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Sabine Enseleit

FDP 20.09.2023 Sitzungen 8/63

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Werte Kollegen und Kollegin der AfD-Fraktion, komischer, rückwärtsgewandter Männerantrag, kann nicht wirklich Ihr Ernst sein! (Heiterkeit bei Martin Schmidt, AfD: Oha! Oha!) Wahrscheinlich ist das das Ergebnis, wenn in einer Partei nur die Männer das Sagen haben, denn Ihnen fehlt, (Heiterkeit und Unruhe vonseiten der Fraktion der AfD – Zurufe von Petra Federau, AfD, und Jens-Holger Schneider, AfD – Glocke der Vizepräsidentin) denn Ihnen fehlt offen gesagt jegliche Sensibilität und Empathie für die Situation der Frauen in diesem Land, (Heiterkeit und Zuruf von Enrico Schult, AfD) die mehr als die Hälfte der Bevölkerung stellen und dennoch in vielen gut bezahlten Jobs mit Leitungsfunktion unterrepräsentiert sind. Dabei würde gerade das helfen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern und eine einseitige Abhängigkeit vom männlichen Geschlecht zu verhindern. Frei nach dem Motto, was interessiert mich das, wenn andere vermeintlich diskriminiert werden, mir geht es doch gut, fordern Sie die Abschaffung der sprachlichen Gleichstellung von Männern und Frauen – und das ist ein Unterschied –, nicht das Gendern. Sie finden sogar, das sei ein „Kunstproblem“ und führe zur Verunstaltung der natürlichen Sprache. Diese natürliche Sprache, die Sie zitieren, ist, wie wir dem Lexikon der Linguistik entnehmen können, durch Sprachkontakt, Sprachplanung, historische und gesellschaftliche Veränderung einem ständigen Wandel ausgesetzt. Sie kann aber auch, so lesen wir weiter, Gegenstand von Sprachplanung werden, beispielsweise, um gesellschaftliche Entwicklungen abzubilden. Kurz gesagt, Sprache ist immer auch ein Spiegel der Gesellschaft. (Vizepräsidentin Beate Schlupp übernimmt den Vorsitz.) Insofern spiegelt die Sprache auch Veränderungen in der Gesellschaft wider, in diesem Fall die Rolle der Frau, denn diese ändert sich tatsächlich, zwar nur langsam, aber sie tut es. Frauen können grundsätzlich die gleichen Berufe ausüben und ebenso wie Männer in Führungspositionen gelangen. Trotzdem werden Führungspositionen überwiegend von Männern wahrgenommen. Man sieht das auch hier im Parlament. (Heiterkeit bei Thomas de Jesus Fernandes, AfD: Dann müssen Sie mal in Ihre Fraktion gucken!) Das hat auch mit Sprache zu tun. (Thomas de Jesus Fernandes, AfD: Ja.) Studien zeigen, das ist schon zitiert worden, dass bei Anwendung von Berufsbezeichnungen nur in maskuliner Form meistens eher an Männer gedacht wird als an Frauen. Frauen gehen also implizit davon aus, dass dieser Beruf eher für Männer gedacht ist. In einer großen deutschen Zeitung konnten wir vor ein paar Tagen eine Übersicht des Bundesinnenministeriums zu den Besoldungsstufen und den dazugehörigen Pensionsansprüchen sehen. Vom „Oberstudiendirektor“ über den „Präsidenten“ bis hin zum „Staatssekretär B11“, der mit einem unglaublichen Pensionsanspruch von über 11.500 Euro so viel Pension bekommt, wie ein normaler Angestellter oder Selbstständiger nicht erreichen kann, selbst wenn er oder sie von Geburt bis zum Tod über 80 Jahre Höchsteinzahler wäre, alle Bezeichnungen in männlicher Form. Die Professorin für Soziale Neurowissenschaft und Sozialpsychologie Sabine Sczesny sagt, Zitat: „Wenn die Bezeichnungen sowohl männlich als auch weiblich waren, interessierten sich mehr Mädchen für männlich typisierte Berufe …“ Das bedeutet, dass Sprache durchaus die Rollenbilder der Frauen in der Gesellschaft widerspiegelt und es doch einen Unterschied macht, ob wir von einem „Geschäftsführer“ oder von einer „Geschäftsführerin“, von einem „Anwalt“ oder einer „Anwältin“ sprechen. Natürlich steht es jedem frei oder jeder frei, sich so zu bezeichnen, wie er oder sie es möchte. Aber wenn ich weiß, welche Wirkung Sprache hat, dann liegt es in meiner Verantwortung, gegenüber meinen beiden Töchtern zu sagen, ich bin Politikerin und Geschäftsführerin, und das könnt ihr auch werden. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und FDP) Der Staat hat in seinem Bereich wie in Rechts- und Verwaltungsvorschriften die Möglichkeit, die Gleichstellung von Mann und Frau sprachlich zum Ausdruck zu bringen. Und das ist auch richtig so. Auch Sie, liebe Kollegen der AfD – hier spreche ich mal nur die Herren der Schöpfung an –, sollten hier einmal den Fortschrittsturbo einlegen und nicht an überkommenen Rollenbildern und der dazugehörigen Sprache festhalten. Ihren Antrag lehnen wir daher selbstverständlich ab, und ich möchte Ihnen zum Schluss noch ein Zitat von Karl Albrecht mit auf den Weg geben: „Ändere deine Sprache und du änderst deine Gedanken.“ – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, CDU, DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und FDP)

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