Jutta Wegner
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Frau Ministerin Oldenburg! Meine Damen und Herren Abgeordnete! „Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.“ So sagte es Georg Christoph Lichtenberg. (Vizepräsidentin Elke-Annette Schmidt übernimmt den Vorsitz.) Wir alle wissen, dass sich etwas verändern muss. Wir kennen die Ergebnisse der letzten Bildungsstudien. Wir sind erschrocken, weil unseren Kindern grundlegende Kompetenzen fehlen, die sie aber für ein erfolgreiches Bestehen ihrer Schulzeit und ein erfolgreiches Berufsleben brauchen. Ihre Eltern, unsere Gesellschaft erwartet von Ihnen, aber auch von uns, dass wir endlich handeln. Viel zu lange sehen wir die Probleme, ringen uns aber nicht zu grundlegenden Veränderungen durch, weil das natürlich sehr komplex ist. Lassen Sie uns deshalb dorthin gucken, wo die Bildungsergebnisse besser sind, die Kinder zufriedener in die Schule gehen. Wir haben gestern in der Diskussion um die Förderschulen ja bereits gehört, dass Schulen, in denen länger gemeinsam gelernt wird, Kinder nicht separiert werden, alle Schülerinnen und Schüler deutlich bessere Leistungen erbringen. Diese Erfolge ergeben sich aber nicht daraus, dass man Kinder einfach nicht so oft durchsortiert und trennt, sondern an diesen Schulen haben sie in aller Regel multiprofessionelle Teams, die für die Schüler/-innen da sind. Diese Teams sind das Erfolgsrezept, damit Kinder in unterschiedlichsten Voraussetzungen gemeinsam erfolgreicher lernen können. Multiprofessionelle Teams, die wirklich effizient sind, gibt es beispielsweise in Kanada oder in Finnland, und zwar nicht beratend in einzelnen Schulen des Landes, sondern in jeder Schule und noch dazu in jeder Klasse. Wie effektiv solche Teams für den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler sind, zeigen die internationalen Bildungsrankings. Multiprofessionelle Teams gibt es in Deutschland mittlerweile an Grundschulen, Gesamtschulen, Regionalschulen und zum Teil auch an Gymnasien. Auch hier in Mecklenburg-Vorpommern gibt es im Rahmen der Schulentwicklungsberatung neue Systeme, die als multiprofessionelle Teams bezeichnet werden. Das ist ein guter Anfang, aber noch nicht das, was Schulen wirklich ändern würde. Seit diesem Schuljahr gibt es ein sogenanntes Kooperations- und Beratungssystem für Eltern und Schulen, KuBES, indem regionale und heterogen zusammengesetzte Beratungsteams aus Schulpsycholog/-innen, Sozialpädagog/-innen, Sonderpädagog/-innen, Erwachsenenbildner/-innen und Sachbearbeiter/-innen Schulen in kritischer Lage unterstützen. Dieser Ansatz ist neu und auch ein richtiger erster Schritt, allerdings ist er für ein effektives Gelingen und eine individuelle Förderung jedes einzelnen Kindes nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Bei einem Gespräch mit einem Lehrer habe ich gemerkt, wie multiprofessionelle Teams eben nicht funktionieren. In seiner 3. Klasse gibt es einen Jungen, der immer wieder ausrastet. Da er damit den Unterricht massiv stört, schickt er ihn nach Hause. Auf die Frage, warum der Junge das denn tut, sagte er, es sei die Aufgabe der Sozialarbeiterin, das zu klären, die sich ja aber doch noch um 600 weitere Schüler/-innen kümmert. Er hätte mal was von schwerer Gewalt in der Familie gehört, aber das sei an seiner Brennpunktschule Alltag bei den meisten, und er hätte keine Kapazität, neben dem Unterricht auf einen einzelnen Jungen einzuwirken, wenn er nicht die anderen Kinder verlieren möchte. Der Junge sei talentiert, könne gut rechnen, aber er schaffe es einfach nicht, ruhig zu bleiben, und explodiere aus dem Nichts. Jetzt kann man mit dem Finger auf diesen Lehrer oder, noch schlimmer, auf das Kind zeigen, aber man kann sich auch überlegen, vor welchem Balanceakt der Lehrer steht, wofür er eigentlich ausgebildet wurde, und man kann sich nur vorstellen, was der Junge täglich durchmacht. Aber wie soll ein einzelner Lehrer bei der Klassengröße jedem einzelnen Kind gerecht werden? Und wie soll auf der anderen Seite dieser Junge, der durch seine Aggression zeigt, dass er massiv unter Druck und