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Christian Albrecht

Die Linke 14.07.2023 Sitzungen 8/61

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Von mir ein herzliches „Guten Morgen!“. Ich hoffe, Sie haben das Sommerfest alle gut miteinander überstanden. Und jetzt können wir ja gleich mit einem … (Heiterkeit bei Sebastian Ehlers, CDU: Wir waren pünktlich im Gegensatz zur LINKEN.) Ja, gut, ihr wart ein bisschen eher zu Hause, aber auf alle Fälle, wir sind ja jetzt da (allgemeine Heiterkeit) und werden uns gleich mit einem spannenden Thema hier in die Landtagsdebatte begeben. Das Thema Künstliche Intelligenz hat in den letzten Jahren erheblich an Fahrt aufgenommen. War KI vor ein paar Jahren noch ein Buzzword aus dystopischen Science-Fiction-Filmen oder ein Begriff, den man mal in einem spannenden Wissenschaftsartikel oder im Feuilleton gelesen hat, ist die KI spätestens mit der Einführung von ChatGPT über Nacht praktisch anwendbar und auch für die breite Bevölkerung erlebbar geworden. Und damit ist es auch in der politischen Debatte angekommen. Diese Entwicklung kann man auch hier im Plenum, finde ich, sehr gut nachvollziehen. Ich habe das noch mal nachschauen lassen, in den letzten Legislaturen gab es keine parlamentarischen Initiativen zum Thema KI und – so bestätigte mir mein langjähriger Kollege Torsten Koplin – auch in den Redebeiträgen hat es in der Vergangenheit eigentlich keine größere Rolle gespielt. In dieser Legislatur hatten wir zumindest jetzt schon im September letzten Jahres den CDU-Antrag zum Zentrum für Künstliche Intelligenz (Sebastian Ehlers, CDU: Sehr richtig!) und jetzt diesen. (Zuruf von Torsten Renz, CDU) Und auch – und das ist für mich eigentlich viel maßgeblicher, (Zuruf von Andreas Butzki, SPD) um den Querschnittscharakter zu unterstreichen – in fast allen Politikbereichen haben wir jetzt regelmäßig Reden, in denen das Thema KI ein möglicher Lösungsansatz ist für diverse Problemlagen, so jetzt auch in dieser Plenarwoche. Ich meine, am Dienstagabend hatten wir noch was zu smarter Landwirtschaft, gestern in der Fragestunde hat das eine Rolle gespielt, also wir sehen, KI ist auch hier angekommen. Und wie gesagt, spätestens mit der Verfügbarkeit von ChatGPT und ähnlichen Programmen ist das auch in der Mitte der Gesellschaft so. Ich habe mich mit diesen Programmen auch mal auseinandergesetzt, ein bisschen herumexperimentiert, und was die so leisten können, ist ganz erstaunlich. Und da geht es ja nicht nur um das, was das an Inhalten ausgibt, sondern man kann ja auch über entsprechende Chatbefehle unterschiedliche Tonalitäten, Akzentuierungen sich ausgeben lassen, sodass es mitunter auch gar nicht mehr wirklich möglich ist, zu erkennen auf den ersten Blick, dass es sich hier um einen generierten Text handelt. Ja, diese KI-gestützten Anwendungen sind jetzt aber nicht nur nette Spielereien, sondern sie haben ganz erhebliche Implikationen für diverse Bereiche in der Gesellschaft, zumal die Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist, sondern wahrscheinlich eher noch an Fahrt aufnehmen wird und fast alle Lebensbereiche erfasst. Also wie wir leben, wie wir arbeiten, wie wir daten und Partner finden, welche Werbung, welche politischen Inhalte wir auf Social Media gezeigt bekommen und viele andere ganz alltägliche Dinge werden jetzt schon von Algorithmen/KIs beeinflusst. Und auch das wird weiter zunehmen. Und nun komme ich zum Ende meiner Einlaufkurve. Auch auf die Art und Weise, wie wir lernen und Schule gestalten, wird die KI Einfluss haben. Es ist also unheimlich wichtig, hier entsprechende Kompetenzen im Umgang zu entwickeln. Und wie immer, wenn tiefgreifende Veränderungen anstehen, gibt