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Bettina Martin

16.06.2023 Sitzungen 8/57

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Abgeordnete! Die Fraktion der AfD bringt mit dieser Drucksache einen Antrag hier ins Parlament ein, an dem nichts neu ist. Er wurde in der Sache schon mehrfach in diesem Haus diskutiert, unter verschiedenen politischen Konstellationen. Das Ganze nun heute noch mal zu beraten, macht den Vorschlag nicht besser, (Horst Förster, AfD: Die Ablehnung nicht besser.) im Gegenteil, der Antrag der AfD enthält dazu noch viele falsche Fakten als Grundlage für ihre Argumentation. Und damit wir wissen, worüber wir hier eigentlich reden, werde ich diese Fakten jetzt erst mal geraderücken. (Zuruf von Jens Schulze-Wiehenbrauk, AfD) Es stimmt nicht, wie im Antrag dargestellt, dass in Mecklenburg-Vorpommern in den nächsten 15 Jahren 12.000 Lehrkräfte altersbedingt ausscheiden. (Zuruf von Jens Schulze-Wiehenbrauk, AfD) Auf der Grundlage der amtlichen Schulstatistik 2021/22 waren an den öffentlichen und freien allgemeinbildenden Schulen 7.000 Lehrkräfte über 50 Jahre alt, an den beruflichen Schulen waren es 1.100. Und es sind dann nach Adam Riese 8.100 Lehrkräfte, die in den nächsten 15 Jahren in den Ruhestand gehen werden und nicht 12.000. (Jens-Holger Schneider, AfD: Und wo zaubern Sie die her? Wo zaubern Sie die her?) Es geht jetzt erst mal um die Datengrundlage, die bei Ihnen falsch ist. Es ist davon auszugehen, dass der größte Anteil dieser Lehrerinnen und Lehrer in den nächsten sieben bis zehn Jahren aus dem Schuldienst ausscheiden wird. Danach werden aufgrund der, ja, der derzeitigen Altersstruktur unter den Lehrkräften die altersbedingten Abgangszahlen stark zurückgehen. (Torsten Renz, CDU: Das ist das, was ich immer erzähle, und die Koalition ist taub. Das ist genau das Thema.) Ja, es stimmt, (Zuruf von Torsten Renz, CDU) dass zur Absicherung von Unterricht in den allgemeinbildenden Schulen des Landes, vor allem bei den Grund- und Regionalschulen, und in besonderen Fächern die Ausbildungsanstrengungen weiter verstärkt werden müssen. (Unruhe bei Torsten Renz, CDU) Ansonsten aber werden die Einschätzungen, die diesem Antrag zugrunde liegen, weder von der Bildungsministerin noch von mir geteilt. Ein Wort zur Lehrerwerbekampagne, die die AfD hier wieder einmal kritisiert: Gut ausgebildete Lehrkräfte sind in allen Bundesländern heiß begehrt. Wir stehen da in heißem Wettbewerb mit anderen Bundesländern. Fast alle Bundesländer setzen derzeit eine Werbekampagne ein, um eben die eigenen Maßnahmen auch sichtbar zu machen. Und Sie können nicht wirklich meinen, dass wir diese Werbekampagne einstampfen hier in Mecklenburg-Vorpommern und den anderen das Feld überlassen. Nein, die Lehrerwerbekampagne in M-V ist nicht nur sehr effektiv, sie ist mehr als notwendig, und wir brauchen mehr und nicht weniger davon. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE) Und nicht zuletzt, weil die Landesregierung ein Anreizsystem für neue oder angehende Lehrkräfte geschaffen hat – das muss nämlich kommuniziert werden, auch in die anderen Bundesländer hinein, um unseren Wettbewerbsvorteil in vielen Bereichen auch klarzumachen, und gern auch in anderen Nachbarstaaten wie zum Beispiel Polen –, da sind, um nur ein Beispiel zu nennen, weil Sie das auch in Ihrem Antrag genannt haben, die Sonderzahlungen für Referendare im ländlichen Raum, sie zeigen nämlich Wirkung. (Heiterkeit bei Enrico Schult, AfD: Ja?) Mit den ersten drei Einstellungsterminen konnten 18 Schulen im ländlichen Raum mit Referendarinnen und Referendaren besetzt werden, die sich bisher vergeblich um Referendare bemüht haben. (Zuruf von René Domke, FDP) Ab dem 1. Oktober 23 werden diese Referendarinnen und Referendare mit einem Zuschlag von sogar 607 Euro pro Monat zusätzlich bezahlt, und bisher sind es 293. Das wird also auch noch mal zusätzliche Effekte erzielen. Doch nun zur ersten Phase der Lehrerbildung, nämlich dem Studium: Wir sind das einzige Bundesland, das sich je mal getraut hat, eine Studie in Auftrag zu geben, um mal herauszufinden, wie ist das eigentlich mit den Absolventinnen und Absolventen im Lehramtsstudium. (Zuruf von Thomas de Jesus Fernandes, AfD) Die Ergebnisse der sogenannten Radisch-Studie wurden 2019 vorgestellt, und seitdem haben wir erhebliche Anstrengungen unternommen, um gegenzusteuern und um die Lehramtsausbildung zu verbessern. Wir haben die Aufnahmekapazitäten erhöht, wir haben die Beratungs- und Betreuungsqualität verbessert und wir haben grundlegende qualitative Reformen vorgenommen. Erstens. Besonders angesetzt haben wir beim Grundschullehramt – sowohl qualitativ als auch quantitativ. In Rostock haben wir zum Wintersemester 21 zusätzlich 50 neue Studienanfängerplätze eingerichtet. Hier liegt nun die Studienkapazität bei 150 – also pro Jahr – statt bei 100, also um 50 Prozent erhöht. An der Universität Greifswald wurde ein komplett neuer Studiengang eingerichtet, der vom ersten Semester an duale Elemente enthält