungen auf die pädagogischen Aspekte konzentrieren können und nicht auf die Frage, wie kann ich die Tools mit richtigen Daten trainieren. Die große Überschrift bei allem ist: KI benötigt immer einen Menschen als Kontrolle und Korrektiv. KI ist ein Begleiter, ein Werkzeugkasten. Sie ersetzt keine Menschen. Das menschliche Handeln und die menschliche Entscheidung stehen immer im Vordergrund. Wie gesagt, die Entwicklung läuft schon, und wir müssen so schnell wie möglich versuchen, Schritt zu halten, damit wir nicht auch in diesem Bereich abgehängt werden. (Die Abgeordnete Constanze Oehlrich bittet um das Wort für eine Anfrage.) Bayern ist uns hier schon einen Schritt voraus. An 15 Modellschulen, verstreut über das ganze Land, werden KI-Tools aktiv ausprobiert und bewertet. Dafür stehen den Schulen, wie die EU es empfiehlt, Arbeitsgremien zur Seite, die aus Eltern, Schülerschaft, Schulleitungen, Vertretungen der Landesregierung, der Wirtschaft und Wissenschaft bestehen. Hier wird zum Beispiel daran gearbeitet, wie man datenschutzkonforme KI-Tools nutzen kann oder wie man die Rahmenverträge mit Tech-Riesen, wie Microsoft, Google und Meta, abschließt, und zwar nach dem Motto: Nationales Recht hat Vorrang vor dem amerikanischen Recht. Wir sehen, wie wichtig es ist, hier aktiv vorzugehen. Das Potenzial der KI-Systeme ist groß, und heute geht es dabei nicht nur um die Anwendungen. Es verändert sich dadurch auch das Rollenbild des Lehrenden in allen Bildungseinrichtungen. Die reine Wissensvermittlung rückt in den Hintergrund. Es geht in Zukunft um die Ausbildung von Lösungskompetenz. Die Lehrenden können mit KI ihre Ressourcen besser für die Lernenden nutzen und diese zielgerichtet fördern und fordern. Dadurch entsteht mehr pädagogischer Freiraum, was auch die Attraktivität der pädagogischen Berufsbilder steigert. Wir Freien Demokraten sehen in KI hauptsächlich Chancen. Zu den Risiken gibt es inzwischen viele Untersuchungen und Empfehlungen, auch der Ethikkommission und anderer anerkannter Experten. Lassen Sie mich zum Abschluss meiner Einbringung noch einmal auf die Wirtschaft zurückkommen. Zuletzt hat eine Studie im Auftrag des Branchenverbandes Bitkom ermittelt, dass sich 43 Prozent der Unternehmen zu den Nachzüglern beim Einsatz von KI zählen. Und als sei diese Zahl nicht schon erschreckend genug, 38 Prozent der Unternehmen sind sogar der Meinung, dass sie den Anschluss bereits verpasst haben. Wir haben im breiten Einsatz von Künstlicher Intelligenz massiven Aufholbedarf, in der Wirtschaft und in der Bildung. Wir müssen unseren Kindern heute das Rüstzeug mitgeben, das sie morgen benötigen. Wenn wir im Bildungsbereich nicht endlich den Turbo einlegen, dann wird darunter auch die Wirtschaft leiden. Darum bitte ich Sie um Zustimmung zu diesem überaus wichtigen Antrag für die Zukunft unserer Kinder, aber auch der Wirtschaft in unserem Land. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit! (Beifall vonseiten der Fraktion der FDP)