es jene, die mit Sorge auf diese Entwicklung schauen, die die Gefahr sehen, dass der verstärkte Einsatz von KI (Künstlicher Intelligenz) die, ich sage jetzt mal, die NI, die natürliche Intelligenz verkümmern lassen könnte, die Angst haben – vielleicht auch zu Recht –, dass Schülerinnen und Schüler dann das eigenständige Denken und Arbeiten einstellen, die KI alles machen lassen. Es gibt Sorgen vor Betrug, gerade wenn es um das Erbringen von schulischer oder akademischer Leistung gerade im schriftlichen Bereich geht. Auf der anderen Seite gibt es jene, die mit leuchtenden Augen von den Chancen berichten, die uns Künstliche Intelligenzen bieten, zum Beispiel dadurch, dass uns die KI dröge Fleiß- und Recherchearbeiten abnehmen und Zeit freiräumen kann, um an anderer Stelle kreativ tätig zu werden. Anstatt wie ganz früher ewig in der Bibliothek zu sitzen und Karteikarten zu wälzen, Bücher rauszusuchen, dann so lange querzulesen, bis ich die für mich relevanten Stellen gefunden habe, kann ich heute den Chatbefehl eingeben und innerhalb kürzester Zeit habe ich passende Ergebnisse. Das spart Zeit ohne Ende. Es lädt aber auch dazu ein, das vom Programm Vorgelegte nicht mehr zu hinterfragen, die Ergebnisse nicht zu reflektieren, keine alternativen Quellen mehr zu checken. Und es macht es vor allen Dingen für jene, die die erbrachten Leistungen dann kontrollieren, bewerten müssen, schwierig, noch nachzuvollziehen, was jetzt hier wirklich individuell erbrachte Leistung ist und was der Computer ausgespuckt hat. Aber nicht nur Schülerinnen und Schüler können von der Arbeit mit KI profitieren, sondern auch für Lehrerinnen und Lehrer eröffnen sich Möglichkeiten, vor allen Dingen in der Vorbereitung oder der Auswertung von Unterricht. KIs können genutzt werden, um zum Beispiel bei der Erstellung von Aufgaben zu helfen. Am ehesten wird die Problematik um KI – Stand heute – wohl deutlich beim Schreiben von Aufsätzen, die jetzt durch derlei Programme mit minimalem Aufwand erledigt werden können. Das hat also jetzt schon ganz konkrete Auswirkung darauf, wie Unterrichten, auch Leistungsnachweise gestaltet werden müssen. Ja, jetzt ist die Frage, sind KI nun Fluch oder Segen? Ich würde sagen, weder/noch. Sie sind aber da. Und ob sie den Unterricht bereichern oder den Lernfortschritt hemmen, wird ganz erheblich davon abhängen, ob wir uns des Themas annehmen, Konzepte entwickeln und KI sinnvoll einbetten. Dazu möchte dieser Antrag einen Aufschlag machen, denn selbst wenn wir es wollten, würden wir es nicht schaffen, KI-gestützte Anwendungen aus den Klassenzimmern herauszuhalten. Da sind sie ja jetzt schon angekommen. Was man abseits konkreter Maßnahmen aber in jedem Fall sagen kann, die Digitalisierung, über die wir schon etwas länger reden, hat schon angefangen, Schule und Bildung zu verändern. Mit der KI wird diese Entwicklung noch mal beschleunigt. In unserer zunehmend digitalisierten und auch volatilen Welt, in der Wissen nahezu jederzeit verfügbar ist, aber auch sehr schnell überholt ist, ist es kein lohnendes Bildungsziel mehr, Köpfe einfach nur mit Wissen zu befüllen. Dinge zu wissen, ist natürlich nach wie vor wichtig, aber es wird noch wichtiger sein, hin zu einer Stärkung von Kompetenzen zu kommen. Da reden wir über Kreativität, kritisches Denken, Kollaboration, Kommunikation. Das sind so vier zentrale Kernkompetenzen, die hier besonders im Fokus stehen. Das ist ja schon Praxis. Wir haben ja schon eine Kompetenzorientierung, aber das wird noch mal wichtiger werden, unabhängig davon, wie dann die konkrete Einflechtung von KI im Unterricht aussehen wird. Der erste Schritt in der Befassung mit dem Thema KI in den Schulen ist es, ein Bewusstsein und