und besonders stark praxisorientiert ist, weil hier haben Sie ja recht, wir müssen mehr Praxis in das Studium bringen. Das haben wir bereits getan im Lehramtsstudium, nicht nur dort, aber auch im Lehramtsstudium in Greifswald. Da studieren nämlich die Studierenden vier Tage an der Uni, und einen Tag pro Woche von Anfang an gehen sie in eine Schule und werden dort direkt in der Schule angeleitet. Die Nachfrage nach diesem Studiengang ist riesig, und insgesamt stehen an beiden Universitäten pro Jahr durchschnittlich 222 Studienanfängerinnen- und Studienanfängerplätze zur Verfügung, allein im Grundschullehramt. Und insgesamt studieren derzeit fast 1.000 junge Menschen im Land allein in der Grundschulpädagogik. Auch im Bereich der Berufs- und Wirtschaftspädagogik haben wir in Rostock oben draufgelegt. Wir haben 25 zusätzliche neue Studienplätze, Studienanfängerplätze, geschaffen. Und dass generell – irgendwo stand das hier in Ihrem Antrag – die Bereitschaft von Studienanfängern abnimmt, ein Lehramtsstudium aufzunehmen, das können wir so nicht beobachten. Die Studienanfängerzahlen im Lehramt sind in den letzten drei Jahren angestiegen, und auch bei den Absolventinnen und Absolventen werden die Zahlen in den kommenden drei Jahren ansteigen. Das kann man ja prognostizieren. (Hannes Damm, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Ja, wenn die nicht abbrechen.) Und nun zum Vorbereitungsdienst: Was es bedeuten soll, dass der im Antrag als umständlich bezeichnet wird, erschließt sich mir nicht so richtig. (Zuruf von Enrico Schult, AfD) Fakt ist, der Vorbereitungsdienst bietet eine einzigartige Gelegenheit zum Lernen im Beruf, Lehrkompetenzen in der alltäglichen Schulpraxis zu erwerben und auch weiterzuentwickeln. Dass die Lehrerbildung berufsfeldbezogen und praxisorientiert sein soll, ist allgemeiner Konsens und spiegelt sich im sogenannten Quedlinburger Beschluss der KMK auch wider. Und da geht es mir vor allem um die erste Phase der Lehrerbildung. Es muss für die Studierenden bereits unmittelbar, nachdem sie dann die Uni aufnehmen, auch erfahrbar sein, welchen Beruf sie eigentlich danach haben werden, wie sie sich im Berufsfeld dann auch bewegen können, nämlich als Lehrkraft in ihrer Tätigkeit. Deswegen ist die Berufsfeldbezogenheit wichtig, gerade im Studium der Lehrkräfte. Und deswegen legen wir auch einen starken Fokus auf den Praxisbezug von Anfang an. Dafür ist aber auch keine pädagogische Hochschule notwendig. Nur ein einziges Bundesland, das sich in der jüngsten Werbekampagne etwas großspurig als das „THE LÄND“ nennt, hält diese Hochschulreform aufrecht. Und schaut man sich die pädagogische Hochschule in diesem „LÄND“ an, so sind sie nicht leistungsfähiger als die anderen lehrerbildenden Hochschulen in Deutschland. Und der Trend geht schon seit Langem in eine ganz andere Richtung: An den Universitäten selbst werden sogenannte Schools of Education gebildet, übrigens auch in „THE LÄND“, nämlich in Heidelberg. Oder es werden koordinierende Strukturen etabliert, um die Lehrerbildung kompakter zu gestalten und zu begleiten. Und diesen Weg gehen wir in Mecklenburg-Vorpommern. An der Uni Rostock ist das Landesweite Zentrum für Lehrerbildung und Bildungsforschung eingerichtet, und in allen lehrerbildenden Hochschulen gibt es entsprechende Zentren für Lehrerkräftebildung. Das alles trägt dazu bei, den Stellenwert der Lehrerbildung in den Hochschulen deutlich zu erhöhen. Und klar ist auch, eine pädagogische Hochschule müsste die Rahmenvorgaben und Standards für die einzelnen Fächer und Didaktiken, spezifizierte Curricula auch einhalten, so wie alle anderen Hochschulen auch. Da gäbe es gar keinen Unterschied. Und insofern, glaube ich, würde uns das überhaupt gar nicht weiterbringen. Die Rahmenvorgaben für die Lehrämter und die Standards der KMK für die einzelnen Fächer müsste sie genauso einhalten, sonst wäre nämlich ein Abschluss an so einer pädagogischen Hochschule in der ganzen Bundesrepublik gar nichts wert. Und das kann ja wohl nicht unser Ziel sein. Und übrigens, dass andere norddeutsche oder ostdeutsche Länder Erwägungen in Richtung einer pädagogischen Hochschule anstellen würden, ist mir nicht bekannt. Insofern gibt es da auch keine konkrete Perspektive, mit einer norddeutschen oder ostdeutschen pädagogischen Hochschule irgendwas gemeinsam zu betreiben. Hamburg hatte zu keinem Zeitpunkt eine pädagogische Hochschule. Insofern haben wir da auch keine Anknüpfungspunkte. Unbestritten, das Thema Lehrernachwuchs und eine gute und praxisorientierte Lehrerbildung sind nach wie vor eine große Herausforderung. Ich habe gesagt, wir haben schon viel getan. Meine Kollegin Oldenburg und ich, wir werden dieses Thema in dieser Legislatur auch weiter im Blick haben, weitere Schritte unternehmen, weil das ist ein wichtiges Thema, da können Sie sich sicher sein. Aber diesen Antrag brauchen wir dafür nicht. – Vielen Dank! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE)

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