Schlägen leidet, erst recht richtig lernen? Wie soll eine einzelne Schulsozialarbeiterin das alles auffangen? Und was soll aus dem Jungen werden, wenn er erwachsen ist? Noch ist er ein neunjähriges Kind, und wir Erwachsenen tragen die Verantwortung. Aber werden wir ihr gerecht? Ein einzelner Lehrer kann das nicht schaffen. Nein, wir müssen die Rollen neu verteilen. Wir brauchen von der Unterrichtsverpflichtung befreite Schulleiter, die Teams organisieren und führen, IT, Hausmeister/-innen und Sachbearbeiter/-innen, Lehrer/-innen, die sich auf den Unterricht konzentrieren können und wieder Kapazitäten haben, begabte wie lernschwache Kinder zu fördern, Schulsozialarbeiter/-innen, die in den Sozialraum wirken und mit den Eltern Kontakt aufnehmen, Erzieher/-innen in jeder Klasse, die die Kinder sozial und emotional unterstützen, eine pädagogische Unterrichtsunterstützung, die sich auf Kinder mit besonderen Herausforderungen konzentriert. Für eine einzelne Lehrkraft, egal, wie engagiert und gut ausgebildet sie ist, ist das aber nicht zu bewältigen. Es bräuchte ein Team verschiedener Professionen, das frühzeitig erkennt, dass im Leben des kleinen Jungen etwas nicht stimmt, und das zusammen daran arbeitet, dass es ihm besser geht und er sein Potenzial entfalten kann. Diese Überforderung des einzelnen Lehrers könnte enden, verteilte man die Last auf mehrere Schultern. Und das Kind hätte möglicherweise eine Chance auf ein Leben ohne Gewalt, auf Schule, in der man einfach nur lernt, und auf einen normalen Schulabschluss. Und ganz ehrlich, das muss uns auch gelingen. Wir können es uns nicht leisten, auch nur eines dieser Kinder zu verlieren. (Beifall vonseiten der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Constanze Oehlrich, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Genau!) Wir müssen es auch endlich schaffen, dass der Bildungserfolg vom Elternhaus abgekoppelt wird. Mehr als alles andere ist die Bildungsbiografie eines heute in Deutschland geborenen Kindes von seiner Herkunft abhängig. Haben die Eltern kein Abitur, schaffen nur 28 Prozent der Kinder den Schritt aufs Gymnasium, bei Kindern von Akademiker/-innen sind es hingegen 75 Prozent. Diese Quote spiegelt sich auch im Haushaltseinkommen. Nur 26 Prozent der Kinder aus Haushalten mit einem Nettoeinkommen unter 2.600 Euro schaffen es auf die weiterführende Schule. In unserem Schulsystem entscheidet Herkunft über den Bildungserfolg, und es gelingt nicht, aufzufangen, dass schon bei der Einschulung die Kinder in Bezug auf ihr Vorwissen und ihre Vorläufer-Fähigkeiten bis zu drei Jahre auseinanderliegen. Dabei ist es unsere Aufgabe als Politiker/-innen, die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass jedes Kind sein Potenzial ausschöpfen kann. Wir denken – und das belegen auch erfolgreiche Länder wie die bereits genannten –, dass multiprofessionelle Teams dafür ein entscheidender Schlüssel sind. Profitieren würden alle: Lernschwache Schüler/-innen würden inkludiert, Kinder nicht deutscher Herkunftssprache begleitet, Kinder aus schwierigen Elternhäusern besser aufgefangen und lernstarke Schülerinnen und Schüler können gefördert werden. Wer glaubt, Kinder werden zu Hause erzogen und müssen in der Schule folgen und gehorsam sein, ist aus der Zeit gefallen. (Heiterkeit bei Enrico Schult, AfD) Kinder brauchen eine liebevolle Führung, in erster Linie zu Hause, aber auch in der Schule. Und wer sagt, Schule können nicht auffangen, was zu Hause schiefgeht, der irrt. Eltern, die überfordert sind, können durch die Schule unterstützt werden. Eltern, die noch kein Deutsch können und keine Kontakte haben, können dies durch ihre Kinder schaffen. Eltern, die wenig Geld haben, bekommen Unterstützung bei Anträgen. Eltern, die ein Kind mit Behinderung haben, finden sich in einer Schulfamilie wieder. Ich könnte hier noch weiter fortführen, aber ich glaube, ich habe Ihnen für die Diskussion anschließend genug Anregungen gegeben. Ich freue mich darauf. – Und vielen Dank für Ihre Geduld! (Beifall vonseiten der Fraktionen BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und FDP)