Angebote für die Lehrerinnen und Lehrer zu schaffen. Die Herausforderung beim Einsatz von textgenerierter KI beim Schreiben von Hausarbeiten extra habe ich ja vorhin schon einmal angesprochen. Es geht weiterhin um rechtliche Aspekte, um Datenschutzfragen. Es sollen Handreichungen und Fortbildungen angeboten werden, sowohl für die technischen Aspekte als auch – und das ist aus meiner Sicht fast noch wichtiger – die Einbindung von KI in pädagogische Konzepte. Zu Hause Aufsätze schreiben zu lassen und dann einzusammeln, wird dann wohl perspektivisch kein produktiver Ansatz sein, um noch an belastbare Noten zu kommen oder Lernstände sinnvoll abzuprüfen. Sinn einer Benotung ist es ja eben, die individuelle Leistung zu bewerten, was aber schwierig werden kann, wenn eben ChatGPT mit im Spiel Ist. Aber auch hier gibt es didaktische Mittel und Wege, um abzusichern, dass man hier trotzdem diese individuellen Leistungsanteile erfassen kann, etwa durch gezieltes Nachfragen seitens der Lehrer. Und genau das sind ja die Bereiche, wo wir den Lehrerinnen und Lehrern ganz praktische Hilfestellungen an die Hand geben können und müssen, um sie dabei zu unterstützen. Ich gehe davon aus, dass auch mit dem Einzug der KI vor allen Dingen das Mündliche eine Renaissance erleben wird. Das ist aber jetzt nur so ein Beispiel. Da gehört noch viel mehr dazu und es wird in der näheren Zukunft sicherlich noch einiges an Möglichkeiten im Umgang mit KI geben, was wir uns heute noch gar nicht so richtig ausmalen können. Deswegen sind auch die Punkte 4 und 5 besonders wichtig, zum einen die Erarbeitung von Leitlinien und Rahmenbedingungen im Umgang mit KI sowie ein regelmäßiger und fortwährender Austausch zwischen Schule, Wissenschaft und Wirtschaft, um aktuelle Entwicklungen und Best-Practice-Beispiele aufzugreifen, Konzepte zu entwickeln und das wiederum in die Fortentwicklung der Leitlinien, in die Angebote und letztendlich in die unterrichtliche Praxis einfließen zu lassen, um hier mit der Entwicklung Schritt halten zu können. Besonders wichtig mit Blick auf Chancengerechtigkeit ist es, dass wir den Einsatz von Open-Source- und Open-Educational-Resources-Produkten avisieren. Setzen wir diesen Schwerpunkt nicht, könnte das in eine Zweiklassengesellschaft münden: auf der einen Seite jene, die dann Zugang zu KI-Ressourcen haben, die perspektivisch wahrscheinlich auch hinter Bezahlschranken liegen werden, und jene, die diesen Zugang nicht hätten. Das gilt es zu vermeiden, und entsprechend haben wir diesen Schwerpunkt gesetzt. Dazu kämen auch hier wieder datenschutzrelevante Fragen beim Einsatz privater Angebote. Insofern ist dieser Antrag ein guter Aufschlag für die Auseinandersetzung mit dem Thema. Natürlich wird es in der Folge darum gehen, weitere Bereiche zu regeln oder sich anzuschauen. Es wird darum gehen, vertiefte pädagogische Konzepte zu erarbeiten. Wir werden perspektivisch das Thema KI auch irgendwo in den Curricula der Lehrausbildung abbilden müssen. Wir werden nach wie vor technische Voraussetzungen an den Schulen schaffen müssen, denn da, wo ich ja kein Internet und keine technische Möglichkeit habe, komme ich ja auch mit einer KI nicht weiter. Wir werden diese Prozesse weiterhin fortlaufend evaluieren und anpassen müssen. Aber um solche Fragen geht es heute, Stand hier, noch nicht. Heute geht es darum, diejenigen mit auf die Reise zu nehmen, die es am Ende machen und sich jetzt schon mit der KI auseinandersetzen müssen, die Lehrerinnen und Lehrer, die Schülerinnen und Schüler. Dafür legen wir mit dem Antrag die Grundlage. Ich bitte um Ihre Zustimmung. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE)

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